Krebsforschung Können Darmbakterien im Kampf gegen Krebs helfen?

Darmbakterien spielen eine größere Rolle für die Gesundheit, als so mancher denkt. Foto: Fotolia/79403000
Darmbakterien spielen eine größere Rolle für die Gesundheit, als so mancher denkt. Foto: Fotolia/79403000

Bei der Jahrestagung diskutieren Krebsforscher darüber, wie Therapien besser anschlagen können. Tatsächlich zeigt sich: Wenn die Darmflora stimmt, haben Patienten auch bessere Überlebenschancen

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Stuttgart - Für was wird er nicht alles verantwortlich gemacht, der Darm und seine Billionen von mikrobiellen Bewohnern: Da wäre beispielsweise die wissenschaftliche Erkenntnis, dass die Zusammensetzung der Darmbakterien bei der Entstehung von Fettleibigkeit eine entscheidende Rolle spielt. Oder aber, dass der Darm unsere Gefühle beeinflusst, das Schmerzempfinden, soziale Interaktionen und sogar einige unserer Entscheidungen. Inzwischen erforschen auch Krebsmediziner den Darm. Sie haben herausgefunden: Auch im Kampf gegen Krebs spielen die dort lebenden 100 Billionen Mikroben eine wichtige Rolle.

Derzeit tagen 500 Krebsforscher in Stuttgart

Und so befassen sich bei der Jahrestagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaften für Hämatologie und Medizinische Onkologie, die gerade in Stuttgart stattfindet, die 5000 Krebsforscher unter anderem mit der Frage, wie das Mikrobiom das Immunsystem beeinflussen kann. Antworten darauf könnten nicht nur helfen, das Immunsystem besser zu verstehen, so der Kongresspräsident Lothar Kanz, sondern auch Krankheiten zu heilen, die entstehen, wenn das Ökosystem im Verdauungstrakt aus dem Gleichgewicht gerät.

In Tierversuchen hat man herausgefunden, dass Bakterien des Mikrobioms zur Entstehung von Darmkrebs beitragen können – etwa in dem sie in Zellen der Darmoberfläche einen bestimmten Signalweg aktivieren. Dieser führt dazu, dass verschiedene Prozesse in Gang gesetzt werden, die letztlich zu einer Vermehrung von Krebsstammzellen führen.

Ob eine Stammzelltransplantation anschlägt oder nicht hat auch mit dem Darm zu tun

„Aber auch bei der Krebstherapie kann die Zusammensetzung der Darmbakterien darüber entscheiden, ob die Behandlung anschlägt oder nicht“, sagt Kanz, der am Uniklinikum Tübingen die Klinik für Hämatologie, Onkologie, Immunologie und Rheumatologie leitet. Beispielsweise bei der allogenen Stammzell-Transplantation: Der Austausch des erkrankten blutbildenden Knochenmarks gilt als der letzte Rettungsversuch bei hämatologischen Erkrankungen wie bei bestimmten Formen der Leukämie.

Die Therapie ist jedoch riskant, weil die Konditionierung auch das Immunsystem ausradiert und die Darmschleimhaut beschädigt wird. Über die gestörte Barriere können Darmbakterien ins Blut gelangen und in den ersten Tagen nach der Transplantation – wenn sie noch kein neues Immunsystem gebildet hat – zu einer tödlichen Gefahr werden. „Dagegen zeigte sich, dass eine ausgeglichene Darmflora mit einer hohen Diversität der Bakterien nicht nur Infektionen vermeidet, sondern auch die Prognose der Patienten verbessert“, so Kanz.

Wie die Bakterien dem Immunsystem dabei helfen, Krebs zu bekämpfen, ist unklar

Ähnliche Experimente gab es auch bei Hautkrebs: In Tierversuchen war eine Immuntherapie nur dann erfolgreich, wenn es im Darm eine spezielle Zusammensetzung der Bakteriengemeinschaft gab. Die Forscher gingen daraufhin noch einen Schritt weiter: Verabreichte man den Tieren, die nicht so gut auf die Therapie ansprachen, diese spezielle Bakterienmischung, verbesserten sich deren Chancen ebenfalls.

Wie die Bakterien dem Immunsystem dabei helfen, Krebszellen zu bekämpfen, ist weitgehend unklar. Doch die Krebsforschung ist den Mechanismen schon auf der Spur: „Inzwischen wird nach Wegen gesucht, wie die Darmflora von Krebspatienten so manipuliert werden kann, dass sie die Therapien unterstützt“, sagt der Tübinger Krebsexperte Kanz. Doch allzu euphorisch dürfte man sich noch nicht zeigen: Bislang seien die Ergebnisse solcher Studien widersprüchlich.

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