Kreisimpfzentren in der Region Stuttgart Haben sich die Impfzentren gelohnt?

Liebevoll dekoriert: Das Impfzentrum in der Waiblinger Rundsporthalle Foto: Gottfried Stoppel/Archiv

Keine Impfkabinen mehr und keine Impfstraßen: An diesem Donnerstag schließen die Kreisimpfzentren in der Region. Richtig auf Touren kamen sie nie. Wo war der Haken?

Region: Verena Mayer (ena)

Region Stuttgart - Dem Lob der Besucher nach zu urteilen, war ein Aufenthalt im Waiblinger Kreisimpfzentrum (KIZ) fast so schön wie ein Urlaub. Von super freundlichem Personal ist im Internet zu lesen, spitzenmäßiger Organisation und kompetenter Beratung. Manche der Bewerter bedauern geradezu, dass sie nun vollständig geimpft sind – und kein weiterer Ausflug in die Rundsporthalle nötig ist, wo der Rems-Murr-Kreis sein Impfzentrum eingerichtet hatte.

 

Fehler im System?

Mehr muss man womöglich nicht wissen, um ein Urteil über die Kreisimpfzentren zu fällen, die an diesem Donnerstag zum letzten Mal geöffnet sind. Obwohl sie nie so funktionierten, wie es geplant war, kamen sie bei den Leuten offenbar prima an.

Aber – ist das wirklich so? Richard Sigel, der Landrat des Rems-Murr-Kreises und damit Hausherr des Impfzentrums in der Waiblinger Rundsporthalle, sagt: „Da war von Anfang an ein Fehler im System.“

Im Nachhinein lässt sich so etwas leicht sagen. Richard Sigel allerdings hat das schon im Vorhinein gesagt. Nicht erst als klar war, dass es viel zu wenig Impfstoff geben würde. Weshalb – dies zur Erinnerung – die 50 Kreisimpfzentren erst eine Woche später ihre Tore öffnen konnten. Und selbst dann kaum Termine vergeben konnten.

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Für seinen Rems-Murr-Kreis sah Richard Sigel von Anfang an schwarz, weil dort – wie auch in Böblingen – in Relation zur Einwohnerzahl nur ein KIZ eingerichtet werden durfte. Die beiden Kreise sind zwar um einiges kleiner als Ludwigsburg und Esslingen, wo es je zwei KIZ gibt. Aber auch um einiges größer, als etwa der Hohenlohekreis, mit dem sie KIZ-technisch jedoch gleichgestellt waren. Seine Bürger würden benachteiligt, befürchtete Sigel – und wurde bestätigt: Ende April belegte der Rems-Murr-Kreis beim Impfquoten-Ranking den vorletzten von 44 Plätzen im Land.

Viele Angebote an vielen Orten

Inzwischen hat er sich auf Rang 31 hochgearbeitet. Doch das hat weniger mit dem Impfzentrum in der Rundsporthalle zu tun. Denn insgesamt, das zeigen die Zahlen in der gesamten Region, fanden viele Impfungen gar nicht in den Kreisimpfzentren statt.

Stattdessen gab es die Spritze gegen Corona in Pop-Up-Impfzentren, an Autobahn-Raststätten, auf Parkplätzen und bei anderen Vor-Ort-Aktionen. „Weit über“ 1000 solcher Angebote hat das Sozialministerium im Land gezählt. Zudem durften von April an auch Hausärzte den noch immer knappen Impfstoff verspritzen, und von Juni an dann auch die Betriebsärzte. „Es gab sehr viel Aktionismus“, sagt Sigel, der keinen Hehl daraus macht, dass er die Doppelstrukturen bei den Ärzten für kontraproduktiv hielt.

Aufholjagd mit einem Truck

Denn während in den Praxen vor Andrang Land unter war, kamen die Impfzentren – selbst wenn mal genügend Stoff vorhanden war – nie richtig auf Touren. Rund 80 000 Impflinge hätten dort theoretisch pro Tag abgefertigt werden können. Tatsächlich lag das höchste Aufkommen bei 62 0000 – und auch das nur an zwei Tagen. In den KIZ wurden Schichten reduziert, Öffnungszeiten gekürzt, und Personal wurde in Zwangsurlaub geschickt. Der Großteil der Kosten aber lief weiter. Pro KIZ unter Volllast kalkulierte das Sozialministerium mit 1,3 Millionen Euro pro Monat. „Wir haben einen riesigen Apparat offen gehalten, die Leute aber eher niederschwellig erreicht“, sagt Richard Sigel, der seinen Landkreis letztlich mit einem Impftruck voranbrachte.

Diese rollende Arztpraxis des Deutschen Roten Kreuzes war quasi die Kompensation für die relativ geringe KIZ-Kapazität im Rems-Murr-Kreis. Von März an tourte der Vierzigtonner durch die Kommunen, 12 000 Impfungen konnten dort vorgenommen werden – ehe der Sonderbus Ende Mai mangels Impfstoff abgezogen werden musste. „Hätten wir früher an jeder Ecke geimpft, hätten wir viel mehr Menschen erreicht“, sagt Richard Sigel, der – aller Kritik zum Trotz – mit seinen Landratskollegen in der Region Stuttgart einer Meinung ist: Die Idee der Kreisimpfzentren war grundsätzlich richtig. Ohne sie wäre es, speziell am Anfang, nicht möglich gewesen, möglichst schnell möglichst viele Menschen zu impfen.

Der Landkreis Esslingen hätte deshalb zumindest eines seiner beiden Zentren, das in der Stadt, gerne weiter betrieben. Dort war die Nachfrage zuletzt rekordverdächtig hoch. Und in Ludwigsburg wird deshalb in der dortigen Notfallpraxis eine Impfschwerpunktpraxis eingerichtet, die vom bisherigen KIZ-Personal betrieben wird. Damit es weiterhin ein niederschwelliges Angebot für Menschen ohne Hausarzt gibt.

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Die Handballer übernehmen

Von diesem Freitag an sind sie für die Corona-Schutzimpfung verantwortlich. Zusätzlich sind bis Ende des Jahres noch 30 mobile Impfteams unterwegs, die etwa in Altenheimen, an Schulen oder bei offenen Impf-Aktionen zum Einsatz kommen.

In der Waiblingern Rundsporthalle, die als Impfzentrum übrigens ausgesprochen liebevoll gestaltet war, wird demnächst wieder Handball gespielt. Ob die Besucher dann auch wieder schwärmen?

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