Landrat Dietmar Allgaier steht zu seinem Projekt zur Wirtschaftsförderung. Foto: Landratsamt Ludwigsburg/Granville
Das Landratsamt spart – und bezahlt zugleich eine externe Firma für Wirtschaftsimpulse. Nun gibt es Vorwürfe wegen des Ansatzes und der Ergebnisse. Landrat Allgaier widerspricht.
Journalisten, Bürgermeister, Wirtschaftsförderer, Manager: Anfang Oktober 2024 kommt im Kreishaus eine außergewöhnliche Runde zusammen. Die große Frage lautet: Wie bleibt der Landkreis Ludwigsburg wirtschaftlich stark – auch für kommende Generationen? Landrat Dietmar Allgaier startet an diesem Tag ein ambitioniertes Projekt: eine „Zukunftsstrategie für den Wirtschaftsstandort“.
Ein Jahr später ist die Arbeit des eigens dafür engagierten Beratungsunternehmens abgeschlossen. Umfragen, Workshops, Diskussionen – alles ausgewertet, alles gebündelt in einer 30-seitigen Broschüre. Doch kaum jemand bekommt davon etwas mit. Keine Kreistagsdebatte, keine Pressekonferenz, keine Veranstaltung mit führenden Köpfen der Wirtschaft. Um das einst laut beworbene Projekt ist es auffällig still geworden.
Schon seit Beginn des Projekts gibt es kritische Stimmen. Dass zu den Ergebnissen kaum etwas kommuniziert wurde, bestätigt für viele Verantwortliche die Vorbehalte. Zu viel Theorie, zu viel Gerede, kein zählbarer Nutzen – und angesichts der aktuellen Sparzwänge ein falsches Signal. Der Landrat will das nicht so stehen lassen und sendet eine deutliche Botschaft: Das Projekt wird nicht in der Schublade verstauben.
Workshops und Worthülsen
Noch während das Projekt im vergangenen Jahr lief, äußerten sich nur wenige Teilnehmer positiv, ein Großteil hingegen kritisch – insbesondere über die Arbeit des beauftragten Unternehmens VDI/VDE Innovation und Technik aus Stuttgart. Dieses installierte ein sogenanntes Sounding Board und einen Lenkungskreis, veranstaltete unter anderem eine Befragung, einen Unternehmensworkshop und eine Strategiewerkstatt. Kostenpunkt: knapp unter 100.000 Euro.
Die Termine hätten sich größtenteils um Banalitäten gedreht, es seien viele Worthülsen gefallen, sagen mehrere Bürgermeister und ein Wirtschaftsvertreter unabhängig voneinander im Gespräch mit dieser Zeitung. „Die Moderatoren hatten kaum Wissen über die Geografie des Kreises“, sagt einer. „Das war teils Kreisliganiveau“, ein anderer. Öffentlich äußern wollte sich keiner der Teilnehmer.
Die Ergebnisse des aufwendigen Prozesses wurden Mitte Oktober vorgestellt – allerdings nicht in großer Runde wie zum Auftakt, sondern im Ausschuss für Umwelt und Technik des Kreistags. Die Öffentlichkeit wurde nicht aktiv informiert, einige Kreisräte wussten auf Nachfrage überhaupt nichts von der Zukunftsstrategie. Auch das wichtigste Projektgremium, das Sounding Board, erhielt die Ergebnisse lediglich auf schriftlichem Weg.
„Die Ergebnisse sind zu allgemein, dafür hätte es kein extra Projekt mit einem externen Dienstleister gebraucht.“
Jan Trost, Bürgermeister von Marbach
Und auch die Ergebnisbroschüre der VDI/VDE Innovation und Technik selbst steht in der Kritik. „Die Ergebnisse sind sehr allgemein und beschreiben teils Faktoren, auf die wir im Kreis gar keinen Einfluss haben“, sagt SPD-Kreisrat Colin Sauerzapf. Ein Blick in die Broschüre zeigt, dass über weite Strecken offensichtliche Aussagen über die Wirtschaft im Kreis getroffen werden. Unter anderem, dass die Unternehmen von Transformation betroffen sind – oder eine hohe Abhängigkeit der Wirtschaft von der Industrie besteht.
