Waiblingen - Wegen des überraschenden Weggangs von Ines Dietze hat Ralph Walter noch einmal den Vorstandsvorsitz bei der Kreissparkasse Waiblingen übernommen. Uwe Burkert könnte sein Nachfolger sein.
Herr Burkert, Sie waren Chefanalyst bei der Landesbank, sind ohne Not vom eher komfortablen Blick aufs große Ganze in die operative Verantwortung gewechselt – warum haben Sie diesen beruflichen Schritt gemacht?
Weil es unheimlich reizvoll ist, auch Dinge tatsächlich selber umsetzen zu können. Ich wollte sehr gerne wieder rein in den Maschinenraum.
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Warum in den der Kreissparkasse Waiblingen?
Weil hier die großen Trends Regionalität und Nachhaltigkeit umgesetzt werden. Ich komme aus Marbach am Neckar, meine Frau ist hier in Waiblingen geboren, ich kenne den Rems-Murr-Kreis sehr gut. Und als Analyst dürfen Sie sicher sein, dass ich mir die Institute ringsum genau angeschaut habe. Da war Waiblingen sehr überzeugend.
Als Analyst haben Sie sicher auch die Entwicklung der Banken im Allgemeinen beobachtet. Was hat sich verändert, wo wird der Weg hingehen?
Aus meiner Sicht gibt es drei große Trends: Den Drang zu größeren Einheiten – zum Teil bedingt durch die Finanzierungsbedarfe der Großunternehmen und eine zunehmende globale Regulierung. Dann gibt es die Entwicklung aus der Digitalisierung, bei der manche Anbieter/Dienstleister versuchen, sich nur die Kirschen von der Sahne zu picken, aber nicht in der Lage sind, komplette Bankendienstleistungen zu übernehmen. Und der dritte große Trend ist die schon angesprochene regionale Verankerung. Wenn Sie heute Daimler-Manager sind und umziehen, müssen Sie ihren regionalen Anker nicht lösen. Sie können problemlos weiter mit Ihrem Konto der Kreissparkasse Waiblingen weltweit aktiv sein. Das sind natürlich Chancen, die sich für unser Haus ergeben.
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Hat Corona diese Entwicklung beeinflusst und wenn ja wie?
Die Entwicklung in Richtung digitales Banking hätte es über kurz oder lang auf jeden Fall gegeben. Die Corona-Situation hat da sicherlich katalysatorische Wirkung entfaltet. Einerseits gab es bei den Kunden eine größere Offenheit, und andererseits wurden auch die Angebote stark beschleunigt zur Verfügung gestellt. Die Möglichkeiten, die mittlerweile angeboten werden, sind faszinierend: von Foto- und PDF-Überweisungen bis zum Hinterlegen von Impfnachweisen oder Reisedokumenten.
Herr Walter, Sie übernehmen – wie der Landrat es formuliert hat – „auf der Zielgeraden ihrer beruflichen Karriere“ noch einmal den obersten Chefposten. Warum tun Sie sich das an mit 61?
...demnächst 62. Es war natürlich nicht so geplant, dass zwei Kollegen zeitgleich das Haus verlassen. Wenn zwei neue Vorstandskollegen sich mit dem Haus vertraut machen müssen, braucht es jemanden, der den Übergang gestaltet und begleitet. Es war für mich keine Frage, das zu übernehmen, als man mich gefragt hat.
Wir haben zuvor über die Banken im Allgemeinen gesprochen. Wie sieht Ihre Vision für die Kreissparkasse Waiblingen aus?
In einer starken regionalen Besinnung: Erstens sind das unsere Wurzeln, zweitens ist es ein klares Unterscheidungsmerkmal gegenüber anderen Banken. Wir tragen dem hohen Beratungsbedarf im Privatkundenbereich Rechnung, kümmern uns um die wirtschaftliche Lage vor Ort und stehen den Unternehmen in guten wie in schlechten Tagen zur Seite. Die haben die Krise im Übrigen überwiegend super bewältigt, weil sie sich hervorragend den neuen Gegebenheiten angepasst haben und kreativ waren.
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Ihr Institut auch?
Wir haben zurzeit fast 800 Mitarbeiter im mobilen Arbeiten, die werden nicht alle wieder an den Schreibtisch zurückkehren, wenn Corona vorbei ist. Ein Teil wird immer rollierend im Homeoffice arbeiten. Denn auch unsere Kunden haben sich umgestellt: Was wir heute per Video, per Chat an Geschäften erledigen, war vor drei Jahren ein Filialbesuch. Es hat sich viel verändert und wird sich noch weiter verändern. Beispielsweise werden wir Online-Konsumentenkredite kurzfristig und Online-Investitionskredite für Unternehmen bis zum Jahresende zumindest mal bis 100 000 Euro möglich machen.
Vor Ort verankert bedeutet aber auch vor Ort zu sein. Ein Pluspunkt der Sparkasse ist immer ihr dichtes Filialnetz gewesen. Wird man dieses in Zukunft noch aufrechterhalten können?
