Kreis Böblingen Zahl der E-Autos steigt – aber manche Ladesäulen bleiben verwaist

Ein Elektroauto wird an einer Ladesäule aufgeladen. Foto: picture alliance/dpa

In unserem neuen Ladesäulenranking fällt der Kreis Böblingen auf: Die E-Mobilität nimmt zu – trotzdem bleiben die Ladesäulen mancherorts weitgehend ungenutzt. Was steckt dahinter?

Volontäre: Janina Link (jali)

Elektrisch fahren ist für viele Menschen nach wie vor keine Option. Nach der aktuellen Autostudie 2025, die von der Targo Bank in Auftrag gegeben wurde, ziehen lediglich 17 Prozent der deutschen Verbraucher beim nächsten Autokauf ein Elektrofahrzeug in Betracht. Eine der häufigsten Bedenken gegenüber Elektroautos: das vermeintlich unzureichende Ladenetz. 61 Prozent nennen es als Grund, kein E-Auto zu kaufen.

 

Um offen zu legen, wie es um die Ladeinfrastruktur in Baden-Württemberg bestellt ist, erstellt unsere Redaktion jedes Jahr ein sogenanntes Ladesäulenranking. Das ermöglicht uns zum ersten Mal, einen detaillierten Vergleich aller Städte und Gemeinden im Kreis Böblingen zu ziehen. Erfasst wird dabei nicht nur der Anteil der E-Autos in den einzelnen Ortschaften, sondern auch, wie viele E-Autos dort jeweils auf einen öffentlichen Ladepunkt kommen.

Es zeigen sich teils große Unterschiede. Während sich in Sindelfingen zum Beispiel nur knapp sechs E-Fahrzeuge rechnerisch einen Ladepunkt teilen, sind es im benachbarten Magstadt rund 47 elektrisch angetriebene Fahrzeuge.

Die Karte zeigt für alle Gemeinden im Kreis, wie viele E-Autos rechnerisch auf einen Ladepunkt kommen. Mit den Buttons können Sie auch zum Anteil der E-Autos an allen Pkw wechseln.

Laden will da kaum jemand

Doch wer jetzt denkt, in der knapp 10 000 Einwohner zählenden Gemeinde zwischen Sindelfingen und Renningen würden regelmäßig Kämpfe um einen Platz an der Ladesäule ausgefochten, der irrt sich. Die Tankstelle an der Bundesstraße 464 in Magstadt, an der ständig Autos vorbeirollen, ist gut besucht. Immer mal wieder stoppen Fahrer, steigen aus, schnappen sich die Zapfpistole, öffnen den Tankdeckel und beginnen zu tanken. Mal wird ein kurzer Plausch gehalten, mal scrollt jemand am Handy. Und über allem liegt der Geruch von Benzin und Diesel. Neben den Zapfsäulen stehen zwei Schnellladepunkte für Elektroautos – dort herrscht gähnende Leere.

Im Ort selbst gibt es noch weitere Ladepunkte, doch auch dort sieht es nicht viel anders aus. Laut Leonhard Weinmann, Sprecher der Gemeinde Magstadt, ist die Auslastung der zehn öffentlichen Ladepunkte im Ort eher „durchwachsen“. Sprich: Laden will dort offenbar kaum jemand – und das, obwohl man in Magstadt mit einem E-Auto-Anteil von 4,4 Prozent aller zugelassenen Pkw recht gut im Durchschnitt liegt.

Das ist ein Bild, das sich auch andernorts ergibt. Denn laut dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) ist die Auslastung der Ladestationen regional sehr unterschiedlich – in manchen Gegenden waren 2024 im Schnitt nur drei Prozent der Ladepunkte gleichzeitig in Gebrauch, in anderen vierzig Prozent. Das zeigt: viele Ladepunkte werden kaum genutzt.

