Krebsfrüherkennung Wie gut ist der Fleckencheck per App?

Nutzer können Bilder von Hautstellen hochladen und beurteilen lassen. Je nach Anbieter werden die Fotos mit Algorithmen oder durch Dermatologen analysiert. Foto: AppDoc

Mehr als 250 000 Menschen erkranken in Deutschland jedes Jahr neu an Hautkrebs, bei steigender Tendenz. Es ist also wichtig, die Haut regelmäßig zu kontrollieren. Experten klären, ob man dafür extra zum Facharzt muss oder ob es eine App nicht ebenso gut kann.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Mehr als 1,8 Quadratmeter Haut bedecken einen Erwachsenen, darauf sind im Schnitt um die 30 Leberflecke verteilt. Und diese stehen unter Generalverdacht: Häufiger als gedacht, kann sich daraus eine ernsthafte Hautkrebserkrankung entwickeln. Daher lautet die Empfehlung der Experten, seine Hautpartien regelmäßig untersuchen zu lassen – vom Scheitel bis zur Fußsohle. Doch muss man sich dabei nur von einem Hautarzt untersuchen lassen – oder gelingt diese Früherkennung mittels Smartphone-App ebenso gut? Das sagen Experten:

 

Wie funktionieren die Apps?

Mit Hilfe der Anwendungen können Nutzer Fotos von Hautstellen hochladen und beurteilen lassen. Je nach Anbieter werden die Bilder mit Algorithmen analysiert, die darauf trainiert sind, gutartige Hautveränderungen von bösartigen zu unterscheiden. Teils sehen sich die Fotos Dermatologinnen und Dermatologen an und übermitteln dann eine Ersteinschätzung digital. Für die Nutzer ist der Service anonym. Allerdings können Servicegebühren fällig werden.

Wie gut sind die Apps?

Im Dezember 2022 hat die Stiftung Warentest 17 Apps geprüft und festgestellt: Viele der Anwendungen schätzen Hautveränderungen oft schnell richtig ein. Andererseits war keine App im Test fehlerfrei: „Etwa jeder siebte Hautkrebs wurde nicht erkannt“, lautet das Fazit der Warentester. Sie kürten AppDoc, entwickelt am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg (DKFZ), zum Testsieger: Die Dermatologen, die die Bilder anonym beurteilen, schätzten die Testfälle am besten ein und lagen fast immer richtig. Bei den Algorithmus-basierten Apps konnte die Anwendung „Skin Vision“ Hautveränderungen gut einschätzen – allerdings nicht bei Menschen mit schwarzer Hautfarbe.

Werden künftig mehr Algorithmus-basierte Apps den Hautcheck übernehmen?

Damit ein Algorithmus in der Lage ist, Hautmale zu beurteilen, wird er zuvor mit Bildern und deren Bedeutung gefüttert. Ist die Datenmenge groß genug, lernt der Algorithmus die betreffenden Merkmale selber zu finden. Und bisweilen kann ein selbst lernender Algorithmus sogar Eigenschaften erkennen, die für das menschliche Auge vielleicht weniger gut sichtbar sind. Es gibt mehrere Studien, die belegen, dass Künstliche Intelligenz (KI) Hautkrebs im Einzelbild besser diagnostizieren kann als es ein Facharzt vermag. Die erste Studie die eine Überlegenheit am Einzelbild bewies, wurde von Wissenschaftlern, darunter Titus Brinker, im Jahr 2019 im European Journal of Cancer veröffentlicht. Der angehende Dermatologe, der beim Deutschen Krebsforschungszentrum arbeitet und den Testsieger „AppDoc“ entwickelt hat, sagt aber auch: „KI kann ein nützliches Werkzeug für eine schnellere, einfachere Diagnose von Hautkrebs sein.“ Allerdings in den Händen eines erfahrenen Dermatologen. Es sei unwahrscheinlich, dass ein Computer einen Arzt komplett ersetzen wird.

Was sind die Nachteile der Algorithmus-basierten Apps?