Auf jeden Fall, es stellt sich aber natürlich immer die Frage des Umfangs. Das Filialgeschäft und das dezentrale Geschäft sind die Daseinsberechtigung der Sparkasse. Ohne unterscheiden wir uns nicht mehr von anderen Institutsgruppen. Deswegen müssen wir auf Dauer in der Fläche bleiben. Natürlich müssen wir auch beobachten, wie einzelne Filialen angenommen werden. Aber ich muss sagen: 25 Beratungscenter plus mehrere kleinere Filialen auf einer Fläche wie dem Rems-Murr-Kreis sind schon ein Wort.
Uwe Burkert: Auch unsere Direktfiliale ist mit Mitarbeitern von hier besetzt. Ebenso in diesem Medium spüren die Kunden Regionalität – nicht nur durch den Dialekt. Jedem Konto ist ein persönlicher Begleiter zugeordnet. Salopp formuliert: Mit den vielen App-Nutzern haben wir viele individuelle Filialen, die auch extrem stark genutzt werden.
Auch online Bezahlen ist ein Trend. Für die Banken ist die Bargeldlogistik sehr teuer – werden die Scheine und Münzen bald abgeschafft?
Uwe Burkert: Deutschland ist eine Bargeldnation. Bei uns hat der Geldschein im Portemonnaie noch eine andere Bewandtnis als etwa in Dänemark oder Schweden. Diese beiden Länder machen uns vor, dass es auch ohne geht. Hier müssen wir aber die Gefühlslage der Menschen beachten. Die Dynamik wird kommen, eventuell auch eine europäische Lösung. Aber bis es hierzulande kein Bargeld mehr gibt, dauert es sicher noch ein bisschen.
Ralph Walter: Die elektronischen Lösungen funktionieren immer einfacher. Wir selbst werden demnächst eine App-Lösung für Kleinhändler anbieten, bei der nur noch zwei Handys aneinander gehalten werden müssen, um zu bezahlen.
Und die Kleinsparer? Was rät ein Bankvorstand einem Privatkunden in diesen Zeiten, in denen man Zinsen bezahlen muss, wenn man sein Geld zur Bank trägt?
Ralph Walter: Es braucht immer eine individuelle Beratung, weil Kunden unterschiedliche Bedarfe haben. Ich würde aber immer raten, einen Wertpapierbaustein beizumischen. Anders kann man dieser Negativrealverzinsung nicht entkommen – zumindest auf Sicht der nächsten Jahre. Man kann nur jedem raten, das Gespräch mit einem Finanzexperten zu suchen.
Uwe Burkert: Wir stellen immer wieder fest, dass Kunden einen Riesenberg an Liquidität vor sich herschieben und parken. Weil: Es könnte ja mal etwas passieren... Meine Empfehlung ist, das Geld sinnvoll und substanziell anzulegen – und wenn tatsächlich mal Waschmaschine, Kühlschrank und Fernseher gleichzeitig kaputtgehen, zur Sparkasse des Vertrauens gehen und einen kurzfristigen Kredit aufnehmen, um diese Ausnahmesituation ausgleichen zu können. Grundsätzlich sollte man als junger Mensch früh anfangen mit Investitionssparen. Ich habe ja selber erst den Wechsel zur Sparkasse vollzogen und muss sagen: Ich bin überrascht, welche Vielfalt an Möglichkeiten ein Kunde hier gezeigt bekommt.
Ralph Walter: Nichtstun ist jedenfalls der teuerste Weg. Wer in den vergangenen sieben Jahren Geld auf dem Sparbuch liegen gelassen hat, hat heute real 15 Prozent weniger Werte.
Der neue Vorstand der Kreissparkasse
Ralph Walter
Nach dem überraschenden Weggang von Ines Dietze, die zur Sparkasse Göppingen wechselt, rückt der 61-jährige Ralph Walter noch einmal an die Spitze des Vorstands, wo er bereits seit 14 Jahren für das Geschäftskundengeschäft verantwortlich zeichnet. Walter ist der Sparkasse seit Antritt seiner Lehre im Jahr 1976 treu geblieben.
Uwe Burkert
Als Chefvolkswirt der Landesbank war der 52-Jährige acht Jahre lang unter anderem für die Aktien- und Unternehmensanalysen verantwortlich. Er gilt bundesweit als ein anerkannter Finanz- und Wirtschaftsexperte. Der Bietigheimer rückt für Lothar Kümmerle in den Vorstand nach, der zum Jahresende in den Ruhestand geht.
Vincenzo Giuliano
Voraussichtlich im Januar soll der 51-Jährige den dreiköpfigen Vorstand komplettieren. Giuliano ist derzeit stellvertretendes Vorstandsmitglied und Bereichsleiter Vertriebsmanagement bei der Kreissparkasse Heilbronn. Bei der Kreissparkasse Waiblingen soll er die Verantwortung für das Privatkundengeschäft übernehmen.