Kreis Esslingen Geld, Macht und Volksbildung: Der Aufstieg des Nürtinger Spitals

Stadtarchivarin Kathrin Siekmann, Museumsleiterin Melina Wießler und Gerhard Schmücker, Leiter der Hochschulkommunikation Hochschule Nürtingen/Geislingen (v. l.) Foto: pst

Von den Anfängen als Einrichtung der Sozialfürsorge über die Höhepunkte der Macht als Großgrundbesitzer: Die spannende Geschichte des Nürtinger Spitals.

Im Jahr 1526 erlaubte der zeitweilig in Württemberg regierende Erzherzog Ferdinand von Österreich der Stadt Nürtingen mit einer Urkunde den Bau einer Einrichtung „zu Vnnterhaltung der armen dürfftigen Leut“ – die Gründungsakte des Spitals, das sich in relativ kurzer Zeit zu einer der vermögendsten Einrichtungen Württembergs und zu einem einflussreichen Faktor in der Nürtinger Stadtpolitik entwickelte. Eine Ausstellung im Stadtmuseum Nürtingen zeichnet die Geschichte des Spitals von den Anfängen als Einrichtung der Sozialfürsorge über die Höhepunkte der Macht als Großgrundbesitzer und Geldinstitut bis zum Wirken als Schulträger nach.

 

„Obwohl es der Name nahelegt, war das Nürtinger Spital nie ein Krankenhaus“, erklärt Melina Wißler, die Leiterin des Nürtinger Stadtmuseums. Diese Funktion hatte vielmehr seit dem Mittelalter das Siechenhaus, weit außerhalb der Stadtmauer und jenseits des Neckars gelegen. Wißler hatte sich gemeinsam mit Nürtingens Stadtarchivarin Kathrin Siekmann auf die Spur des Nürtinger Spitals anlässlich dessen Gründung vor 500 Jahren gesetzt.

Lehrerseminar in den Spitalgebäuden Neckarsteige, Aufnahme Oktober 1910, Tor des Spitals links Foto: Stadtarchiv Nürtingen/Gabriele Frik-Heintschel

Bereits vor der offiziellen Gründung des Spitals existierte in Nürtingen eine Stiftung, die Almosen an Bedürftige weiterreichte. Neben Spenden waren die Erträge des Hofguts Tachenhausen bei Nürtingen die Einnahmequelle der Stiftung. Der Hof wurde als Gründungskapital in das Spital eingebracht und sorgte mit für den raschen Aufschwung der Einrichtung.

Nürtinger Spital beginnt, städtische Aufgaben zu übernehmen

Zu den anfänglichen Gebäuden des Spitals und ihrer Größe ist außer dem Standort im Stadtkern zwischen Neckarsteige und Stadtmauer nichts überliefert, die Dokumente im Stadtarchiv berichten jedoch sehr viel zu den Funktionen und vielfältigen Aufgaben des Spitals. „Das Spital unterstützte arme Bürger, diente der Waisen- und Witwenversorgung und war eine Rentenkasse. Mit der Zeit wurden auch immer mehr eigentlich städtische Aufgaben übernommen, in der Hilfe bei Katastrophen oder im Feuerlöschwesen“, erzählt Wißler.

Noch erhaltenes Tor zum einstigen Spitalgelände, heute bebaut und genutzt durch die Hochschule Foto: pst

Die ursprünglichen Gebäude des Spitals wurden 1752 beim großen Stadtbrand restlos zerstört. Wie das danach neu errichtete barocke Gebäude-Ensemble in der oberen Neckarsteige zeigt, wurde der Reichtum des Spitals dadurch freilich nicht wesentlich geschmälert. Die Ausstellung erläutert anhand einer Vielzahl an Archivalien und Objekten, wie die Spitalmeister den Reichtum durch den Kauf von Grundstücken vermehrten, das Spital zum Großgrundbesitzer wurde und hohe Einnahmen durch landwirtschaftliche Erträge, Pachten und den Handel mit Getreide und Wein erzielte, die in enormen Mengen in den Kellern und auf den Fruchtböden der Spitalgebäude gelagert wurden.

Die Ausstellung zeigt überdies auch, wie der Reichtum des Spitals zumindest zeitweilig das politische Gefüge der Stadt beeinflusste und auch veränderte, erlangten doch die Spitalmeister mit dem Amt auch persönlich hohe Vermögen und damit politischen Einfluss und Macht.

Hochschule Nürtingen-Geislingen heute in Spitalgebäuden

Ein weiterer wichtiger Aspekt, jener des Spitals als Schulträger, findet ausführlichen Platz, wirkt dies doch bis in die Gegenwart nach. Im Jahr 1534 verpflichtete der württembergische Herzog Ulrich das Spital, die Lateinschule zu unterhalten. Auch für die deutsche Schule und die 1783 gegründete erste Realschule des Landes stellte das Spital Geld zur Verfügung.

Nach der Auflösung des Spitals folgten als Nutzer der Gebäude an der Neckarsteige ein Volksschullehrer-Seminar, danach die Höhere Landbauschule und schließlich die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. „Wir sind die Erben einer langen Tradition der höheren Bildung in der Stadt“, sagt dazu Gerhard Schmücker, der Leiter der Hochschulkommunikation. Schließlich gibt es auch noch das Hofgut Tachenhausen, einst einer der Grundsteine des Spitals und heutzutage als Lehr- und Versuchsgut von der Hochschule Nürtingen betrieben.

Öffnungszeiten und Begleitprogramm

Öffnungszeiten
Die Ausstellung ist bis zum 27. September im Stadtmuseum Nürtingen, Wörthstraße 1, zu sehen, Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Samstag 14.30 bis 17 Uhr, Sonntag 11 bis 18 Uhr; der Eintritt kostet für Erwachsene drei Euro, ermäßigt zwei Euro, Familien zahlen fünf Euro, Gruppentarif ab zehn Personen 2,50 Euro pro Person.

Führungen
Dienstag, 19. Mai, Freitag, 19. Juni, Sonntag, 26. Juli; Vortrag zur Geschichte des Spitals, Montag, 13. Juli, Hölderlinhaus, Führungen durch die Spitalgebäude der Hochschule, Mittwoch, 1. Juli, Mittwoch, 5. August. Weitere Informationen gibt es unter: www.stadtmuseum-nuertingen.de

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