Böllerverbot? Der Bundesverband Pyrotechnik fordert statt einem Untersagen ein energisches Vorgehen gegen illegales Feuerwerk. Die Meinungen im Kreis Esslingen sind geteilt.

Geliebt und gehasst. Das Silvesterfeuerwerk bietet für die einen genau den richtigen Knalleffekt zur Begrüßung des neuen Jahres. Für die anderen ist der Gedanke an die Böllerei mentaler Zündstoff mit Blick auf die Schäden für Menschen, Tiere, Umwelt und Natur. Verbote werden immer wieder diskutiert.

 

Der Bundesverband für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk fordert – auch in Verfolgung eigener Interessen – statt eines generellen Untersagens ein energisches Vorgehen gegen illegale Feuerwerkskörper und Explosionskriminalität. Die Ansichten dazu sind geteilt.

Eine populistische Nebelkerze

Die Verbotsdebatte, meint der Bundesverband für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk, sei eine populistische Nebelkerze. Denn das Problem liege eher in der unsachgemäßen Handhabung, der Nutzung illegaler Sprengkörper und ihrer leichten Verfügbarkeit. Durch selbst hergestelltes oder unerlaubt in Verkehr gebrachtes, gefährliches Feuerwerk sei es um den vergangenen Jahreswechsel herum bundesweit zu fünf Todesfällen gekommen. Der Zugang zu brandgefährlichen Explosivstoffen, so der Verband, sei sehr einfach. Nach wie vor könnten starke Knallkörper auch von Minderjährigen über Telegram, TikTok und einschlägige Websites niedrigschwellig bestellt werden. „Explosivstoffe für die professionelle Anwendung gelangen in großen Mengen nach Deutschland und in die Hände von Laien. Die damit einhergehenden Probleme lassen sich nicht in Debatten über Lärm, Umweltschutz oder Ästhetik auflösen, sondern betreffen Fragen der Kriminalität und Sicherheitspolitik.“ Gegen die Verwendung illegaler Feuerwerkskörper müsse etwa durch koordinierte Ermittlungsgruppen und eine bessere europäische Kooperation vorgegangen werden.

Höchste Feinstaubbelastung des Jahres

Jörg Sanzenbacher vom Verein Esslingen-Feinstaub-Lärm brennt dagegen nicht für das Silvesterfeuerwerk: „Die Interessen einiger weniger, die an der Böllerei verdienen, dürfen nicht länger über dem Wohl der Allgemeinheit stehen.“ Polizei, Feuerwehr und Notaufnahmen würden in der Silvesternacht regelmäßig an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geraten. Die extreme Lärmbelastung würde einen friedlichen und fröhlichen Jahreswechsel vielerorts unmöglich machen. Und: „Die höchste Feinstaubbelastung des gesamten Jahres fällt auf die Silvesternacht.“ Die gesundheitlichen Risiken – insbesondere für Kinder, ältere Menschen und Personen mit Atemwegserkrankungen – seien erheblich und gut dokumentiert. Der Verein fordere die Bundesregierung daher auf, ein bundesweites Verbot privater Böller und Feuerwerkskörper zu beschließen. Professionelle, zentral organisierte Feuerwerks- oder Lichtshows könnten eine sichere, umweltschonendere Alternative darstellen.

Das Feuerwerk als Umsatzbringer

Der Handelsverband Baden-Württemberg äußert sich zurückhaltender. Illegales Feuerwerk gehöre nicht zum Sortiment, sagt Hauptgeschäftsführerin Sabine Hagmann: „Vor diesem Hintergrund begrüßen wir ausdrücklich ein verstärktes Vorgehen gegen illegales Feuerwerk und die damit verbundenen Risiken. Ob Feuerwerk zum Jahreswechsel erlaubt sein sollte oder nicht, ist eine gesamtgesellschaftliche Frage, die gemeinsam diskutiert und entschieden werden muss. Dieser Debatte kann und will der Einzelhandel nicht vorgreifen.“ Ob der Feuerwerksverkauf allerdings seinen Gewinn anheizt, kann der Handelsverband Baden-Württemberg nicht sagen. Eine pauschale Aussage sei schwierig, da der Verkauf von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich gehandhabt werde, erläutert Sabine Hagmann: „Zahlreiche Unternehmer verzichten heute freiwillig auf den Verkauf.“ Der Handel biete ausschließlich geprüfte und zugelassene Feuerwerksartikel an und orientiere sich an den rechtlich erlaubten Angeboten sowie der Nachfrage der Verbraucher.

