Das Interesse an einem in den Wäldern des Landkreis Esslingen lebenden weißen Rehbocks ist riesig. Ein Reh-Tourismus würde die Tierwelt stören. Deshalb hält das Forstamt den Aufenthaltsort weiter geheim.

Kreis Esslingen - Eine weiße Laborratte hat jeder schon mal gesehen. Sie würde keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken. Aber ein weißes Reh? Ein solches Tier mit seinem großen Seltenheitswert hat jetzt der Naturfotograf Markus Pieger aus Wendlingen in den Wäldern des Landkreises Esslingen vor die Kamera bekommen. Wo genau das Tier herumspringt, will das Kreisforstamt weiter nicht verraten. Es soll vermieden werden, dass sich Schaulustige auf die Suche nach dem Albino machen.

Knapp 100 000 Menschen werden im Internet aufmerksam

Die Sorge ist berechtigt. Über die Erscheinung hat unsere Zeitung bereits im Internet berichtet. Der Artikel verbreitete sich rasant und erreichte eine ungewöhnlich hohe Reichweite. Knapp 100 000 User klickten den weißen Rehbock bisher an.

Waldarbeiter, Jäger und der zuständige Revierleiter haben den Rehbock bereits mehrfach zu Gesicht bekommen. Dieses Glück ist dem Leiter des Esslinger Kreisforstamts, Anton Watzek, zwar noch nicht vergönnt gewesen. Aber er hat die beeindruckenden Bilder gesehen und bemerkt zu Recht: „Diese weiße Silhouette im Wald hat schon etwas Mystisches, die Fotos wirken, als wären sie einem Fantasy-Film entnommen.“ Anton Watzek denkt bei dem Anblick spontan an ein Einhorn. Mit dieser Assoziation ist er sicherlich nicht allein.

Das Ökosystem Wald reagiert empfindlich

Rund 19 500 Hektar Wald bewirtschaftet das Forstamt im Kreisgebiet. Wo in den 16 Revieren sich der weiße Bock aufhält, ist ein Geheimnis. „Wir haben die Angaben darüber, wo genau das Tier gesichtet wurde, bewusst weit gefasst und auch den Revierleiter nicht namentlich genannt, weil sonst die Gefahr besteht, dass sich sehr viele Fotografen auf den Weg machen und den Wald in der Dämmerung durchkämmen, um das Tier aufzuspüren“, erklärt Anton Watzek. Die Leuten würden vermutlich querfeldein laufen und eine „intensive Beunruhigung“ der Tierwelt verursachen. Dies wäre für das Ökosystem Wald schädlich. Dennoch habe das Forstamt die seltenen Bilder der Öffentlichkeit nicht vorenthalten wollen. „Daher haben wir diese Version gewählt“, erläutert Forstmann Watzek.

Der Wildtierforschungsstelle Baden-Württemberg in Aulendorf seien außer dem weißen Bock im Kreis Esslingen keine weiteren Meldungen über Albinorehe im Land bekannt, daher gebe es auch keine gesicherten Zahlen über die Häufigkeit dieser genetischen Anomalie bei Rehwild. Allerdings ist mehrmals in den vergangenen zwei Jahren ein weißes Reh auf der Markung des Ludwigsburger Stadtteils Neckarweihingen aufgetaucht. Auch von diesem Tier sind spektakuläre Aufnahmen veröffentlicht worden. Rund um den Ort hat das schneeweiße Tier bei vielen Menschen die Fantasie angeregt.

Weiße Rehe gab es schon einmal bei Dettingen und Neidlingen

Albinismus beruht auf einer Stoffwechselstörung der Pigmentzellen, die für die dunkle Färbung von Haut, Fell und Augen zuständig ist und auf einem Gendefekt beruht. Tierische Albinos sind gegenüber Artgenossen benachteiligt, weil sie schlecht getarnt sind und wegen Sehstörungen oft nicht rechtzeitig fliehen können. Dem Esslinger Albino-Rehbock dürfte jedoch die größte Gefahr vom Autoverkehr drohen, denn die Jäger schonen das Tier schon seit längerem, so Anton Watzek. Außerdem bringt das Schießen weißer Rehe laut Aberglauben großes Unglück.

Anton Watzek schätzt das Alter des Rehbocks auf zwei bis drei Jahre. Bei Menschen sind Albinos wegen ihrer Andersartigkeit oft ausgegrenzt. Dieses Schicksal wird dem Bock innerhalb der Rehfamilie erspart bleiben. Watzek erwartet, dass sich das Tier ganz normal paaren und fortpflanzen wird.

Der weiße Rehbock ist übrigens nicht das erste Tier seiner Art im Landkreis Esslingen. Zwar ist der Anblick selten, doch schon einmal, vor vielen Jahren, sind weiße Rehe bei Dettingen und bei Neidlingen im Wald vorgekommen. Wie ein Zeitzeuge sich erinnert, hat die Ricke bei Dettingen sogar wiederum Nachwuchs mit einem weißen Fell bekommen. Weiter nördlich in Baden-Württemberg, bei Buchen (Neckar-Odenwald-Kreis) ist vor rund einem Monat ein weißes Reh an einem Straßenrand bemerkt worden. Und kurz vor Weihnachten im vergangenen Jahr tauchte in einem Waldgebiet bei Mönchengladbach (Nordrhein-Westfalen) ein weißes Reh auf. Waldspaziergänger glaubten laut Zeitungsberichten ihren Augen nicht zu trauen. Einige hielten das Reh für einen großen weißen Hund

Hobby-Künstler lassen sich von weißem Reh inspirieren

Im Unterschied zu Esslingen ist der Aufenthaltsort des Neckarweihinger Rehs bekannt geworden. Das hat zu einem ziemlichen Hype geführt. So haben sich etwa auf dem vergangenen Weihnachtsmarkt Arbeiten von Hobby-Künstlern mit dem Tier mit Gendefekt beschäftigt. So lange der weiße Rehbock wie Bambi geschützt im Dickicht eines Esslinger Waldes leben kann, hat er Ruhe. Das Tier wirkt dadurch weiterhin vor allem eines: mystisch.