Vor 150 Jahren lebte in dem heutigen Stadtteil Hochberg eine der größten jüdischen Gesellschaften in der Region. Obwohl die Gemeinde 1914 aufgelöst wurde, lassen sich noch heute viele historische Spuren entdecken.

Remseck - Ohne den Wirt des Gasthauses Zum Löwen wäre die Geschichte des Remsecker Stadtteils Hochberg wohl anders verlaufen. Als in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in ganz Deutschland antisemitische Pogrome verübt, Gebäude zerstört und Fensterscheiben eingeschlagen werden, sammelt sich auch in der Hochberger Hauptstraße ein wütender Mob. Mit Fackeln und Knüppeln zieht die Gruppe durch die Ortschaft und schließlich vor die Synagoge. Gerade als die Menge dazu ansetzt, das Gebäude zu schänden, stürmt der Löwen-Wirt aus seiner Gaststube und stellt sich schützend vor das Gotteshaus. Rechtzeitig kann er die Menge noch aufhalten, ganz allein stellt er sich gegen die Übermacht. Er kann dem Mob klarmachen, dass die Synagoge gar nicht mehr von der jüdischen Gemeinde genutzt wird, ihr gar nicht mehr gehört – sondern der methodistischen Kirche. Schließlich ziehen sich die Angreifer zurück, die Synagoge ist gerettet. Und steht bis heute in der Hochberger Hauptstraße.

1827 wird mit dem Bau der Hochberger Synagoge begonnen

Dass das jüdische Gebetshaus in Hochberg von dem Wahnsinn des NS-Regimes verschont wurde, war dem Mut des Gastwirts zu verdanken – dass die jüdische Gemeinde selbst verschont blieb, hatte hingegen andere Gründe. Denn sie war bereits gut 20 Jahre zuvor offiziell aufgelöst worden. 1939 gab es nur noch einen Juden in Hochberg, Adolf Falk. Dieser wanderte ein Jahr später nach England aus. Übrig blieb die Synagoge.

Errichtet wurde das Gotteshaus in einer Zeit, als das jüdische Leben seine Hochphase hatte. Ein Drittel der Einwohner Hochbergs waren Juden, als mit dem Bau 1827 begonnen wurde. Viele von ihnen waren als Vieh- oder Pferdehändler tätig. Sie belieferten auch das Militär und handelten mit Baumwoll- und Seidenwaren. Das Ortsbild von Hochberg war geprägt von den Viehhändlern: Neue Häuser wurden stets so gebaut, dass die Ställe für die Tiere im Erdgeschoss lagen. Im Winter wärmten die Tiere die darüberliegenden Geschosse zusätzlich auf, außerdem konnte die damalige Vordere Gasse, die hauptsächlich von Juden bewohnt wurde, dadurch sehr eng bebaut werden. Die schmale Ortsdurchfahrt von Hochberg zeugt noch heute davon.

Ein Grund für die große jüdische Gemeinde in Hochberg lag in der Politik der württembergischen Herrscher. Der Herzog Eberhard im Barte hatte bereits in seinem Testament im Jahr 1496 verfügt, dass sich im Land keine Juden niederlassen dürften. Eine Haltung, die bis in das 19. Jahrhundert galt – nicht aber in Hochberg.

Die Hochberger Juden mussten Schutzgeld zahlen

Die Freiherrn von Gemmingen, denen der Ort gehörte, sahen die Juden als willkommene Einnahmequelle, konnten sie doch eine Schutzgebühr für die Ansiedlung verlangen. 1760 kam so Abraham Gideon, der erste „Schutzjude“, nach Hochberg. In der Folge vergrößerte sich die Gemeinde rasch, auch als Hochberg 1779 an Herzog Friedrich Eugen von Württemberg verkauft wurde. Die „Hochberger Judenordnung“ von Herzog Eugen sicherte den Juden zwar die Religionsfreiheit zu, regelte das Leben der Gemeinde aber streng. So stand in der Verordnung, dass die „Judenschaft sich in dem hiesigen Ort nicht zu stark vermehre und theils unsern übrigen Unterthanen nicht zur Last falle“.

1914 wird die jüdische Gemeinde aufgelöst

Trotz der judenfeindlichen Verfügungen der Herrscher belegen verschiedene Quellen den vergleichsweise konfliktfreien Alltag in Hochberg. So wurde im Jahr 1837 dem Juden Salomon Röscher das Bürgerrecht verliehen, im Jahr 1852 war knapp die Hälfte der Einwohner des Orts jüdischen Glaubens. Doch die steigende Bevölkerungszahl brachte organisatorische Probleme mit sich: Verstorbene sollen nach dem jüdischen Glauben innerhalb von 24 Stunden beerdigt werden. Für die Hochberger Juden, die ihre Toten bislang hauptsächlich in das knapp sechs Stunden entfernte Freudental gebracht hatten, ein enormes Problem. Daher wurde der jüdische Friedhof außerhalb der Ortsgrenzen zweimal erweitert. Dort wurden nicht nur Juden aus Hochberg bestattet, auch die Stuttgarter Bankiersfamilie Kaulla und die Ludwigsburger Kaufmannsfamilie Jordan fanden dort ihre letzte Ruhestätte.

Viele Juden wanderten aus, zum Beispiel in die USA

Der württembergische Erlass zur Freizügigkeit bedeutete schließlich das Ende der jüdischen Gemeinde in Hochberg. Von 1864 an konnten die württembergischen Juden ihren Wohnsitz frei wählen und waren nicht mehr verpflichtet, sich in bestimmten Gemeinden niederzulassen. In den folgenden Jahren verließen nahezu alle Familien Hochberg, viele wanderten aus, zum Beispiel in die USA. Die Hochberger Juden verteilten sich in die ganze Welt.

Heute sind die Gräber auf dem Friedhof verwittert, die Inschriften verwaschen, der Sandstein ist abgebröckelt. Doch auf einigen Gräbern liegen Steine, die so aussehen, als seien sie dort erst kürzlich abgelegt worden. Zeichen von Besuchen in der Heimat.