Die Schönbuchbahn zwischen Dettenhausen und Böblingen steht still. Wer in den Ersatzbus steigt, versucht erzwungenermaßen mit der Verkehrsmisere zurecht zu kommen.
„Bitte nicht einsteigen“, steht an dem einen Zug. Gegen 12.40 Uhr steigen doch zwei Männer ein, sie tragen gelbe Warnwesten mit der Aufschrift CAF, die sie als Mitarbeiter dem gleichnamigen Schienenfahrzeughersteller zuordnen lassen. Nur wenige Minuten später setzt sich die Schönbuchbahn, die Fahrgästen wie Betreibern seit geraumer Zeit den Nerv raubt, in Bewegung und fährt los – direkt vorbei an den ÖPNV-Kunden, die am Busbahnsteig 14 auf den Bus des Schienenersatzverkehrs RB46E warten, der zwischen Dettenhausen und Böblingen hin und her pendelt.
Der Schienenersatzverkehr pendelt zwischen dem Böblinger Busbahnhof und Dettenhausen. Foto: Wolfgang Berger
Schönbuchbahn: Experten des Herstellers arbeiten an einer Entstörung der Züge
Laut dem Landkreissprecher Benjamin Lutsch sind immer wieder Züge zwischen Böblingen und dem Bahnbetriebswerk unterwegs. „Die Leute von CAF sind vor Ort und versuchen, die Züge zu entstören“, sagt er. Sollte dies gelingen, würden „Stresstests“ ohne Fahrgäste folgen, bevor hoffentlich dann der reguläre und störungsfreie Betrieb aufgenommen werden kann. Bis es so weit ist, steigen die Menschen in die Busse, die allerdings morgens und abends zu den Stoßzeiten mit Berufstätigen und Schülern proppenvoll sind.
„Ich habe kein Verständnis dafür, dass man über Monate hinweg nicht in der Lage ist, einen Zug in Betrieb zu nehmen.“
Stefan Keppeler, ÖPNV-Nutzer
Um 13.06 Uhr soll der Schienenersatzverkehr (SEV) planmäßig in Böblingen abfahren. An der Haltestelle wartet bereits ein Pulk von Schülerinnen und Schülern. Der Bus kommt überpünktlich, die Frontanzeige beruhigt: „Verstärkerfahrt, 2. Bus folgt“. Zweckverband und Busunternehmen wissen um die Spitzen zu den Hauptverkehrszeiten und stellen zusätzliche Omnibusse zur Verfügung. Die überwiegend jugendlichen Fahrgäste steigen ein, jeder kann Platz nehmen, und die erste Fuhre setzt sich in Gang. An den nächsten Haltestellen aber füllt sich der Bus zusehends, und viele müssen nun mit einem Stehplatz vorlieb nehmen.
Schon in Holzgerlingen entspannt sich die Lage, an der Haltestelle Achalmstraße spuckt der Bus einen Schwall Fahrgäste aus, fährt halb voll weiter über den Bahnhof bis zur Endhaltestelle Tübinger Straße. Für diejenigen, die weiter nach Weil und Dettenhausen wollen, ist umsteigen angesagt. Das funktioniert in diesem Fall wie geschmiert. Einmal die Straße überqueren, schon naht der Folgebus und öffnet seine Türen. Entspannt geht es weiter bis nach Weil im Schönbuch, wo am Vormittag die Probe aufs Exempel mit dem SEV begonnen hatte.
Ersatzverkehr der Schönbuchbahn: Drangvolle Enge zu den Stoßzeiten
10.24 Uhr, Hauptstraße in Weil. Der zur Hälfte gefüllte Gelenkbus rollt mit einigen Minuten Verspätung heran. Wie sind die Erfahrungen von Menschen, die auf den Ersatzverkehr ausweichen müssen? Eine 17-jährige Auszubildende, die in Holzgerlingen zusteigt, berichtet: „Es gibt Tage, da sind die Busse komplett voll.“ Eine Mitfahrerin im gleichen Alter findet den Bus „angenehmer als die Bahn und auch zuverlässiger“.
