Nach den schweren Autounfällen in Bietigheim-Bissingen und Vaihingen sollten wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Zwei Dinge gilt es sich jetzt bewusst zu machen.

Ludwigsburg : Emanuel Hege (ehe)

Ein Redaktionsalltag in einer Regionalzeitung ist meist hektisch, oft bunt, manchmal auch skurril – und selten gemütlich. Vieles wiederholt sich, Themen drehen sich im Takt von Gemeinderatssitzungen, Festen und Konflikten. Und doch gibt es immer wieder Momente, in denen der Alltag unterbrochen wird. Wenn Leid und Tod plötzlich erschütternde Realität werden.

 

Am Montagmittag ist in Bietigheim-Bissingen eine 58-jährige Fußgängerin gestorben. Sie wurde an der Kayhstraße von einem Lastwagen erfasst, der vom Gelände eines Schotterwerks kommend nach rechts abbiegen wollte.

Nur drei Tage später, am Donnerstagmorgen bei Vaihingen: Ein 20-Jähriger war mit seinem Peugeot zwischen den Stadtteilen Riet und Enzweihingen unterwegs. Aus bisher ungeklärter Ursache geriet er in den Gegenverkehr. Sein Wagen prallte frontal mit einem Transporter zusammen. Auch hier endet das Leben eines Menschen noch am Unfallort.

Solche Nachrichten sind nie einfach zu schreiben – und sie sollten es auch nicht sein. Denn hinter jeder Meldung steckt ein Mensch, eine Familie, ein ganzes Umfeld. Und immer auch die Erinnerung daran, wie schnell alles vorbei sein kann. Manchmal reicht ein Schlagloch, eine Unachtsamkeit, ein fehlender Radweg, ein technischer Defekt – und nichts ist wie zuvor. Diese zwei tragischen Unfälle mahnen zur Besinnung. Und sie führen uns zwei Dinge vor Augen.

Die Polizei auf Spurensuche am Unfallort in Bietigheim am Montag. Foto: KS-Images.de / Andreas Rometsch

1. Baustellen sind keine Zumutung – sondern Lebensschutz

In den vergangenen Monaten hat die Zahl an Baustellen, Straßensperrungen und Umleitungen im Kreis deutlich zugenommen. Die Beschwerden darüber häufen sich. Ja – das nervt. Es kostet Zeit und ist anstrengend. Aber all diese Maßnahmen haben einen Grund: Sie dienen der Sicherheit.

Wenn Straßen saniert, Kreuzungen umgebaut oder Brücken verstärkt werden, geht es nicht um Bürokratie oder Geldverschwendung. Es geht darum, Unfälle zu vermeiden. Jeder neue Radweg, jede besser einsehbare Abzweigung, jede neu asphaltierte Fahrbahn kann Leben retten – auch wenn man das im morgendlichen Stau oft vergisst.

Deshalb braucht es manchmal mehr Verständnis – auch für den Aufwand, die Geduld und das lange Planen, das hinter jeder Baustelle steckt. Dass Kommunen, der Kreis oder das Regierungspräsidium genau hinschauen, ist richtig. Denn es geht um jeden Einzelnen, der sicher ankommen will.

2. Achtsamkeit ist mehr als Rücksicht – sie ist eine Haltung

Noch dringlicher aber ist eine Veränderung bei uns selbst. Denn so sicher Straßen auch gebaut sein mögen, die größte Gefahr sind oft wir – die Verkehrsteilnehmer.

Der Alltag wird schneller, die Anforderungen größer. Die Liste an Terminen, To-dos und digitalen Reizen ist endlos. Was bleibt, ist oft ein Gefühl von Überforderung. Und dieses Gefühl nehmen wir mit ins Auto, aufs Rad, in den Straßenverkehr. Wir werden fahriger, ungeduldiger und reizbarer.

Doch im Verkehr ist keine Ablenkung harmlos. Kein Blick aufs Handy, kein Gedanke an die Arbeit, kein Ärger über andere. Es geht nicht um einen vergessenen Zahnarzttermin, nicht um eine E-Mail, die noch geschrieben werden muss – es geht um Leben.

Achtsamkeit ist keine Wahl, sondern eine Verantwortung. Für sich selbst – und für alle anderen. Wer achtsam unterwegs ist, fährt vorausschauender, sieht mehr, reagiert ruhiger. Und hilft mit, dass es weniger dieser erschütternden Meldungen gibt, die uns aus dem Alltag reißen. Wir alle sind Teil des Problems – aber auch Teil der Lösung.