Das Feuerwerk als Tradition

Das Gewerbeaufsichtsamt im Landratsamt Esslingen nimmt laut Kreissprecherin Andrea Wangner deutlicher Stellung. Ein komplettes Verbot privater Feuerwerke zum Jahreswechsel scheine nicht zielführend: „Zwar sind die Belastungen durch Lärm, Feinstaub und Verletzungsrisiken ernst zu nehmen, gleichzeitig gehört das Feuerwerk für viele Menschen fest zur Tradition und zum persönlichen Freiheitsgebrauch.“ Statt pauschaler Verbote erscheine es sinnvoller, den Fokus auf die Bekämpfung illegaler und gefährlicher Knallkörper zu legen. Sie stellten ein erheblich höheres Risiko dar als zugelassene Produkte. Eine konsequente Kontrolle des Handels sowie verstärkte Aufklärung könnten hier wirksam zur Sicherheit beitragen, ohne den legalen Feuerwerksspaß grundsätzlich infrage zu stellen. Beim Kauf, so das Landratsamt, solle auf die CE-Kennzeichnung geachtet und vor dem Zünden die Gebrauchsanleitung sorgfältig gelesen werden. Die Gewerbeaufsicht werde auch in diesem Jahr stichprobenartig die fachgerechte Lagerung der explosionsgefährlichen Feuerwerkskörper im Handel kontrollieren.

Alkohol ist das größere Problem

Weniger das Feuerwerk als vielmehr der Alkoholkonsum sind laut Johannes Wagner, Chefarzt des Klinikums Esslingen für Akut- und Notfallmedizin, das Problem: „Generell können wir sagen, dass an Silvester vermehrt Verletzungen an Hand und Augen auftreten. Häufig sind diese auf eine unsachgemäße Anwendung oder Anwendung unter zu starkem Alkoholkonsum zurückzuführen.“ Die Alkoholintoxikationen und damit einhergehende Konfliktsituationen wie Schlägereien böten ein großes Gefährdungspotenzial: „Wir raten daher zu einem gemäßigten Alkoholkonsum, insbesondere aber dazu, mehr aufeinander acht zu geben.“ Die Notaufnahme bereite sich auf alle Situationen vor. Über die Feiertage erhöhe die Pflege ihre Personalstärke um etwa 25 Prozent. Der ärztliche Rufdienst werde ebenso angepasst.

Für viele gehört das Silvesterfeuerwerk zu einem gelungenen Jahreswechsel. Foto: Roland Weihrauch/dpa

120 Millionen Euro werden in die Luft gejagt

Der Naturschutzbund Nabu kann mit Argumenten den Ruf nach einem Verbot der Böllerei befeuern. Er verweist auf die Kosten: „Jedes Jahr jagen wir Deutschen über 120 Millionen Euro buchstäblich in die Luft.“ Dreck mache das „Schießen“ auch. Böllern verursache jede Menge Müll, der oft tage- oder wochenlang liegen bleibe. Regenfälle spülten die teils giftigen Rückstände in die Kanalisation oder ungefiltert in Bäche, Flüsse sowie ins Grundwasser mit Folgen für Mensch und Natur. Wildtiere würden tagelang unter den Folgen von Silvester leiden: „Der Krach lässt Wildvögel aller Arten – von Blaumeisen bis zu Gänsen, Kranichen, Greifvögeln – in Panik auffliegen. Sie fliehen kilometerweit und fliegen dabei ungewöhnlich hoch. Eine enorme Strapaze mitten im Winter.“ Vogelschwärme in Panik könnten an Glasscheiben oder Stromleitungen verunglücken. Auch andere Wildtiere, wie Fledermäuse, Eichhörnchen, Biber oder Rehe, würden durch den starken Lärm gestresst.

Stürze gefährlicher als Feuerwerk

Zu der Verbotsdebatte meint Pressesprecher Jan Schnack von den Medius-Kliniken in Kirchheim, Nürtingen und Ostfildern-Ruit: „Aus medizinischer Sicht ist jede Maßnahme sinnvoll, die die Nutzung illegaler oder unsachgemäß hergestellter Feuerwerkskörper reduziert. Unsere bisherigen Erfahrungen zeigen, dass schwere Verletzungen – insbesondere an Händen, Gesicht und Augen – meist im Zusammenhang mit nicht zugelassenen oder unsachgemäß abgebrannten Feuerwerkskörpern entstehen.“ Eine stärkere Bekämpfung des Handels und der Verwendung illegaler Pyrotechnik könnte daher durchaus dazu beitragen, das Verletzungsrisiko zu senken. Die Verletzungen durch Feuerwerkskörper seien im Vergleich zum gesamten Patientenaufkommen aber zum Jahreswechsel eher gering: „Wesentlich häufiger behandeln wir Sturzverletzungen – etwa durch Glatteis oder eingeschränkte Reaktionsfähigkeit infolge von Alkoholkonsum.“

Etwa 120 Millionen Euro werden laut NABU jährlich für das Silvesterfeuerwerk ausgegeben. Foto: imago images/Marius Schwarz

Schwarzhandel ist gestiegen

Der Verband der pyrotechnischen Industrie (VPI) verweist ebenfalls auf die Gefährlichkeit illegaler Feuerwerkskörper: Die Abgabeverbote zu Zeiten der Corona-Pandemie hätten dem Schwarzmarkt in die Karten gespielt, Handel und Import beflügelt. Besonders der Online-Handel mit in Deutschland verbotenem Feuerwerk aus osteuropäischen Ländern wie Polen, Tschechien oder Albanien nehme zu: „Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die Gewinnmargen bei manchen illegalen Produkten 20 bis 30 Mal höher als die Produktionskosten ausfallen.“