Ein 37-Jähriger aus Weil, der auf dem langen Weg zu seiner Arbeitsstelle in Ludwigsburg ist, würde sich frühmorgens noch mehr Busse wünschen. Da sei es schon immer „extrem voll“, was die Fahrt sehr anstrengend mache. Der SEV habe gegenüber der Bahn persönlich für ihn aber auch einen Vorteil: Die Bushaltestelle liege praktisch direkt vor seiner Haustür.
Zum Glück könne er Gleitzeit in Anspruch nehmen, weshalb er an diesem Tag auch später dran sei. Satte anderthalb Stunden benötigt der Weilemer bis zu seinem Arbeitsplatz – wenn alles rund läuft. Häufig hakt es aber auch, immer dann wenn er die S-Bahn in Böblingen verpasst. Das liege nicht am SEV, auch mit der Schönbuchbahn passe der Anschluss allzu oft nicht. „Ich würde mir einen andere Taktung wünschen“, sagt der 37-Jährige, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.
Schönbuchbahn: Kopfschütteln über Technikprobleme
Stefan Keppeler ist 62 und ebenfalls aus Weil. „Der Schienenersatzverkehr ist zuverlässig“, stellt er grundsätzlich fest. Freilich wäre die Schönbuchbahn bequemer. „Mit der Situation ist keiner glücklich, aber man muss es nehmen wie es kommt. Für mich ist es erträglich“, sagt Keppeler. Insgesamt habe er Verständnis für die mit dem SEV verbundenen Unannehmlichkeiten. „Aber ich habe kein Verständnis dafür, dass man über Monate hinweg nicht in der Lage ist, einen Zug in Betrieb zu nehmen. Da scheint mir im Vorfeld doch einiges schiefgelaufen zu sein, entweder beim Hersteller oder bei der Anforderung“, fügt der Ingenieur hinzu.
Verkehrsärgernis ersten Ranges
Die Schuldfrage für die Misere zu klären, hat für den Gasthörer an der Universität Stuttgart, der gerade auf dem Weg zu einer Vorlesung ist, nicht erste Priorität. Wichtig sei, dass nun rasch eine Lösung für die technischen Probleme der Schönbuchbahn gefunden wird und damit das Verkehrsärgernis ersten Ranges ein Ende hat.
Indessen scheint es doch Licht am Ende des Tunnels zu geben. Nach einem Krisengespräch zwischen dem Böblinger Landrat Roland Bernhard und dem Hersteller CAF sollen die schwarz-gelben Nexio-Züge vom 23. Februar an wieder rollen. Vorausgegangen war ein mit Regressforderungen verbundenes Ultimatum des Landrats. Sollte die Frist allerdings gerissen werden, droht weiteres Ungemach. Denn zwischen Dettenhausen und Weil steht infolge einer Baustelle eine Straßensperrung an, die auch die Ersatzbusse ernsthaft ins Schleudern bringen würde.
Das Schönbuchbahn-Fiasko
Langer Anlauf Die Inbetriebnahme der neuen Elektro-Züge der Schönbuchbahn gleicht einer Serie von Pleiten, Pech und Pannen. Ursprünglich sollten 2021 bereits die Züge zwischen Böblingen und Dettenhausen fahren, doch es gab enorme Probleme bei der Zulassung. Ab Mai 2024 wurden die Starttermine dann immer wieder angekündigt und verschoben.
Stotterstart Im Sommer 2025 gingen die CAF-Züge endlich auf die Strecke. Doch im Betrieb gab es immer wieder Pannen, speziell mit den Bremsen. Zuletzt standen nur noch zwei funktionsfähige Fahrzeuge bereit, der Zweckverband legte den Betrieb daraufhin vorübergehend still. Nun gibt es Schienenersatzverkehr.