Kreis Esslingen Mit KI und Motion Capture: „Der kleine Prinz“ erwacht zum Leben

Kurze Verschnaufpause mit Blick in den Sternenhimmel: Jens Nüßle, Stephan Hänlein und Susie Rosina Pochert (von links) von der Theaterspinnerei Frickenhausen arbeiten in diesen Wochen an der Inszenierung ihres neuen Stückes „Der kleine Prinz“. Foto: gw

Die Theaterspinnerei in Frickenhausen arbeitet an ihrem neuen Stück: Über Daten-Anzüge werden Bewegungen der Schauspieler auf digitale Charaktere übertragen.

Gerade mal 70 Besucher finden in dem kleinen privaten Theater am Frickenhäuser Bahnhof Platz. Was das Mini-Ensemble der Theaterspinnerei dort seit gut 20 Jahren auf die Bühne bringt, hat jedoch Großstadtformat. Tiefgründige Interpretationen, spannende Ideen, verblüffende Inszenierungen und jede Menge Experimentierfreude sorgen ein ums andere Mal für frappierende Bild- und Klangwelten. Für das neue Stück hat das Team um Impresario Jens Nüßle den modernen Klassiker „Der kleine Prinz“ auf aktuelle gesellschaftliche Bezüge abgeklopft und mit viel multi-medialer Technik in Szene gesetzt.

 

„Über die Zerbrechlichkeit der Welt. Eine Reise in die Fantasie auf der Suche nach Wahrheit“ lautet der Untertitel, den die Theaterspinner ihrem kleinen Prinzen auf seine Expedition durchs Weltall mitgeben. In diesen Wochen, in denen die Inszenierung entwickelt wird, gleicht der Bühnenraum einer Werkstatt: Neben Leitern, Kabeltrommeln und Stativen finden sich Requisiten, Perücken und ein leuchtend blauer Gehrock mit Sternen.

Auf improvisierten Tischen in den Zuschauerrängen stehen Rechner, Bildschirme und Mischpulte. Eine übermannshohe Kuppel dominiert die Bühne, die sich drehen lässt: Mal ist die gläserne Kugel Spielfläche für die Schauspieler und gibt dabei den Blick direkt in Kopf und Gedankenwelt des kleinen Prinzen frei. Einmal gedreht, wird die zweite Kugelhälfte zur Projektionsfläche für die in Eigenregie produzierten Einspielfilme. Dafür wurde der gläserne Dom nach einem Entwurf des Künstlers Marcus Dreißigacker über und über mit von Hand ausgerissenen und mit glitzernden Magneten befestigten Papierstücken gestaltet.

Impresario Jens Nüßle animiert am PC die eingespielten Szenen. Foto: gw

Das am zweithäufigsten übersetzte literarische Werk nach der Bibel

„Der kleine Prinz“ des Franzosen Antoine de Saint-Exupéry, 1943 erschienen, wird in der ganzen Welt verehrt und gilt als das am zweithäufigsten übersetzte literarische Werk nach der Bibel. So ein Stück aufzuführen, kann ein Risiko sein: Jeder kennt die Geschichte, die Figuren und die legendären Illustrationen, die dem Autor selbst zugeschrieben werden. Das Werk funktioniert für Kinder als Bilderbuch genauso wie für Jugendliche auf Identitätssuche und für Erwachsene, die den philosophischen Gedanken nachspüren. Die Theaterspinner machen sich nicht nur formal, sondern auch inhaltlich ihren eigenen Reim auf das Werk. „Das Original spielt auf zig verschiedenen Ebenen, da liegen viele Schichten übereinander. Wir haben es gekürzt, für uns ergänzt und neue Dialoge geschrieben. Wir bleiben nicht nur in der schönen Erzählung, wir dringen auch in den Kopf des kleinen Prinzen ein: Was sagt die Vernunft? Was sagt der kleine Prinz? Wo erklingt die kritische Stimme des Erwachsenen? Was ist wahr? Wir spielen das Stück nicht nach, wir interpretieren es, aber ohne den Zauber kaputtzumachen“, gibt Jens Nüßle einen Vorgeschmack auf die Inszenierung.