Sauerzapf, aber auch der Pleidelsheimer Alt-Bürgermeister und CDU-Kreisrat Ralf Trettner betonen, dass das Projekt grundsätzlich eine positive Botschaft an die Wirtschaft sende. Doch auch Trettner erkennt in der Ergebnisbroschüre kaum einen Mehrwert. Ähnlich gespalten äußert sich Marbachs Bürgermeister Jan Trost. Die Erkenntnisse seien kaum auf den Landkreis zugeschnitten: „Die Ergebnisse sind zu allgemein, dafür hätte es kein extra Projekt mit einem externen Dienstleister gebraucht.“
Ein Kreisrat, der anonym bleiben will, bringt die Gedanken vieler Gesprächspartner auf den Punkt: „Es ist noch nie ein Arbeitsplatz durch eine bunte Broschüre entstanden. Wir müssen lernen, einfacher zu denken.“
Falsches Signal in Zeiten knapper Kassen
Nach Gesprächen mit mehr als einem Dutzend Bürgermeistern, Kreisräten und Entscheidern aus der Wirtschaft lässt sich ein klares Stimmungsbild ableiten: Der Impuls, sich als Landrat um das Wirtschaftswachstum im Landkreis zu kümmern, wird grundsätzlich als richtig bewertet. Gleichzeitig steht der Landkreis jedoch unter erheblichem finanziellen Druck. Die Schulden sind seit 2020 um fast 100 Prozent gestiegen.
Dietmar Allgaier mit dem Sounding Board der Zukunftsstrategie. Unter anderem mit Vertretern von Mann+Hummel, Bosch und Dürr. Aber auch mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Fabian Gramling (6. v.r.) und der CDU-Europaabgeordneten Andrea Wechsler (6. v. l.). Foto: Landratsamt Ludwigsburg
Unter anderem wird beim Personal im Landratsamt gespart, der Fahrtkostenzuschuss für Schüler in sonderpädagogischen Einrichtungen wurde gestrichen – ebenso ein Zuschuss von rund 50.000 Euro für die Beratung bei Essstörungen. Die Caritas musste das Angebot daraufhin einstellen. Ein einjähriges Projekt mit einem externen Dienstleister, Workshops und einer Hochglanzbroschüre sei in dieser Situation der falsche Weg, sagt ein Großteil der Gesprächspartner.
Viele Kreisräte, Bürgermeister und Wirtschaftsvertreter blicken dennoch nach vorn. Nun sei es wichtig, dass die Erkenntnisse des Projekts auch ernsthaft angegangen werden, sagt etwa CDU-Kreisrat Joachim Kölz. Besonders im Fokus stehen dabei die sogenannten „Leuchtturmprojekte“. Es müsse sich jemand zuständig fühlen, ergänzt Ludwigsburgs Sozialbürgermeisterin Renate Schmetz, die im Lenkungskreis des Projekts mitgewirkt hat. Dafür brauche es weitere Arbeit – und zusätzliche Ressourcen.
Landratsamt verteidigt Projekt
Landrat Dietmar Allgaier verteidigt auf Nachfrage die Zukunftsstrategie und die Arbeit von VDI/VDE Innovation und Technik. „Wir sind sehr froh über den Prozess, das Mitwirken und die positive Resonanz der Akteure und natürlich auch über das Ergebnis.“
Die klare Botschaft des Landrats: Die erarbeitete Broschüre wird nicht in der Schublade verschwinden. Die Priorisierung der Projekte laufe bereits, noch in diesem Jahr sollen mehrere Ideen umgesetzt werden – etwa ein kreisweiter Handwerkerparkausweis, die Planung eines neuen Unternehmensnetzwerks sowie weitere Veranstaltungsformate. Zudem werde die Ansiedlung einer internationalen Schule geprüft.
Auch in der Kommunikation der Ergebnisse sieht der Landrat keinen Fehler. Der Ausschuss für Umwelt und Technik sei für die Wirtschaftsförderung zuständig, nicht der Kreistag. Die Bürgermeister seien in einer Sitzung im Dezember ausführlich informiert worden. Von den beteiligten Unternehmenschefs im Sounding Board habe man die Ergebnisse bereits bei einem Treffen im Sommer vorgestellt und Feedback erhalten.
Die Zukunftsstrategie zeigt, wie sensibel die Debatte um Kosten, Nutzen und Kommunikation im Landkreis geworden ist. Während früher solche Projekte relativ geräuschlos vorüberzogen, wird in Zeiten knapper Kassen genauer hingeschaut, wofür Geld ausgegeben wird – und was am Ende tatsächlich dabei herauskommt.
Dienstleister bezieht Stellung
Erfahrung Auf Nachfrage betont ein Sprecher der VDI/VDE Innovation und Technik die jahrelange Erfahrung des Unternehmens mit „unterschiedlichen Facetten der Regionalentwicklung“. Insgesamt sei beim Projekt im Kreis Ludwigsburg großer Wert auf einen breiten, offenen und partizipativen Beteiligungsprozess gelegt worden.
Nutzen Das Beratungsunternehmen erklärt, dass die Ergebnisse eine „sehr tragfähige Basis für die weiteren Entscheidungs- und Entwicklungsprozesse im Landkreis“ bieten. Viele Unternehmen seien bereits in der Transformation, die Zukunftsstrategie sei ein „Handlungsrahmen mit passenden Maßnahmen“.