Sindelfingen hat ein Vorteil, den viele andere Standorte nicht haben

Woran liegt das? Weinmann erklärt sich die geringe Auslastung der Ladepunkte folgendermaßen: „Viele Bürger in Magstadt haben ihr Eigenheim mit einer Wallbox ausgestattet – ebenso Wohneigentümergemeinschaften. Das merken wir an der verhaltenen Nachfrage an den Ladestationen.“ Am meisten und häufigsten werde zu Hause und bei der Arbeit geladen. „Das Laden an der privaten Wallbox ist viel günstiger als das Laden an einer öffentlichen Ladesäule. Die Tarife in Magstadt, wie auch in anderen Kommunen, liegen zwischen 69 Cent und 89 Cent pro Kilowattstunde. Der private Stromtarif beginnt bei etwa 33 Cent pro Kilowattstunde.“

Detaillierter Vergleich aller Städte und Gemeinden im Kreis Böblingen Foto: Bundesnetzagentur, Kraftfahrtbundesamt, eigene Berechnungen / Lange, Königsdorff

Etwas anders sieht das Ganze in Sindelfingen aus. Von rund 51 000 in der Stadt zugelassenen Pkw sind Stand Anfang April mittlerweile etwa 5500 Elektroautos – was einem E-Auto-Anteil von 10,8 Prozent entspricht. Und wie bereits erwähnt, kommen hier lediglich sechs E-Autos auf einen Ladepunkt – verfügt die Stadt dank Daimler auch über deutlich mehr firmeneigene Ladestationen. Das ist ein Vorteil, den viele andere Standorte nicht haben.

Von 5500 Elektroautos gehören 4347 Firmen, 1153 sind privat

Die Ladepunkte sind zwar hauptsächlich für Mitarbeiter reserviert, doch Besucher und externe Nutzer können zum Teil mit laden – wie zum Beispiel an den Ladesäulen am Tor 82 in Sindelfingen. Diese sind jedoch nicht mehr kostenlos; die Abrechnung läuft aktuell über die Daimler-Ladekarte oder über Gutscheine. Doch Daimler stellt offenbar gerade auf die App Chargepoint um – das geht aus Informationen in dieser App hervor, die Elektrofahrern das Finden und Bezahlen von Ladestationen erleichtern soll.

Die Präsenz des Autoherstellers prägt auch die Fahrzeuglandschaft in Sindelfingen. Da verwundert es nicht, dass die meisten E-Autos in der Stadt Firmenwagen sind: Von den 5500 Elektroautos gehören 4347 Firmen, nur 1153 sind privat.

Im Kreis Böblingen war die Auslastung der Ladesäulen im ersten Halbjahr 2024 laut dem BDEW vergleichsweise hoch. Die Vermutung liegt nahe, dass auch hier das Daimler-Werk eine Rolle spielt. Darauf deuten auch Nutzungszahlen der Nationalen Leitstelle für Ladeinfrastruktur hin, die sich jedoch nur auf die kleine Gruppe der Ladesäulen beziehen, die mit öffentlicher Förderung gebaut wurden. In Sindelfingen wurden diese Säulen 2024 im Schnitt 2,4 mal am Tag benutzt – etwa doppelt so oft wie in Leonberg oder Stuttgart.

Betrieb von Ladesäulen wenig attraktiv

Doch so sieht es eben nicht überall aus. Weil die Nachfrage zu gering ist, bedeutet der Betrieb einer Ladesäule für potenzielle Betreiber derzeit meist ein Minusgeschäft, erklärt Weinmann. Anders sehe es bei der Ladesäule aus, die bald am Lidl-Markt in Magstadt entstehen soll. „Lidl kann sich den Betrieb leisten, weil der Gewinn mit dem Lebensmittelverkauf erwirtschaftet wird.“

Nichtsdestotrotz wünscht die Gemeinde mehr Ladesäulen im Ort. Das ist aber gar nicht so leicht. „Wie wenig attraktiv der Betrieb von Ladesäulen ist, sieht man daran, dass es kaum Interesse an den möglichen Standorten in Magstadt gibt“, sagt Weinmann. Zwar sind im sogenannten Flächentool der Nationalen Leitstelle für Ladeinfrastruktur mehrere mögliche Plätze für Ladesäulen eingetragen, doch Betreiber und Investoren zeigen sich bisher wenig interessiert. „Wir haben deshalb schon beim Landkreis Böblingen angefragt, ob eine gemeinsame Ausschreibung gemacht werden kann, um mehr Interessenten zu finden.“

E-Mobilität im Kreis Böblingen

Daten
Das Ladesäulenranking unserer Redaktion basiert auf dem Ladesäulenregister der Bundesnetzagentur, die aktuellsten Zahlen reichen bis zum 31. März 2025 zurück. Bei der Behörde müssen alle öffentlich zugänglichen Ladesäulen gemeldet werden. Bei den E-Auto-Zahlen handelt es sich um die zum 01. April 2025 zugelassenen, rein batterieelektrischen Fahrzeuge (keine Plug-In-Hybride) in den jeweiligen Kommunen laut Kraftfahrtbundesamt.

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