Kindergarten-Notstand im Kreis Böblingen Städte klagen über Mangel an Kita-Personal

Fachpersonal steht in den Betreuungseinrichtungen der Städte und Gemeinden leider nicht Schlange – das soll sich ändern. Foto: Imago

Weil überall Erzieherinnen fehlen, müssen Kitas immer wieder ihre Betreuungszeiten reduzieren. Allein in Böblingen und Sindelfingen sind 37 Stellen unbesetzt.

Kreis Böblingen - Bewerbungsgespräche führt Marliese Mayer fast täglich. Trotzdem hat die Abteilungsleiterin für den Bereich Kinderbetreuung bei der Stadt Böblingen nie genug Personal. „Aktuell fehlen uns 20 Fachkräfte“, sagt Mayer. Das klingt zunächst nach nicht viel, bei insgesamt 255 Vollzeitstellen und 330 Erzieherinnen und Erziehern. Kritisch aber wird es im Winter, wenn es krankheitsbedingt stets große Ausfälle gibt. Marliese Mayer bleibt in solchen Fällen nur eins: Die betroffenen Kindertagesstätten müssen ihr Angebot reduzieren.

 

Was bedeutet, dass die Betreuung in den Randzeiten, also frühmorgens oder nachmittags ab 16 Uhr, dann für einige Zeit wegfallen kann. Aktuell ist das in zwei Einrichtungen der Fall – bei drei weiteren vermutlich demnächst. Für viele Eltern ist das ein sehr großes Problem, das weiß auch Marliese Mayer. Doch ändern kann sie an der Situation nichts.

Immer mehr Kitas benötigen immer mehr Personal

Die Stadt Böblingen steht mit diesem Problem nicht alleine da. Auch in der Nachbarstadt Sindelfingen ist die Personalsuche eine Daueraufgabe. Dort sind aktuell 17 Stellen nicht besetzt, 14 weitere nicht mit Fachkräften. Ebenso beklagt die Stadt Herrenberg den Mangel von Erzieherinnen. Quer durch die Republik zieht sich der Personalmangel in den Kindertagesstätten. Und das hat einen guten Grund: „Wir haben ja in den vergangenen Jahrzehnten das Angebot stets weiter ausgebaut. Immer neue Kitas wurden gebaut, neue Einrichtungen geschaffen.“ Denn die Kommunen müssen die gesetzlichen Vorgaben erfüllen und möglichst für alle Kinder ab einem Jahr einen Betreuungsplatz anbieten. Und immer mehr Familien sind auch darauf angewiesen. Anders als noch vor 20 Jahren kehrt die Mehrheit der Mütter heute nach einem Jahr Elternzeit an ihren Arbeitsplatz zurück.

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Parallel dazu läuft die demografische Entwicklung, die auch beim Personal der Kitas nicht Halt macht. Viele Erzieherinnen stehen kurz vor der Rente, genügend junge Menschen, die nachkommen, sind nicht in Sicht. Und so konkurrieren die Städte und Gemeinden untereinander auf dem Arbeitsmarkt, um möglicht viele Fachkräfte für ihre Einrichtungen zu gewinnen.

Finanzielle Anreize und besondere pädagogische Konzepte

Finanzielle Anreize sind eine Methode. „Wir zahlen unseren Fachkräften eine Zulage“, sagt Marliese Mayer. 200 bis 300 Euro brutto pro Monat über Tarif erhalten die pädagogischen Fachkräfte in den städtischen Einrichtungen in Böblingen. Besondere pädagogische Konzepte sind eine andere Möglichkeit, Fachkräfte zu locken. So wirbt Sindelfingen mit seinem Konzept der Reggio-Pädagogik, das in allen 36 städtischen Kitas umgesetzt wird. In einer „Langen Nacht der Sindelfinger Kitas“, zu der die Stadt einmal im Jahr interessierte Fachkräfte einlädt, versucht man, das Konzept an die Leute zu bringen. In den Jahren vor Corona war das durchaus ein Erfolg. In diesem Jahr musste die Veranstaltung ausfallen. Die Stadtverwaltung hofft, im März 2022 wieder eine Lange Nacht anbieten zu können. Auch die Stadt Böblingen preist ihre pädagogischen Konzepte an. Gleich drei werden in den 27 Einrichtungen umgesetzt: Infans, Early excellence und Lerngeschichten. „Ein besonderes Konzept, das zu einer Erzieherin passt, kann durchaus ein entscheidender Grund sein, eine Stelle anzutreten“, weiß Mayer.

Herrenberg stellt spanische Kräfte ein

Einen ungewöhnlichen Weg geht die Stadt Herrenberg: Da der einheimische Bewerbermarkt leer gefegt ist, sucht die Verwaltung nun nach Personal im Ausland. Zwei Erzieher aus Spanien arbeiten bereits erfolgreich in zwei Kitas, vier weitere haben im Oktober ihr Anerkennungsjahr begonnen. Damit die Pädagogen auch über ausreichend Deutschkenntnisse verfügen, finanziert ihnen die Stadt einen Online-Sprachkurs, der sie bis zum Sprachniveau B2 führt.

Ob dies ein zukunftsweisender Weg zur Gewinnung von Fachkräften sein kann, wird sich wohl erst mit der Zeit erweisen. Auch andere Möglichkeiten nutzen die Städte. So werden überall für bestimmte Aufgaben auch Mitarbeiter eingesetzt, die nicht über eine Fachausbildung verfügen. Herrenberg bietet diesen Kräften an, sich berufsbegleitend zu qualifizieren. Ein Manko im pädagogischen Bereich sind die fehlenden Aufstiegsmöglichkeiten. Außer der Übernahme der Kitaleitung gibt es kaum Karrierechancen. Auch die Verdienstmöglichkeiten sind begrenzt. Eine Erzieherin nach der Ausbildung verdient um die 3000 Euro brutto, nach zehn Jahren 3900 Euro.

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