Zum Gespräch über das Jagen kommt Sarah Schweizer mit brauner Hose, dunkelgrüner Fleecejacke und Hut – und ist sofort in ihrem Element. „Die Jagd ist der Urknall der Kommunikation. Ohne Kommunikation hätten die Menschen damals keine Chance gehabt, ein Mammut zu erlegen.“ Zurück zu den Wurzeln, zur Ursprünglichkeit des menschlichen Daseins und damit auch zur Fähigkeit, seine Nahrung selbst zu beschaffen, und die Liebe zur Natur, das ist es, was die 39-Jährige an der Jagd fasziniert. Wenn sie morgens in der Dunkelheit auf dem Ansitz im Göppinger Oberholz ausharrt, die Reize des Alltags hinter sich lässt und sich auf ihr Gehör und ihren Geruchssinn verlassen muss („wenn ein Wildschwein in der Nähe ist, riecht es nach Maggi“), fühlt sie sich pudelwohl. „Man ist völlig der Natur ausgeliefert, egal ob es regnet oder schneit. Das ist etwas, das einen wahnsinnig erdet“, sagt Sarah Schweizer.
Die Jägerschaft soll sichtbarer werden
Die Anwältin und Göppinger CDU-Landtagsabgeordnete hat seit acht Jahren ihren Jagdschein. Zufall ist dieses Faible nicht, auch ihr Vater war Jäger. Schweizer ist auf einem landwirtschaftlichen Hof in Deggingen aufgewachsen, hat seit Kindesbeinen mit Tieren und deren Verwertung zu tun. Und sie hat sich seit jeher für Natur- und Artenschutz eingesetzt: „Wir haben schon früher Wiesen vor der ersten Mahd nach Rehkitzen abgesucht. Damals noch mit Hilfe von Hunden, heute mit Drohnen“, erzählt die umtriebige Frau, die Co-Vorsitzende von „Schwabenkitz“ ist. Ein Verein, der vor zwei Jahren mit Jägern, Landwirten und Naturschützern gegründet wurde und mittlerweile rund 250 Mitglieder hat. „Wir sind dieses Jahr mit sechs Teams, 20 Piloten und insgesamt 90 Helfern im ganzen Landkreis Göppingen unterwegs.“
Nun ist Sarah Schweizer auch noch Kreisjägermeisterin. Die erste Frau an der Spitze der seit 100 Jahren bestehenden Vereinigung. „Ich wurde gefragt und habe große Lust, mich da einzubringen“, sagt die Frau, die auch jagdpolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion ist. Sie hat große Pläne, will eine Geschäftsstelle aufbauen, die 100-Jahr-Feier steht an. Zudem will sie die Jägerschaft öffentlicher machen, zum Beispiel schwebt ihr ein Schnupperkurs im Jagdhornblasen vor. Am 24. und 25. Juni stehen wieder die Naturtage im Stauferpark an, bei denen Jäger und Landwirte heimische Natur- und Tierwelt und Produkte erlebbar machen.
Dass die Göppingerin dieses Amt innehat, spiegelt auch einen Trend wider: Die Jagd wird weiblicher. Der Frauenanteil in der rund 600 Mitglieder zählenden Kreisjägervereinigung Göppingen liegt bei 11,1 Prozent und damit in etwa im Landesdurchschnitt. Tendenz steigend.
Mit Emanzipation in der Jägerei hat diese Entwicklung nicht ausschließlich zu tun. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Jägerinnen waren auch früher gar nicht so selten. In Barum in der südschwedischen Provinz Skåne fand man eine Frau, bestattet in einer Grube, mit angezogenen Beinen, schreibt Beatrix Sternach in ihrem Buch „Jägerinnen“. Im 20. Jahrhundert wurde das Grab aus der Jungsteinzeit entdeckt. Das Skelett hatte Jagdwaffen bei sich, Knochenanalysen ergaben, dass es sich um eine Frau handelt. Eine Jägerin. Sarah Schweizer befindet sich auch heute in illustrer Gesellschaft: Unter anderen besitzen das frühere Top-Model Claudia Schiffer und Sängerin Madonna einen Jagdschein. Das Bild des Jägers – alter Mann mit Dackel und Hund – sei überholt.
Die Wildschweinjagd ist eine wichtige Aufgabe
Mehrmals im Monat nimmt Schweizer Platz auf einem Ansitz im Oberholz. Mit dabei: Hund Atze, ein Magyar Vizsla, und Repetierbüchse Blaser R8 mit Zielfernrohr. Hin und wieder schießt sie ein Tier. „Im Winter bei den Drückjagden ist es natürlich etwas mehr, da jagen wir jedes Wochenende.“ Es sei essenziell, vor allem die Wildschweinbestände zu reduzieren. „Würden Jäger das nicht tun, würden riesige Schäden im Wald und auf den Feldern entstehen und Seuchen ausbrechen“, unterstreicht sie und verweist auf die afrikanische Schweinepest. Nicht zu vergessen seien Wildunfälle.
Sarah Schweizer will anpacken.„Ewig im Kreis zu schwätzen“, das ist nicht ihr Ding – weder als Kreisjägermeisterin noch als Politikerin und Anwältin. Sie will Interessen zusammenbringen und den Schulterschluss mit den Landwirten üben. „Ich bin motiviert und möchte etwas vorantreiben. Mit einem super Team geht da was.“
Debatte
Der Wolf ist in Deutschland wieder heimisch geworden, wird aber zum Politikum. Kreisjägermeisterin Sarah Schweizer hat eine klare Meinung: „Der Wolf ist eine heimische Art und hat hier seinen Platz. Aber man sollte ihn nicht über alle anderen Arten und die Landwirtschaft, die für unsere Ernährungssicherheit sorgt, setzen.“
Problem
Das Tier könnte zum Problem werden: „Wir haben in Deutschland eine höhere Wolfsdichte als in Kanada oder Russland“, gibt Sarah Schweizer zu bedenken Derzeit gebe es vier Einzeltiere in Baden-Württemberg, darunter ein Weibchen. Bis sich das erste Rudel bildet, sei es nur eine Frage der Zeit. „Damit der Wolf die Scheu vor dem Menschen behält, muss er bejagt werden.“ Schweizer hofft auf eine tragfähige Lösung, bevor das erste Rudel im dicht besiedelten Südwesten da ist.