Kreis Böblingen Konjunkturmotor kommt nicht in Gang

Insbesondere die Industrieproduktion gibt im Kreis Böblingen noch immer Anlass zur Sorge Foto: dpa

Der Blick in die sonst erfolgsverwöhnte Wirtschaft im Kreis Böblingen fällt noch immer düster aus: Die Industrie- und Handelskammer sieht keinerlei Erholung.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Die Wirtschaft im Kreis Böblingen tritt weiterhin auf der Stelle – und das mit zunehmender Unruhe. Der aktuelle Konjunkturbericht der IHK-Bezirkskammer Böblingen zeichnet ein düsteres Bild der wirtschaftlichen Lage im Frühsommer 2025. Von einer Trendumkehr könne keine Rede sein, heißt es darin. Vielmehr rutscht vor allem die Industrie weiter ab. Für IHK-Präsident Andreas Weeber ist klar: „Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind für die Betriebe im Kreis weiterhin schlecht und eine baldige Trendumkehr ist leider nicht in Sicht.“

 

Sicher hätte Weeber zum Start seiner Amtszeit lieber ein anderes Bild von der Wirtschaft des erfolgsverwöhnten Landkreises gezeichnet. Doch statt mit dem Finger auf die Politik zu zeigen, ruft er dazu auf, die Ärmel hochzukrempeln: „Umso wichtiger ist es, dass wir Unternehmerinnen und Unternehmer in dieser Situation nicht allein auf die Politik bauen, sondern uns vielmehr auf unsere Stärke besinnen und selbst anpacken.“ Dies ist zwar ein Aufruf zur Eigeninitiative, aber zugleich Ausdruck wachsender Frustration.

Knapp ein Viertel der Unternehmen bewertet die eigene wirtschaftliche Situation als schlecht, weitere 50 Prozent als lediglich „befriedigend“. Nur ein Bruchteil zeigt sich optimistisch. Besonders alarmierend: Die Industrie im Landkreis befindet sich im Sinkflug. Der IHK-Indikator für den Sektor liegt mittlerweile bei minus 34 Punkten. Nur noch neun Prozent der Industriebetriebe sprechen von einer guten Lage, 43 Prozent hingegen sehen ihre Situation als schlecht an. Ursachen sind laut IHK-Analyse eine anhaltend schwache Inlandsnachfrage, Unsicherheiten durch die US-Handelspolitik, hohe Energiepreise und ein nicht endender Bürokratieaufwand.

Arbeitslosenquote steigt

Das führt vielerorts zu einem Personalabbau: Fast 43 Prozent der Industrieunternehmen planen, ihre Belegschaft zu reduzieren. Und obwohl der Fachkräftemangel viele Betriebe weiter beschäftigt, steigt die Arbeitslosenquote im Kreis auf inzwischen 4,2 Prozent – gegenüber 3,8 Prozent im Vorjahr. Auch aus den Rückmeldungen der Unternehmen in der IHK-Konjunkturumfrage ist hier in naher Zukunft kaum mit einer Verbesserung zu rechnen.

Ein kleines, aber fragiles Licht am Horizont leuchtet im Außenhandel. Während die Inlandsnachfrage weiter schwächelt, registrieren über ein Drittel der exportierenden Unternehmen leichte Verbesserungen im Auslandsgeschäft. Doch die Euphorie bleibt gebremst. Die von den USA angedrohten Zölle auf europäische Produkte sind lediglich aufgeschoben und nicht aufgehoben.

Auch der Handel im Kreis Böblingen leidet. Während der Großhandel unter der Auftragsflaute der Industrie ächzt, kämpft der Einzelhandel mit einem verunsicherten Konsumklima. Preissteigerungen und Zukunftssorgen drücken auf die Kauflaune. „Die Zurückhaltung der Verbraucher ist spürbar und lähmt jede Dynamik“, so die IHK. Am Bau bleibt die Lage ebenfalls angespannt. Trotz politischer Initiativen auf Bundesebene zeige sich kein Aufbruch: Bauherren verschieben, Investoren zögern.

Aus der Politik meldet sich als einziger der FDP-Landtagsabgeordnete Hans-Dieter Scheerer zum Konjunkturbericht zu Wort. Der Liberale zeigt sich sehr besorgt und fordert schnelle Maßnahmen der Politik: „Wir müssen Betriebe von unnötigem Papierkram befreien! Ein dreijähriges Bürokratie-Moratorium, ist dringend notwendig.“ Außerdem: Niedrigere Unternehmenssteuern, sinkende Energiepreise und ein flexiblerer Arbeitsmarkt.

Einzig die Dienstleistungsbranche entzieht sich in Teilen dem Abwärtstrend, so die IHK. 37 Prozent der befragten Betriebe melden eine gute Geschäftslage, nur 14 Prozent sind unzufrieden. Mit einem IHK-Indikator von plus 22 Punkten zeigt sich der Sektor stabil – vor allem in technologie- und wissensintensiven Dienstleistungen sowie im Gesundheitsbereich.

Positive Nachrichten kommen außerdem aus dem Bereich der Existenzgründungen: Über das gesamte Jahr 2024 wurden 2833 gewerbliche Neugründungen im Landkreis angezeigt, 493 davon „mit wirtschaftlicher Substanz“, also nicht im Nebenerwerb. Das teilte die IHK-Bezirkskammer im Frühjahr mit.

Dienstleistungssektor robust

Ein positiver Trend setzt sich fort

Damit erreichten 2024 sowohl die Neugründungen immer weiter Höchstwerte. Die Gründe dafür ließen sich insbesondere auch in der aktuell kriselnden wirtschaftlichen Lage im Landkreis finden: „Wenn Arbeitgeber der Region ins wirtschaftliche Schwanken geraten, sehen viele Fachkräfte einen Ausweg in der Selbstständigkeit. Gezahlte Abfindungen erleichtern diesen Schritt“, sagte IHK-Geschäftsführerin Marion Oker.

Der IHK-Konjunkturbericht

Indikatoren
Sie werden als Saldo von positiven und negativen Antworten zu den jeweiligen Fragen ermittelt und können zwischen minus 100 und plus 100 Prozentpunkten liegen.

Werte
Ein positiver Indikatorwert bedeutet, dass es mehrpositive als negative Antworten gibt. Diese waren zuletzt lediglich im Dienstleistungsbereich zu finden. Industrie und Handel verharren im negativen Bereich.

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