„Vergangene Woche, morgens um 8 Uhr, sind die Familien bei uns angekommen“, sagt Claudia Blattmann, Ärztliche Direktorin der Kinderonkologie am Klinikum Stuttgart. Viele hätten keine Unterlagen dabeigehabt. „Da wir keinen Dolmetscher hatten, haben wir unsere Putzfrau gebeten, für uns zu übersetzen.“ Inzwischen habe eine Ukrainerin das übernommen, eine angehende Ärztin im praktischen Jahr. Nach wenigen Tagen habe man die Chemotherapien wiederaufnehmen können, die in der Ukraine ausgesetzt werden mussten.
Unter Beschuss auf der Flucht
Viktoriya ist von der Behandlung müde und schwach. „Aber im Vergleich zur Ukraine ist alles gut“, sagt ihre Mutter Tatyana. Vor sieben Monaten sei das Sarkom entdeckt worden. Zehn Chemotherapie-Einheiten hat das Kind schon hinter sich. Viktoriya ist sehr mager, ihre Haare hat sie vollständig verloren. Die Medikamente für ihre Behandlung hat die Familie Ivanchenko selbst beschaffen und zur Hälfte bezahlen müssen. „Nach der letzten Chemotherapie in Kiew hat unsere Ärztin bei uns angerufen und gesagt, wir sollen sofort zum Krankenhaus kommen. Ein Bus würde die Kinder aus Kiew herausbringen und in deutsche Krankenhäuser fahren“, sagt Tatyana.
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Damit begann eine dramatische Reise. „Die Brücken zwischen unseren Ortschaften war schon gesprengt, wir haben mit einem Boot über den Fluss fahren müssen“, erzählt die Frau mit dem blonden Wuschelhaar, in das sich schon ein paar graue Strähnen geschlichen haben. Vor ihren Augen taucht wieder das Bild vom Nachbarort auf, völlig zerschossen von Raketen, „dort sind sehr viele kleine Kinder getötet worden“, erzählt sie sichtlich erschüttert. Vom Krankenhaus aus sei der Bus nach Lwiw, dann zur polnischen Grenze gefahren, „unter Beschuss“. Endlich, nach vier Tagen, haben die beiden das Olgahospital erreicht.
Der Knochen aus England kam zu spät
Die Busse sind von der Gesellschaft für pädiatrische Onkologie und Hämatologie gechartert worden. Die wissenschaftliche Fachgesellschaft setzt sich dafür ein, die Heilungschancen von Kindern und Jugendlichen mit bösartigen Erkrankungen zu erhöhen. „Viktoriya hat sehr gute Heilungschancen“, sagt Claudia Blattmann. Sie werde weiter chemotherapeutisch behandelt, man warte auf das Knochenimplantat, das ihr im Oberschenkel eingesetzt werde. „Ohne den Krieg wäre sie in Kiew schon operiert worden, aber der Ersatzknochen aus England ist nicht mehr angekommen. Das Flugzeug durfte nicht mehr landen“, erzählt die Ärztliche Direktorin. Für die Behandlung des Mädchens und der anderen drei krebskranken Kinder sei vom Sozialministerium und vom Sozialamt der Stadt Stuttgart eine Kostenübernahme zugesagt worden.
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Ums Wohnen muss sich Mutter Tatyana nicht sorgen. Das Blaue Haus des Förderkreises Krebskanke Kinder bleibt für beide ein Zuhause auf Zeit – „bis das Kind als geheilt entlassen werden kann“, sagt Geschäftsführerin Cornelia Völklein. Der Verein organisiert jetzt Kleidung und Lebensmittelgutscheine für die ukrainischen Familien, zahle das Willkommensgeld in Höhe von 200 Euro von der Deutschen Kinderkrebsstiftung aus und organisiere Unterstützungsleistungen. Und eine Dolmetscherin ist gefunden: Svetlana, eine Russin, die im Patientenmanagement im Olgäle arbeitet und beispielsweise dieses Gespräch übersetzt. Ehrenamtlich.
Brei zum Frühstück
Claudia Blattmann will Viktoriya ermuntern, Deutsch zu lernen, doch das Mädchen mit den traurigen hellblauen Augen hat großes Heimweh und keinen Kopf für so etwas. Die Ärztin wäre auch froh, wenn sie mehr essen würde, zu Kräften käme, doch „sie mag das Essen nicht“, sagt ihre Mutter. Zu Hause würde man zum Frühstück kein Brot essen, sondern eher Grieß- oder Reisbrei. „Eines der Kinder wollte morgens eine Suppe“, bestätigt Claudia Blattmann und entscheidet kurz entschlossen: „Viktoriya soll uns eine Liste machen mit dem, was sie mag.“ Auf das Wiedersehen der Familie in der Ukraine – Vater, Bruder, Großeltern – müssen die Ivanchenkos noch warten. „Wir sind sehr dankbar dafür, dass wir hier wohnen dürfen und Viktoriya hier behandelt wird“, sagt Tatyana, „aber wir hoffen, dass alles endlich aufhört und wir wieder heimkönnen.“
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