Die Theaterspinner aus Frickenhausen setzen den literarischen Klassiker als poetische Illusion in Szene. Foto: gw

Mit „Motion Capture“ werden die Figuren lebendig

Ein kleines Theater, ein kleines Team, ein kleines Budget – dank Projektionstechnik können die Theaterspinner Bühnenbilder, Mitspieler und Traumwelten virtuell entstehen lassen und mit dem kleinen Prinzen zu seiner wundersamen Reise durch den Weltraum zu sich selbst aufbrechen: In speziellen Daten-Anzügen mit Sensoren haben Susie Rosina Pochert und Jens Nüßle Szenen eingespielt. Über dieses „Motion Capture“-Verfahren wurde jede ihrer Bewegungen registriert. Im Computer wurden diese fotorealistischen Bewegungen dann in animierte Charaktere in virtuellen Umgebungen übersetzt, die Marcus Dreißigacker vorab gezeichnet hat: Ein Reptil, die hochsensible Rose, der Säufer oder der Laternenanzünder, der auf einem großen Ziffernblatt auf einem aus Uhren bestehenden Planeten lebt. Am Theaterabend begegnen die Schauspieler dann diesen virtuell belebten Figuren live auf der Bühne und können vor Publikum mit ihnen kommunizieren – perfektes Timing vorausgesetzt.

Das Team der Theaterspinnerei stemmt vom Skript über Inszenierung, Regie und Dramaturgie, Schauspiel, Bühnenbau und -technik, Licht und Ton, Musik, Video und Animation bis hin zu Programmierung und Steuerung alles selbst. Im Lauf der Jahre hat das medienverrückte Team viele technische und digitale Werkzeuge selbst entwickelt. Als privates Theater ohne Fördermittel und mit kleinem Budget setzen die Theatermacher auf Kreativität. Die ungewöhnlichen Einfälle, so Jens Nüßle, kommen oft beim stundenlangen Tüfteln: „Etwas funktioniert nicht. Wir haben ein Problem, das wir lösen müssen. Wir müssen umdenken. Und plötzlich haben wir eine neue Idee. Aber ja, wir sind natürlich auch ein bisschen verrückt“, grinst er. Der Name „Theaterspinnerei“ kommt ja schließlich nicht von ungefähr.

Ein Faible für Technik und Medien

Echtzeit-Film
Die Illustration der Gedanken des kleinen Prinzen wird auf der Bühne live und in Echtzeit geschaffen. Unter dem Einsatz künstlicher Intelligenz wird etwa ein Bühnenhintergrund „im Stil von Salvador Dali mit einer Rose und wachsenden Grünpflanzen“ kreiert, in den das live aufgenommene Gesicht des Schauspielers hineinprojiziert wird. „So ist jede Aufführung jedes Mal anders“, erläutert Technik-Chef Stephan Hänlein.

Live-Zeichner
In einigen Szenen wird Marcus Dreißigacker direkt auf der Bühne malen. Diese Zeichnungen werden durch ein KI-gestütztes Programm verfremdet und ergänzt. „Das erzeugt eine völlig neue ästhetische Sprache“, betont Stephan Hänlein.

Entwicklung
Ihr Know-how haben sich die Theaterspinner selbst angeeignet, ihr technisches Equipment entwickeln sie stetig weiter. „KI ersetzt bei uns jedoch keinen Mitarbeiter, sondern sie macht mehr und anderes möglich. Sie ergänzt das Künstlerisch-Kreative“, betont Jens Nüßle.

Tickets
Premiere von „Der kleine Prinz“ ist am Sonntag, 3. Mai. Die Inszenierung sei kein Kinderstück, betonen die Theatermacher, die es frühestens für junge Zuschauer ab zehn Jahren in Begleitung empfehlen. Tickets und Informationen unter: www.theaterspinnerei.de

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