Kreis Esslingen Eine Atempause im Streuobstparadies

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Die Obsternte lässt in diesem Jahr zu wünschen übrig. Im Gegensatz zum Vorjahr hält sich der Andrang an den Sammelstellen in engen Grenzen.

Auch  in Dettingen sind weniger Äpfel als im Vorjahr angeliefert worden. Foto:  
Auch in Dettingen sind weniger Äpfel als im Vorjahr angeliefert worden. Foto:  

Dettingen - Im Streuobstparadies, das sich entlang des Albtraufs durch die sechs Landkreise Esslingen, Göppingen, Tübingen, Reutlingen, Böblingen und Zollernalb zieht, herrschen in diesem Herbst paradiesische Zustände: Es gibt weit und breit nichts zum Schaffen.

Auf den 24 000 Hektar Obstwiesen, auf die der im Jahr 2012 gegründete Verein ein Auge hat, muss man die Äpfel und Birnen derzeit mit der Lupe suchen. Nachdem sie den Moste­reien im vergangenen Jahr eine Rekordernte beschert hat, übt sich die Natur in dieser Saison in Enthalt­samkeit.

Karl Häussermann, der Juniorchef der Häussermann Fruchtsäfte, hätte gerne etwas weniger Paradies und dafür etwas mehr Arbeit. „Die Streuobsternte ist bisher sehr schlecht ausgefallen, aus unserer Sicht sogar schlechter noch als im Frostjahr 2017“, klagt er. Der Neckartailfinger Familienbetrieb, der als Marktführer im Landkreis Esslingen unter anderem Rewe und Edeka mit Fruchtsäften beliefert, würde schon lange auf dem Trockenen sitzen, wäre nicht noch genügend Saft aus dem Rekordjahr 2018 in den acht Millionen Liter fassenden Tanks. „Wir haben in diesem Jahr bisher zehn Prozent der Menge vom Vorjahr verarbeitet. Und es sieht nicht so aus, als würde sich das bis Saisonende ändern“, sagt Häussermann.

Bestände müssen sich erholen

Seiner Einschätzung nach gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Überangebot vom Vorjahr und dem Mangel in diesem Jahr, der über die natürliche Alternanz, die jährlich wechselnden Ertragsmengen im Obstbau, hinausgeht. „Letztes Jahr war viel zu trocken, und die Bäume haben extrem übertragen. Das rächt sich jetzt“, sagt er. Vor allem die klassischen Streuobstbestände, die einerseits überaltert seien und andererseits kaum gepflegt und schon gar nicht gedüngt würden, müssten sich von dem Stress des Vorjahres erst einmal erholen. „Im Gegensatz zu dem Einbruch auf den Streuobstwiesen ist die Ernte in den Tafelobstanlagen, in denen regelmäßig nach den Bäumen geschaut wird, zufriedenstellend gewesen“, führt Häussermann als Beleg an.

Auch am entgegengesetzten Ende des Landkreises Esslingen, in Reichenbach, tröpfelt der Most in diesem Jahr nur spärlich aus der Presse. „Seit Ende September sind nur zehn Tonnen Obst angeliefert worden. Das ist ziemlich genau die Menge, die wir im Vorjahr an einem guten Samstag verarbeitet haben“, sagt Fabian Röder von Wein & Getränke Röder. Das Reichenbacher Unternehmen bekommt die Äpfel und Birnen aus dem Raum Esslingen und von den Obstwiesen im unteren Filstal angeliefert – sofern es dort welche gibt.

Große lokale Unterschiede

Von den Fildern bis an die Teck reicht das Einzugsgebiet, das die Filderwerkstatt in Ostfildern abdeckt. An den beiden Sammelstellen in Dettingen/Teck und Ostfildern-Nellingen ist der Betrieb in diesen Tagen den Worten von Iris Keller zufolge überschaubar. Die stellvertretende Leiterin der Werkstatt, die vom Reha-Verein des Landkreises Esslingen getragen wird und 130 Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung anbietet, schätzt, dass an den Sammelstellen bisher nicht einmal ein Drittel der Vorjahresmenge zusammengekommen ist. Acht Euro pro 100 Kilogramm bekommen die Einlieferer für das konventionelle Streuobst. Die 90 zertifizierten Vertragspartner der Filderwerkstatt, die nach der EU-Bioverordnung wirtschaften, könnten mit bis zu 100 Prozent Zuschlag rechnen.

Iris Kellers Eindruck, wonach die Bäume in Dettingen in diesem Jahr mehr Früchte tragen als die auf den Fildern, kann Jens Häußler von der Obst- und Gartenbauberatung des Landkreises Esslingen nur bestätigen. Bei den rund 750 000 Obstbäumen im Kreis Esslingen gebe es in diesem Jahr große lokale Unterschiede. „Das Lenninger Tal ist vergleichsweise gut weggekommen“, sagt Häußler. Im unmittelbar benachbarten Neuffener Tal dagegen seien die Äpfel Mangelware. Unterm Strich allerdings würde er das Obstjahr 2019, mit Blick auf die 9600 Hektar Streuobstwiesen kreisweit, als gar nicht so schlecht einordnen, sagt der Fachmann.