Kreis Esslingen Wo das gelbe Band weht, winkt reiche Ernte

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„No nix verkomma lassa“ – diese schwäbische Lebensweisheit liegt der Aktion Gelbes Band zugrunde. Stücklesbesitzer, die ihre Obstbäume nicht abernten wollen, können sie mit einem gelben Band markieren und damit der Öffentlichkeit freigeben.

Auch unter der Teck sollte das gelbe Band häufig wehen Foto:  
Auch unter der Teck sollte das gelbe Band häufig wehen Foto:  

Esslingen - Wir freuen uns, wenn Sie Ihr nicht benötigtes Obst anderen zur Verfügung stellen“, das ist die zentrale Botschaft der Initiative „Gelbes Band“, die der Landkreis Esslingen im Vorfeld der diesjährigen Obsternte ins Leben gerufen hat. Die Besitzer von Obstbäumen, die mit den großen Mengen an Früchten überfordert oder aus Altersgründen nicht mehr in der Lage sind, die Äpfel oder Birnen auf ihrem Stückle selbst zu pflücken, sollen die entsprechenden Bäume mit einem einheitlichen gelben Markierungsband kennzeichnen. Die in der Landschaft nicht zu übersehenden Bänder senden ein Signal an alle: Hier darf ich mich guten Gewissens bedienen.

„Immer häufiger werden Streuobstbäume nicht abgeerntet, und das Obst verfault auf und unter den Bäumen. Da wollen wir mit der Aktion Gelbes Band gegensteuern“, sagt Jens Häusler von der Obst- und Gartenbauberatung des Landkreises Esslingen. Zwar hätten einzelne Kommunen bisher auch schon zu vergleichbaren Aktionen aufgerufen, doch in diesem Jahr laufen die Organisationsfäden zum ersten Mal unter dem Dach des Esslinger Landratsamts zusammen. Allein diese Bündelung, die mit einer entsprechenden Öffentlichkeitsarbeit verbunden ist, hat in den Augen Häuslers schon zu einem Erfolg geführt. „Immerhin 35 der 44 Städte und Gemeinden des Landkreises beteiligen sich an der Aktion“, sagt der Obst- und Gartenbauberater.

Die Idee „Obstbaumversteigerung“ weiter gedacht

Die Idee, Bäume zum Abernten freizugeben, bevor das Obst verfault, ist eine Weiterentwicklung der Obstbaumversteigerungen, die in den vergangenen Jahren in vielen Gemeinden wegen des zu großen Aufwands einerseits und des mangelnden Interesses andererseits eingestellt worden waren. „Geld ist da nicht mehr verdient. Die Gemeinden müssen froh sein, wenn die Äpfel, Birnen und Zwetschgen von ihren Bäumen überhaupt geerntet werden“, sagt Häusler.

Der Landkreis verfügt mit rund 9600 Hektar Streuobstwiesen über eine der größten zusammenhängenden Flächen in Europa. Wie viele der schätzungsweise darauf stehenden 760 000 Obstbäume den Städten und Gemeinden selbst gehören, und wie viele in privater Hand sind, kann Häusler nicht sagen.

Das gelbe Band macht ohnehin keinen Unterschied. Alle teilnehmenden Kommunen haben in der vergangenen Woche Post aus dem Landratsamt bekommen. Auch im Rathaus von Owen ist das Paket angekommen – jeweils zwei Rollen à 75 Meter. Bei Karin Bazle, die sich im Rathaus von Owen als Ansprechpartnerin zur Verfügung gestellt hat, liegen die Bänder griffbereit im Rathaus. Setzt sie die Schere bei jeweils einem Meter Bandlänge an, dann reicht das Material für die Kennzeichnung von rund 150 Bäumen.

Skepsis an der Basis

Doch die Sekretärin von Bürgermeisterin Veronika Grötzinger ist skeptisch. „Wir haben es im vergangenen Jahr, als die Bäume so voll hingen, auf eigene Faust mit einem weißen Band probiert und im Gemeindeblatt beworben“, sagt sie. Die Resonanz war bescheiden. „Genau ein Obstbaumbesitzer hat sich ein Band auf dem Rathaus abgeholt“, erinnert sich die Rathausmitarbeiterin.

Einen anderen Ansatz verfolgt die Gemeinde Aichtal. Auf Initiative des Ortsverbands von Bündnis 90/Die Grünen gibt es dort eine Streuobstwiesenbörse, die Baumbesitzer und erntewillige Mitbürger zusammenbringt. Auch hier, wie beim gelben Band, ist das Rennen um die Bäume am Montag eröffnet worden.

So oder so – an Obst sollte es in diesem Jahr nicht mangeln. „Guter Durchschnitt, viel besser als im Mangeljahr 2017, aber deutlich weniger wie im Rekordjahr 2018“, so schätzt Häusler die in diesem Herbst zu erwartende Ernte ein. Nimmt man die Öffnungszeiten der Obstannahmestellen im Landkreis als zusätzlichen Maßstab, dann ist Häusler mit seiner Prognose eher auf der sicheren Seite. „Die Annahmestellen haben ihre Öffnungszeiten im Vergleich zum Boomjahr 2018 nicht verändert“, so der Fachmann. Auch beim Preis für den Zentner Obst – rund vier Euro – habe sich nichts bewegt.