Lehrermangel im Kreis Esslingen Zum Schulstart gibt es Durchhalteparolen

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An den Grund-und Hauptschule im Landkreis, vor allem aber an den Sonderschulen, fehlt es schon am Schuljahresbeginn an Lehrkräften. Besserung ist nicht in Sicht.

Zum Schuljahr 2019/2020 sind im Kreis Esslingen 4310 Kinder eingeschult worden. Foto: Ines Rudel
Zum Schuljahr 2019/2020 sind im Kreis Esslingen 4310 Kinder eingeschult worden. Foto: Ines Rudel

Esslingen - Kaum haben es sich die Schülerinnen und Schüler zum neuen Schuljahr in ihren Klassenzimmern eingerichtet, da gibt es schon die ersten Noten. Nicht für die Kinder, wohl aber für das Schulumfeld. Im Fach „Lehrerversorgung“, so urteilt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), sind die Grund-, Haupt- und Realschulen im Kreis Esslingen stark versetzungsgefährdet. Mit ein bisschen Nachsitzen, so dagegen die Botschaft der Schulamtsdirektorin Corina Schimitzek, kann das Klassenziel vielleicht noch erreicht werden.

In einer Pressemitteilung bezeichnet die Leiterin des Staatlichen Schulamts Nürtingen die Unterrichtsversorgung im neuen Schuljahr als „weitgehend befriedigend“. Die Einschätzung gründet aber auch auf der Hoffnung, die an „einigen Standorten bestehenden größeren Lücken“ im Nachrückverfahren zum 30. September schließen zu können. Das gilt für den Grundschulbereich, vor allem aber für die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren, die ehemaligen Sonderschulen.

Situation bleibt angespannt

Im Zuständigkeitsbereich des Staatlichen Schulamts Nürtingen, der deckungsgleich mit dem Landkreis Esslingen ist, sind in dem jetzt beginnenden Schuljahr 4310 Kinder eingeschult worden. Das sind 108 mehr als noch im Vorjahr. Die Erstklässler verteilen sich auf 212 Eingangsklassen, woraus sich eine durchschnittliche Schülerzahl von 20,3 pro Klasse errechnet. „Trotz der Investitionen der Landesregierung in den Bildungsbereich und der Neueinstellung von 157 Lehrkräften wird die Unterrichtsversorgung auch im Verlauf des Schuljahres angespannt bleiben“, prophezeit die Schulamtschefin – ungeachtet der Tatsache, dass ihr Amt auch bei Pensionären vorstellig wird mit der Bitte, doch noch ein paar Stunden zu unterrichten.

„Für Ausfälle von Lehrkräften, etwa wegen Krankheit, unfallbedingt oder aufgrund von Schwangerschaft stehen uns nur wenige Vertretungslehrkräfte zur Verfügung“, sagt sie. Ihr „Herzlich willkommen“, anlässlich der Vereidigung der frischgebackenen Lehrkräfte in Leinfelden-Echterdingen an die neuen Kolleginnen und Kollegen gerichtet, sei deshalb alles andere als eine Floskel.

Gewerkschaft sieht auch Städte und Gemeinden in der Pflicht

David Warneck, der Vorsitzende des Kreisverbands Esslingen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, verzichtet ganz auf Floskeln. Er wählt deutliche Worte. „Die Situation an den Schulen im Landkreis ist dramatisch“, sagt er. Der Kreis Esslingen habe einst zu den bevorzugten Standorten für Lehrkräfte gezählt, jetzt sei er Schlusslicht. Der Verlust an Attraktivität liegt seiner Einschätzung nach nicht nur an den hohen Lebenshaltungskosten im Speckgürtel von Stuttgart, sondern auch an den Engpässen in der Kinderbetreuung. Hier müssten die Städte und Gemeinden mehr auf die spezifischen Bedürfnisse von Lehrkräften eingehen. „Wenn wir heute von Lehrern sprechen, dann sprechen wir von teilzeitbeschäftigten Müttern“, sagt er. Wüsste die das eigene Kind gut aufgehoben, dann könnten sie sich leichter für eine Aufstockung des Deputats entscheiden.

Gleichzeitig plädiert Warneck für ein Ende der Gefälligkeitsrhetorik an der Basis. Die Schulen, aber auch das Staatliche Schulamt selbst müssten viel mutiger mit dem Thema Unterrichtsausfall umgehen. „An den Grundschulen werden ständig Vertretungen hin- und hergeschoben, nur um nicht in die Verlegenheit zu kommen, die Kinder heimschicken zu müssen. So wird die Öffentlichkeit getäuscht. Die Eltern nehmen gar nicht wahr, dass das auf Kosten der Qualität geht“, sagt Warneck. Die Kinder sollten schließlich nicht irgendwie betreut werden, sondern einen qualifizierten Unterricht genießen.

Thema an den Wurzeln angehen

Weil den Eltern vorgegaukelt werde, alles sei in Ordnung, werde auch kein politischer Druck aufgebaut, um das Thema an den Wurzeln anzugehen. Dazu gehörten laut Warneck mehr Studienplätze, eine bessere Besoldung der Grund- und Hauptschullehrer, der Einsatz von Gymnasiallehrern im Grund- und Gemeinschaftsschulbereich sowie ein Ende der Praxis, wonach befristet beschäftigte Lehrerinnen und Lehrer jedes Jahr zu den Sommerferien hin entlassen würden, um sie dann wieder neu einzustellen.

Bewerber fehlen

Schulamt
Im Kreis Esslingen werden in diesem Jahr 4310 Erstklässler eingeschult. Gleichzeitig sind 157 Junglehrerinnen und Junglehrer neu vereidigt worden. Um die noch bestehenden Lücken in der Unterrichtsversorgung zu schließen, setzt das Schulamt seine Hoffnungen auf das Nachrückverfahren, das noch bis zum 30. September läuft.

Gewerkschaft
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im Landkreis Esslingen teilt diese Hoffnung nicht. „Es gibt nicht zu wenig Stellen, sondern es gibt zu wenig Bewerberinnen und Bewerber“, sagt der GEW-Kreisvorsitzende David Warneck. Daran werde sich so schnell nichts ändern. Die Gewerkschaft plädiert dafür, mehr Studienplätze für angehende Lehrer anzubieten und die Rahmenbedingungen für den Beruf zu ändern, um ihn wieder attraktiver zu machen.