Kreis Esslingen 42-Jährige ist neue IHK-Präsidentin – „Haben es uns auch ein bisschen bequem gemacht“

, aktualisiert am 03.03.2025 - 13:48 Uhr
Vanessa Bachofer ist positiv gestimmt, was die Zukunft der Industrie angeht. Foto: Roberto Bulgrin

Vanessa Bachofer ist die neue Präsidentin der IHK im Kreis Esslingen. Die 42-jährige Unternehmerin sagt, die Industrie galt zeitweise als Schmuddelbranche. Aus ihrer Sicht, muss sich das ändern, an der Industrie hänge viel Wohlstand.

Vanessa Bachofers Wortwahl ist auch mal drastischer. „Wir hatten eine Phase nach dem Dieselskandal, da war Industrie irgendwie eine Schmuddelbranche, hatte man so das Gefühl in der Politik“, sagt die 42-Jährige, die seit wenigen Wochen Präsidentin der Industrie- und Handelskammer im Bezirk Esslingen-Nürtingen ist. Bachofer sieht in der derzeitigen Krise strukturelle Probleme am Wirtschaftsstandort, die die Politik lösen muss. Aber auch bei den Unternehmen selbst liegt aus ihrer Sicht Verantwortung, mehr in neue Technologien und andere Innovationen zu investieren. Auf der anderen Seite fordert die Unternehmerin mehr Wertschätzung ein.

 

Bislang wirke sich das neue Ehrenamt noch nicht so stark auf ihren Alltag aus, sagt die Co-Geschäftsführerin der Firma Mack und Schneider. Bachofer war seit 2021 Mitglied des Präsidiums der IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen. Ihre Vorgängerin im Amt, Hotelchefin Heike Gehrung-Kauderer, hat den Wechsel nach Angaben der IHK initiiert. Sie ist nun Vizepräsidentin. Fortführen will die Neue den von Gehrung-Kauderer gepflegten, im Vergleich zu den männlichen Vorgängern lockeren und ein Stück weit herzlichen Umgang mit den Kollegen im Präsidium und in der Bezirksversammlung.

Vanessa Bachofer beim Interview im Podcast-Studio in Esslingen Foto: Greta Gramberg

Gleich in der Pressemitteilung zum Amtsantritt formulierte Bachofer den Anspruch, der Wirtschaftsstandort müsse attraktiv bleiben. „Nicht nur für Maschinenbau und Automobilbranche“, fügte die 42-Jährige an. „Wir müssen nahe liegende Tätigkeitsfelder wie Luft- und Raumfahrt, Health-Care und neue wie Bioökonomie und Datenwirtschaft in den Fokus nehmen.“ Dabei macht Bachofers eigener Betrieb den Großteil des Geschäftes in „Automotive“. Als Präsidentin spreche sie aber für den kompletten Bezirk, erklärt sie. Und auch Mack und Schneider merke, dass der Bereich ein hartes Geschäft sei. „Das ist jetzt nicht unbedingt ein wachsender Markt.“ Sie glaube, in der Region sei man gut aufgestellt, auch für andere Bereiche. Bachofer führt gut ausgebildete Fachkräfte, ein gutes Zusammenleben mit Politik und Behörden, eine gute Infrastruktur, die man jedoch besser pflegen müsse, und eine gute Forschungslandschaft an. „Da müsste eigentlich noch viel mehr möglich sein.“

Bachofer: Unternehmen müssen in neue Technologien investieren

Um den Wirtschaftsstandort attraktiv zu halten, findet Bachofer es wichtig, Gewerbeflächen verfügbar zu machen. Sonst wanderten innovative Firmen aus dem Landkreis ab. „Das andere ist natürlich die Verkehrsinfrastruktur. Da dauert es an der einen oder anderen Stelle sehr lang.“ Bachofer spricht etwa die Diskussion um die Verbreiterung der B 27 an. „Und was auf jeden Fall auch besser werden muss, ist das Thema bezahlbares Wohnen.“

Damit es wirtschaftlich wieder nach oben geht, hält es die neue IHK-Präsidentin aber nicht nur für wichtig, Forderungen an die Politik zu richten. „Das ersetzt nicht die Arbeit, die man vielleicht selber hätte machen müssen in den letzten Jahren.“ Sie denkt beispielsweise an Investitionen, um neue Geschäftsfelder zu erschließen – da könnten nach Bachofers Überzeugung insbesondere große Firmen schon weiter sein. „Ich glaube, da haben wir es uns auch ein bisschen bequem gemacht.“ Bachofer sieht die Unternehmen in der Pflicht, Geld nicht nur für Ersatzbeschaffungen in die Hand zu nehmen, sondern in neue Technologien oder auch organisatorische Innovationen zu investieren. „Ich glaube, da könnte noch mehr passieren. Und ich glaube, es wird jetzt auch mehr passieren, weil der Druck hoch ist.“

Bachofer: An der Industrie hängt viel Wohlstand im Landkreis

Viele Unternehmen orientierten sich mittlerweile um, beispielsweise von der Autoindustrie in Richtung Verteidigungs- oder Luftfahrtbranche. „Es ist Bewegung drin. Man kommt in Kontakt. Die IHK schaut, dass zum Beispiel zur Luft- und Raumfahrt der Draht ein bisschen mehr zum Klingen kommt. Und ich bin da jetzt nicht völlig pessimistisch. Unternehmer sind viel zu rührig und, glaube ich, zu schwäbisch, als dass man den Kopf in den Sand steckt.“

Doch die neue IHK-Präsidentin beschreibt es auch als Motivation für ihr neues Ehrenamt, das Image der Industrie zu verbessern und für Unterstützung zu werben. Infolge des Dieselskandals sei man unter einen enormen Rechtfertigungsdruck geraten. „Da war ja irgendwie klar: Ausbeutung der Menschheit und Vernichtung des Planeten, das ist unser Geschäftsmodell. Dagegen haben wir jahrelang permanent argumentieren müssen. Und jetzt merkt man so langsam: Hoppla, aber es hängt eben schon sehr viel Wertschöpfung dran. Es hängt viel Wohlstand dran. Gerade hier im Landkreis Esslingen.“ Bachofer wirbt um mehr Wertschätzung.

EZ-Talk Mehr von Vanessa Bachofer ist im Podcast der Eßlinger Zeitung zu hören unter https://ez-talk.esslinger-zeitung.de.

Näheres zu Vanessa Bachofer

Ausbildung
Die 42-Jährige ist Diplom-Kulturwirtin und hat einen Master-Abschluss in Philosophie, Politik und Wirtschaft. 2009 ist sie in das Familienunternehmen Mack und Schneider eingetreten, das sie gemeinsam mit zwei Cousins führt. In der Geschäftsführung ist sie für die Bereiche Einkauf und Gesundheit, Arbeitssicherheit und Umwelt zuständig.

Firma
Das Unternehmen mit etwa 140 Mitarbeitenden hat seinen Hauptsitz in Filderstadt und einen kleineren Standort in Thüringen. Es stellt Bauteile für verschiedene Anwendungen her und ist dabei auf die Spritzgussmethode spezialisiert. Rund 80 Prozent des Geschäftes werden laut Webseite im Automotive-Bereich gemacht, beispielsweise mit Lösungen für das Thermomanagement für Fahrzeuge. Kassenschlager sind elektrische Regelventile.

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