Kretschmann und die Industrie Kein natürlicher Zugang zur Arbeitswelt

Von Reiner Ruf 

Winfried Kretschmann versucht die Grünen als Wirtschaftspartei zu etabalieren. Doch sein Zugang zur industriellen Arbeitswelt ist rational, ohne emotionale Wärme. Fabriken sind ihm fremd. Eine Analyse von Stz-Redakteur Reiner Ruf.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann versucht, die Grünen als Wirtschaftspartei zu etablieren. Foto: dpa
Ministerpräsident Winfried Kretschmann versucht, die Grünen als Wirtschaftspartei zu etablieren. Foto: dpa

Stuttgart - Worte wie „Innovationstreiber“ kommen Winfried Kretschmann inzwischen flüssig über die Lippen. Er weiß jetzt, wo das Silicon Valley liegt und war neulich sogar mitsamt einer Wirtschaftsdelegation dort. Der Ministerpräsident eignet sich mit großem Ernst die Digitalisierung der industriellen Arbeitswelt an, und er zeigt Präsenz in Betrieben sowie bei Wirtschaftsverbänden.

So nutzte Kretschmann den Auftritt bei der Bezirkskonferenz der IG Metall diese Woche zum Schulterschluss: Das Land könne sich „glücklich schätzen, eine starke Gewerkschaft wie die IG Metall zu haben“, säuselte der Regierungschef. IG-Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger wiederum lobte Grün-Rot und zeigte sich wehrhaft gegen die Angriffe von CDU und FDP auf das von der Regierung initiierte Bildungszeitgesetz, das am Mittwoch in Kraft treten wird. Wer meine, das Gesetz wieder einkassieren zu können, „wird einen mächtigen Gegner haben“, sagte der Gewerkschaftschef. CDU-affine Teilnehmer der Metaller-Versammlung verstanden dies als Unterstützeransage für Grün-Rot mit Blick auf die Landtagswahl. Hingegen soll ein Gespräch Zitzelsbergers mit dem CDU-Spitzenkandidaten Guido Wolf gerade eher schwierig gewesen sein.

Kretschmann findet Oettingers Rede super

Allerdings fehlt Regierungschef Kretschmann die emotionale Nähe zu den Gewerkschaften wie überhaupt zur industriellen Arbeitswelt. Der Festakt zum 650-Jahr-Jubiläum der einstmals königlich-württembergischen Schwäbischen Hüttenwerke (SHW) in Aalen-Wasseralfingen am Donnerstag hätte Gelegenheit für eine Annäherung an die Fabrikwelt geboten. Die Hüttenwerke mit ihren Gießereiprodukten (wie die beiden Brunnen auf dem Stuttgarter Schlossplatz) oder mit Volksweisheiten („Mädle, wenn dir kein Mann recht ist, dann musst du dir in Wasseralfingen einen gießen lassen“) sind noch immer im kulturellen Gedächtnis des Landes verankert.

Markant an Kretschmanns Rede war vor allem, dass er oft und begeistert auf seinen Vorredner Günther Oettinger verwies. Der EU-Kommissar und Vorvorgänger Kretschmanns streift immer noch ruhelos durchs Land und fesselt sein Publikum mit pointierten Reden. „Daten werden das Öl der Zukunft sein“, sagte Oettinger zur Digitalisierung. Er war es auch, der die Leistung der einfachen Arbeiter in der Generationenfolge über Jahrhunderte hinweg bildhaft ansprach. Der Aalener IG-Metall-Chef und Politiker der Linken, Roland Hamm kommentierte, Kretschmann habe „keinen natürlichen Zugang zur Arbeitswelt“.

Beinfreiheit für die SPD

Der Lehrer Kretschmann erkennt in den Sozialversicherungssystemen, die den Arbeitnehmern das Anrecht auf soziale Teilhabe sichern und nicht der Mildtätigkeit ausliefern, in erster Linie monströse Bürokratien. Die Lust der Sozialdemokraten an Rententabellen und Tarifklauseln teilt er nicht. Aber Kretschmann verfolgt einen strategischen Ansatz. Er muss der SPD Beinfreiheit lassen, damit sie die Arbeitnehmer wieder einfängt – jene Wählergruppe, die im Südwesten zahlreich zur CDU neigt. Kretschmanns Rolle besteht darin, die Wirtschaftsverbände davon abzuhalten, gegen Grün-Rot zu mobilisieren. Bislang klappt das. Wirtschaftsvertreter loben, der Ministerpräsident erkenne Prioritäten, und er höre zu. Einer sagt: „Er hat bei der Wahl nur eine Chance, wenn er bei der Wirtschaft 1:1 spielt. Und die hat er.“ Gut auch für Kretschmann: sein Gegner bei der Wahl heißt nicht Oettinger, sondern Wolf.