Eine Schwangerschaft ist ein großes Glück. Sie kann aber auch Auslöser für viele Fragen und Herausforderungen sein. Foto: Mascha Brichta/dpa-tmn/dpa
Kinderwunsch und Schwangerschaft sind große Themen für junge Paare. Oft stoßen Ideal und Wirklichkeit heftig aufeinander, vor allem, wenn eine Schwangerschaft nicht gelingt.
Die Themen Kinderwunsch und Elternwerden stehen bei der kostenlosen Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung der Bezirksstelle in Nürtingen vom Kreisdiakonieverband im Fokus. Oft kommen bei der Beratung von Frauen – aber auch Männern- alte Verletzungen zur Sprache, berichten die Mitarbeiterinnen. Dabei spiele häufig auch das Geschehen rund um eine Fehlgeburt eine große Rolle. Ein Thema, das immer noch tabuisiert werde.
„Psychische Belastungen werden oft als Babyblues abgetan“, fasst Claudia Brendel, die die Bezirksstelle leitet, ihre Beobachtungen zusammen. Und häufig kämen solche Belastungen, die bis zu Depressionen führen können, erst bei der zweiten Schwangerschaft zur Sprache, ergänzt ihre Kollegin Susanne Dörrich. „Manchmal wird es nach der Geburt vom ersten Kind noch weggeschoben“, berichtet sie, denn der Mutter-Mythos sei oft sehr groß und lasse eine Schwäche zunächst nicht zu.
Die bunten Bilder und Storys von angeblich immer glücklichen Müttern mit perfekten Körpern und pflegeleichten Kindern, wie sie neuerdings immer mehr Influencerinnen auf den sozialen Kanälen publizieren, tragen nach Überzeugung der Beraterinnen der Bezirksstelle vom Kreisdiakonieverband viel zu einem verzerrten Idealbild bei.
Der Alltag junger Mütter sieht oft anders aus als das Ideal
Und wenn eine erschöpfte junge Mutter feststelle, dass es bei ihr nicht so laufe, wie idealerweise geschildert, führe dass bei Frauen immer wieder zu „unfassbar mehr Scham, weil es bei mir nicht so ist“.
Oft bringe erst eine weitere Geburt, vor allem wenn sie besonders schwer war und eine Frau traumatisiert habe, die Probleme ans Licht und führe häufig zu einer Art Flashback. Oft sei auch eine Fehlgeburt der Anlass für Gesprächsbedarf. Es sei auf jeden Fall wichtig, dass Frauen ihre eigenen Bedürfnisse kommunizieren, fordern die Fachfrauen.
Und die Empfehlung mancher Ärzte, alles einer guten Freundin zu erzählen, sei meist kein guter Rat, denn die Freundin könne von ihrer Rolle her gar nicht neutrale Zuhörerin sein.
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Gerade eine Fehlgeburt, die viele Frauen erlebten, sei oft ein prägendes Erlebnis fürs ganze Leben. Da sei es beispielsweise hilfreich, gemeinsam in der Beratung ein Ritual für die Verabschiedung von diesem Kind zu entwickeln. Und anders als die Sicht vieler Mediziner, sei für die werdenden Mütter egal, in welcher Schwangerschaftswoche sie eine Fehlgeburt erleiden, denn für die Frau sei es eben meist ein Kind, auf dass sie und ihr Partner sich bereits gefreut haben.
Das Beratungs- und Gesprächsangebot in Nürtingen und Esslingen wende sich ganz ausdrücklich auch an die Eltern solcher Sternenkinder. Außerdem seien auch die Väter jederzeit alleine willkommen, ergänzt Dörrich. „Wichtige Angebote sind auch Rückbildungskurse für Mamas von Sternenkindern“, sagt die Beraterin.
Nicht jede Schwangerschaft führt zum Happy End
Die Sozialpädagogin Patricia Nagel, die in der Esslinger Beratungsstelle arbeitet, berichtet von Frauen, die mit Ängsten, Zwangsstörungen oder Panikattacken zu kämpfen haben. In solchen Fällen biete man einen schnellen ersten Termin an und in der Folge würden betroffene Frauen über einen längeren Zeitraum begleitet.
„Wir wollen den Frauen Raum geben zum Reden“, erklärt die Fachfrau und ergänzt, sie gebe keine Ratschläge nach dem Motto ‚es wird bald wieder besser’.
Viele Themen rund um Schwangerschaft und den eigenen Körper seien Tabuthemen, denn es handle sich um sehr private Dinge. Deshalb sei es wichtig, dass das Gegenüber vor allem zuhört, bestätigt Susanne Dörrich ihre Sicht.
Schlechte Erfahrungen in der Klinik für manche Familien
Manche Frauen würden von schlechten Erfahrungen bei einem Klinikaufenthalt berichten, wo den Schwangeren teils wenig sensibel begegnet werde. So habe eine Frau in der 40. Schwangerschaftswoche erfahren, dass ihr Kind tot sei. In der Klinik sei sie nicht aufgeklärt worden, dass sie nun eine Wehenmittel brauche, um das tote Kind zur Welt zu bringen.
Männer fühlen sich manchmal hilflos im Kreis Esslingen
Ihr Fall sei rein medizinisch abgehandelt worden, ohne auf die psychischen Herausforderungen der Frau einzugehen. Als die Frau nach drei Jahren während einer zweiten Schwangerschaft wieder das Gespräch in der Beratungsstelle gesucht habe, sei aufgefallen, mit wie vielen Ängsten sie ihrer erneuten Schwangerschaft begegnete und wie schwer alles auch für ihren Partner war, der sich hilflos fühlte.
„Sie dürfen hier weinen“, diese Aufforderung sei eine wichtige Botschaft an die betroffenen Paare, darin sind sich die Beraterinnen einig.
Kostenlos und für alle Konfessionen
Angebot Der Kreisdiakonieverband bietet an den Standorten Esslingen und Nürtingen die Schwangerenberatung und die Schwangerschaftskonfliktberatung an. Die Beratung ist kostenfrei. Die Beratenden unterliegen der Schweigepflicht und beraten auf Wunsch auch anonym. Beraten wird unabhängig von Herkunft, Konfession, Weltanschauung, körperliche Einschränkung und sexueller Orientierung.
Nachfrage Im Jahr 2024 ist die Beratungsstelle in Nürtingen von 340 Menschen aufgesucht worden, in Esslingen waren es im vergangenen Jahr 320. Pro Beratung finden in der Regel zwei bis drei Gespräche statt. Rund ein Drittel davon entfallen auf den Bereich Schwangerschaftskonfliktberatung.