BW von oben Im Böblinger Süden hat sich die Stadt verändert und ist doch die alte geblieben

Blick übers Baumoval auf das Wohngebiet an Stelle der ehemaligen Sporthalle Foto: Archiv//Thomas Bischof

Wohnen unweit der grünen Lunge und Industrie mitten in der Stadt – im Böblinger Süden hat sich die Stadt nicht nur gewandelt.

Ab und an lohnt sich der Perspektivwechsel. Zum Beispiel, wenn es um ein Stück Böblinger Süden geht. Wer den Blick von oben im Jahr 1968 und heute auf das Quartier zwischen Baumoval und dem Beginn des Oberen Sees wirft, erkennt: Dynamik und Beharrungsvermögen begegnen sich hier auf wenigen Quadratmetern in eigentümlicher Weise. Die Stadt hat an diesem Ort in den vergangenen 50 Jahren ihr Gesicht stark verändert und ist an manchen Stellen doch die alte geblieben.

 

Auf den Schlachthof folgt das Baumoval

Beginnen wir mit der Dynamik und unten links auf dem aktuellen Foto. Für den Hingucker ist das eiförmige Gebilde zuständig, das sich Böblingen zur Landesgartenschau im Jahr 1996 gegönnt hat. Das Baumoval war einmal der östliche Abschluss des Gartenschaugeländes. Zig Bäume, zu einem lang gezogenen „O“ zusammengepflanzt, formierten sich zu einem grünen Ausrufezeichen am Ende des neuen Stadtparks.

Wo sich heute eine gewisse landschaftspflegerische Sorglosigkeit (oder schlichtweg die ökologische Selbstorganisation der Natur) breitmacht und die Stadt Luft zum Atmen schöpft, befand sich einmal die letzte Station für viele Tiere aus dem Landkreis. Auf dem historischen Foto aus dem Jahr 1968 sind die Gebäude des Schlachthofes zu erkennen, der für die Gartenschau in den 1990er Jahren nach Gärtringen weichen musste und dort vor Kurzem ein unrühmliches und vorübergehendes Ende nahm.

Legendäre Sporthalle weicht einer kompakten Wohnbebauung

Gegenüber dem Schlachthof ist ein Gebäude zu sehen, das damals nagelneu war und die aufstrebende Mittelstadt zu einer bekannten Nummer in der Republik werden lassen sollte. Die Sporthalle wartete auf mit schachtelförmigem Baukörper und raumgreifenden Park- und Brachflächen. Nachdem dort fast vierzig Jahre lang die Film- und Fernsehstars glänzten, die Rockgitarren kreischten und die Thomas Gottschalks Hof hielten, war 2008 Schluss mit Glitzer in der städtischen Halle. Zu teuer. Der Abriss folgte. Dem Bedürfnis nach Prominenz folgte das Bedürfnis nach Wohnraum. 18 Mehrfamilienhäuser stehen heute wie mit dem Geodreieck in die Landschaft gezirkelt an der Stelle, wo einst Pink Floyd, Deep Purple, Queen und Abba ihre Shows abzogen.

Grüne Lunge und Wohnhäuser statt Tierschlacht-Manufaktur und Hallensause: Der Wandel dieser Ecke zum bewohnerfreundlichen Quartier wird beim Blick von oben augenfällig. Schaut man nun auf die Mitte der Fotos, kann man erleben, dass so eine Stadt auch ziemlich zäh sein kann, wenn es darum geht, sich den Zeitläuften entgegenzustellen. Links und unterhalb des ehemaligen Sporthallengeländes hat sich vor über 60 Jahren bereits ein Industriegebiet ausgebreitet, das bis heute existiert und der Entwicklung der Stadt im Wege steht.

Zu beiden Seiten der Rudolf-Diesel-Straße hatten sich Autohandel, Autolackiererei, Glaserei, die Asphalt- und die Chemiebranche niedergelassen. Das Teerwerk ganz am linken Ende der Rudolf-Diesel-Straße ist längst zu Aldi, Omnibus Löffler gegenüber zu Lidl geworden.

Industriebetriebe wirken heute ein wenig fehl am Platz

Ein Teil der Ur-Unternehmen aus den 1960er Jahren ist auch heute noch präsent, in den übrigen Hallen und Gebäuden hat sich ein Sammelsurium an Betrieben niedergelassen. Branchen, die mitten in Böblingen etwas unstrukturiert und manchmal auch etwas unschön an Wohngebiete ecken und – das zeigt das aktuelle Foto – mittlerweile wie ein Fremdkörper im Quartier wirken.

Die Gelegenheit, den Firmen die Hulb oder das Flugfeld als Standorte zu empfehlen und an dieser Stelle noch mehr Wohnhäuser zu bauen, haben die Stadtverantwortlichen verpasst. Das Chemieunternehmen hat sich mittlerweile vergrößert, andere Firmen haben sich wohl ebenfalls auf einen Aufenthalt für die Zukunft eingerichtet. Mit dem innenstadtnahen Wohnen wird das an dieser Stelle wohl nichts mehr.

Obwohl die grüne Lunge Böblingens ganz in der Nähe atmet.

Serie „BW von oben“

Luftbilder von 1968
Die Serie „BW von oben“ zeigt den Wandel der Zeit – mit Luftaufnahmen von 1968 und heute sowie den Geschichten, die sie erzählen. Im Lokalteil heißt sie „Kreis Böblingen von oben“. Für unser Projekt haben wir 20 000 Luftbilder aufbereitet – für das ganze Land, durchsuchbar nach Adressen.

Vergleich
Online lässt sich ganz Baden-Württemberg aus der Luft im Vergleich 1968 zu heute erkunden. Userinnen und User mit Plus-Abo haben vollen Zugriff.

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