„Das Problem bei KI generell ist, dass sie jede Eigenschaft aus den Trainingsbildern lernt und versucht, daraus für die Diagnose Regeln abzuleiten“, sagt der Krebsforscher Brinker. Wenn beispielsweise auf vielen Abbildungen von Melanomen Markierungen von der Operation zu sehen sind und bei Abbildungen von harmlosen Muttermalen keine, „dann assoziiert die KI diese Markierungen später mit Melanomen“, erklärt Brinker. Fehlen die Markierungen, ist für die KI ein Melanom dann fälschlicherweise vielleicht ein harmloses Mal. Oder umgekehrt: Wird ein harmloses Muttermal mit Markierungen der KI gezeigt, stuft diese aufgrund der Striche das Mal als Melanom ein. Hinzu kommt, dass mit Hilfe einer App niemals alle Hautflecken untersucht werden: Schließlich können damit nur die Hautstellen beurteilt werden, die Betroffenen selbst auffallen. Auffällige Hautveränderungen gibt es aber auch an Körperstellen, die der Betroffene schlecht einsehen kann – etwa Mundhöhle, Ohrmuscheln, Po- und Genitalfalten.

Wie gut sind die Nutzerdaten geschützt?

Das ist nicht immer ersichtlich. Nach Angaben der Stiftung Warentest war beispielsweise bei einigen Anbietern nicht klar, wann die gespeicherten Nutzerdaten gelöscht werden. Zumindest für die vom Krebsforschungszentrum entwickelte App kann Titus Brinker einen sicheren Datenschutz gewährleisten: „Weder ein Geburtsdatum noch ein Name wird abgefragt“, sagt Brinker. „Die einzelnen für die Diagnose relevanten Informationen werden zudem auf unterschiedlichen Datenbanken gespeichert, die wiederum hinter komplexen Sicherheitsstrukturen liegen, sodass sie nicht zusammengeführt werden können.“

Wie oft kommt es zu Überdiagnosen oder Falsch-Positiven Befunden?

Kritiker bemängeln, dass seit der bundesweiten Einführung des Hautkrebs-Screenings häufiger Melanome diagnostiziert werden, die Sterblichkeit am malignen Melanom jedoch nicht zurückgegangen ist. Ein Grund könnten Überdiagnosen sein. Sprich: Es werden Hautmale für Melanome gehalten, die aber tatsächlich harmlos sind. Ein Problem ist, dass die Unterscheidung zwischen bösartigen und gutartigen Hautveränderungen sehr komplex ist. Gleichzeitig gibt es Übergangsformen zwischen den beiden Ausprägungen. Und: Einige aggressive Hauttumore wachsen so langsam, dass sie nie lebensbedrohlich werden. Es gibt bislang keine Biomarker, mit Hilfe derer die Hautveränderungen besser beurteilet werden können. Präzisere Diagnosemöglichkeiten könnten die Anzahl der korrekten Diagnosen erhöhen, so Titus Brinker. Hier haben sich in Studien mit auf künstlicher Intelligenz basierenden Assistenzsystemen bereits erste Erfolge gezeigt, die allerdings noch in die klinische und pathologische Routine übertragen werden müssen.

Auffällige Male – Wann muss man zum Arzt?

Krankenkasse
Gesetzlich Versicherte haben ab einem Alter von 35 Jahren – in einigen Fällen bereits ab 20 Jahren – Anspruch auf ein Hautkrebs-Screening, das alle zwei Jahre stattfindet. Dabei untersucht der Arzt nicht nur Arme, Beine und den Rumpf, sondern auch Kopfhaut, Lippen, das Zahnfleisch, die Genitalien und die Fußsohlen. Zusatzleistungen wie Videodokumentationen kosten extra.

Hautveränderungen
Wird ein Muttermal dicker, wächst plötzlich oder beginnt zu bluten, ist Eile geboten. Auch eine scheinbar unauffällige, leicht raue Stelle, die ohne große Manipulation zu bluten beginnt, muss von einem Facharzt untersucht werden. Sie könnte ein Anzeichen für weißen Hautkrebs sein. Zwar müssen Patienten im Normalfall oft Wochen auf einen Hautarzttermin warten. „Bei Verdacht auf Hautkrebs wird ein seriöser Dermatologe innerhalb weniger Tage einen Termin anbieten“, ist sich Titus Brinker sicher.

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