Krebsgefahr in Ludwigsburg PCB Befund an PH-Mensa – So häufig kommen Schadstoffe an Schulen und Unis vor

Auch bei der Entscheidung, das Bildungszentrum West Ludwigsburg komplett neu zu bauen, war eine PCB-Belastung einiger Räume ein Argument. Foto: Simon Granville

PCB-haltige Baustoffe wurden ab den 1960er Jahren auch im Raum Ludwigsburg in mehreren öffentlichen Gebäuden verwendet. Eine Sanierung ist nicht immer möglich – und teuer.

Ludwigsburg: Sabine Armbruster (sar)

Der Fund erhöhter PCB-Werte in den Mitarbeiterräumen der Mensa an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg sorgt für Verunsicherung. Mehrere Beschäftigte sind an Krebs erkrankt – ein direkter Zusammenhang mit der Schadstoffbelastung ist bislang zwar nicht belegt, doch die Sorge wächst.

 

Dabei ist die Hochschule kein Einzelfall: In zahlreichen öffentlichen Gebäuden in und um Ludwigsburg wurden PCB-haltige Materialien verbaut. Vor allem zwischen den 1960er Jahren und dem bundesweiten Verbot 1989 kam der als krebserregend geltende Stoff beim Bau von Schulen und Hochschulen zum Einsatz. Ein Überblick über vergangene Fälle aus der Region zeigt, wie es an der PH weitergehen könnte – häufig bleibt nur der Abriss.

1. Betonbau am Mörike- und Schillergymnasium

Viele Ludwigsburger kennen ihn noch: den alten Betonbau, der 1969 auf den Pausenhöfen des Ludwigsburger Mörike- und Schiller-Gymnasiums errichtet wurde. Was man damals noch nicht wusste: Einige der verwendeten Baustoffe waren giftig und gelten heute als krebserzeugend. Vor allem PCB, polychlorierte Biphenyle, wurden bei Messungen im Jahr 2017 nachgewiesen – mit Werten von 300 bis 700 Nanogramm pro Kubikmeter Luft. Also deutlich unter dem nach wie vor gültigen Wert der PCB-Richtlinie.

Bereits 1998 empfahl ein Gutachten – das später im Rathaus verloren ging – den zeitnahen Abriss des Gebäudes. Ein Blick in die damalige Berichterstattung zeigt: Erst der öffentliche Druck von Eltern, Schülern und Lehrern setzte überhaupt Maßnahmen in Gang. Beschwichtigt wurden sie nicht. Das Gesundheitsamt erklärte zwar, mit den gemessenen PCB-Werten gingen „noch keine akuten Gesundheitsgefahren“ einher, auch „langfristige nachteilige gesundheitliche Einflüsse“ seien nicht zu erwarten. Doch die Zweifel blieben. Die Stadt reagierte – allerdings ohne durchschlagenden Erfolg: Weder verstärktes Lüften noch der Einbau eines Luftfilters brachten eine spürbare Verbesserung.

Schließlich wurde das Gebäude 2019 abgerissen. Mit ein Grund: Der Schadstoff bleibt nicht da, wo er ursprünglich einmal war, sondern lagert sich beim Ausgasen überall an – unter anderem in Fußböden und Betonwänden. Eine Sanierung wäre nicht wirtschaftlich gewesen. Der Neubau des Fachklassentrakts und der parallel erfolgende Umbau der Feuerseeturnhalle für die Ganztagesbetreuung kosteten zusammen knapp acht Millionen Euro.

2. Bildungszentrum West Ludwigsburg

Im Bildungszentrum West kämpfte man jahrelang gegen die erhöhten Werte der Luftschadstoffe Formaldehyd und PCB in einigen Räumen, bis 2017 der Beschluss zum Abriss und Neubau gefasst wurde. Der Vorsorgewert von 300 Nanogramm je Kubikmeter Atemluft wurde bei den Messungen erreicht, der Gefahrenwert von 3000 Kubikmetern nicht.

Dennoch wurden Vorsorgemaßnahmen getroffen. Eine mechanische Lüftung wurde installiert, die regelmäßig zugeschaltet werden muss. Außerdem müssen die Hausmeister täglich die Fenster öffnen, und es wird verstärkt gereinigt.

Der hinter den Bäumen gerade noch erkennbare Betonbau am Mörike- und Schiller-Gymnasium wurde nach dem Fund von PCB 2019 abgerissen. Foto: dpa

Bei der Entscheidung für einen Abriss haben die Schadstoffe laut Ludwigsburgs Oberbürgermeister Matthias Knecht eine Rolle gespielt, aber auch verschiedene andere Gründe wie schlechte Bausubstanz und Raumaufteilung. „Bis zur Fertigstellung des Neubaus wird durch regelmäßige Nachmessungen kontrolliert und die Räume werden weiter gereinigt und gelüftet, sodass die Schadstoffbelastung unter den Vorsorgewerten bleibt“, so der Oberbürgermeister. Aktuell rechnet man für den Neubau mit Kosten von rund 200 Millionen Euro.

3. Herzog-Christoph-Gymnasium Beilstein

Am Herzog-Christoph-Gymnasium in Beilstein wurden im Rahmen einer ohnehin seit längerem geplanten Generalsanierung im Jahr 2021 PCB-Werte festgestellt, die zum Teil den Gefahrenwert von 3000 Nanogramm je Kubikmeter Luft überschritten. Das Problem: Das mit PCB verseuchte Fugenmaterial fand sich im Bereich von Heizungsrohren, wodurch die Chemikalie verstärkt ausgaste.

29 Räume wurden sofort geschlossen und acht Monate lang saniert. Dabei wurden nicht nur die Fugenmasse entfernt, sondern auch Decken und Wände, in denen sich das Gift abgelagert hatte, einer Spezialbehandlung unterzogen. Rund 13 Millionen kostete die Generalsanierung der Schule, etwa eine halbe Million davon entfiel laut Bürgermeisteir Barbara Schoenfeld auf die PCB-Sanierung.

4. Zollberg-Realschule Esslingen

Ein besonders drastisches Beispiel eines PCB-Falles an einer Schule stammt aus Esslingen. Bei Messungen in der Zollberg-Realschule in Esslingen wurden 2019 ebenfalls teils Werte von mehr als 3000 Nanogramm PCB je Kubikmeter Luft festgestellt. Ein strenges Lüftungskonzept und abschnittsweise Sperrungen brachten nicht den gewünschten Erfolg.

Die Giftstoffe, darunter das besonders gefährliche PCB 118, hatten sich überall festgesetzt – Möbel, Bücher, Aktenordner und technische Geräte inklusive. Letzten Endes wurde die Schule abgerissen und neu gebaut. Kosten wird das Projekt, zu dem neben dem Ersatzneubau für das kontaminierte Haupthaus zwei Sanierungen gehören, am Ende rund 30 Millionen Euro.

Was ist PCB?

Gebäude
Die als giftig und krebsauslösend eingestuften PCB wurden bis zu ihrem deutschlandweiten Verbot im Jahr 1989 unter anderem in Dichtungsmassen, Isoliermitteln und Kunststoffen verwendet. In Gebäuden sind sie häufig als Weichmacher in Deckenplatten oder Fensterdichtungen zu finden.

Umwelt
PCB haben sich überall auf der Erde ausgebreitet. Sie sind in der Atmosphäre, den Gewässern und im Boden nachweisbar und werden deshalb auch über die Nahrung aufgenommen.

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