Kretschmanns Kulturpolitik Der Machthaber als Denker und Kunstfreund

Blick auf die gequälte Kreatur: Winfried Kretschmann 2014 in Madrid vor Picassos Gemälde Guernica. Die Stadt Guernica war im spanischen Bürgerkrieg von der deutschen Legion Condor zerstört worden. Foto: Staatsministerium

Winfried Kretschmanns kulturpolitischer Auftritt verbindet geschickt demokratisches Ethos mit einer ausgefeilten Inszenierung.

Stuttgart - Winfried Kretschmann stand an jenem lauen Sommerabend des vergangenen Jahres im Garten des Hauses der Architekten, nahe der Balustrade, als er den wahren Grund offenbarte, weshalb er bei der Landtagswahl im März 2021 erneut antreten müsse. Hinter ihm öffnete sich in Halbhöhenlage der Blick auf den Stuttgarter Talkessel. Offiziell hatte sich der Regierungschef noch nicht erklärt. Kretschmann aber sinnierte, seine Hinwendung zur Philosophie von Aristoteles bis hin zu Jeanne Hersch und Hannah Arendt sei doch eigentlich recht sinnlos, sähe er sich nicht mehr in der Lage, die theoretische Erkenntnis in die politische Tat umzusetzen. Daheim in Sigmaringen-Laiz „Politeia“ lesen, womöglich im Original, allein um sich selbst zu ergötzen? Wie öde.

 

Das war endlich einmal eine originelle Begründung eines Ministerpräsidenten, weshalb er nicht von den Hebeln der Macht lassen kann: weil Platon es so will. Das deutsche Bildungsbürgertum tendiert ja traditionell eher zur Innerlichkeit. Standen in feudaler Zeit das kulturelle Schaffen und die Kunst als dessen elaborierteste Ausdrucksform noch ganz im Dienst der fürstlichen Machtentfaltung, so erfuhr im bürgerlichen Zeitalter der Kunstausdruck eine Schubumkehr.

Ausgezehrt von den Kämpfen der kapitalistischen Konkurrenzwirtschaft, erschuf sich das Bürgertum in der Betrachtung des Schönen und Guten eine Gegenwelt, in die man in zarten Mußestunden entfloh. Kunst hatte das Herz zu erfreuen und die Fantasie zu beleben, nicht aber Handlungsimpulse zu geben. In den Worten des Literaturwissenschaftlers Peter Bürger: Die „Trennung der Kunst von der Lebenspraxis“ wurde „zum entscheidenden Merkmal der Autonomie der bürgerlichen Kunst“.

Haltung finden, Haltung zeigen

Kretschmann definiert seine grün-schwarze Koalition als durch und durch bürgerliches Konstrukt. Aber sein kulturpolitischer Anspruch zielt sehr wohl auf die Lebenspraxis. Am kommenden Dienstag zum Beispiel diskutiert der Ministerpräsident im Staatsministerium mit dem Schriftsteller Matthias Politycki über das Thema „Haltung finden“. So lautet der Titel von Polityckis neuem Buch – ein Gesprächsband, in dem er mit dem Freiburger Philosophieprofessor Andreas Urs Sommer auslotet, ob es in krisenhafter Zeit einer Haltung bedarf – und wenn ja, welcher. Angesichts des politischen Dammbruchs in Thüringen ist das ein hochaktuelles Thema. Wobei sich Politycki in dem Buch eher an einer von ihm so titulierten „Blasenlinken“ abarbeitet, von der er sich nicht das Denken vorschreiben lassen möchte. Droht die Gefahr nicht eher von rechts?

Das Interesse ist jedenfalls groß. Die 60 Karten – mehr Zuschauer passen nicht in den Gobelinsaal der Villa Reitzenstein – waren binnen weniger Minuten weg, berichtet der Vize-Regierungssprecher Arne Braun. Die Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Stuttgart bildet den Auftakt einer Reihe „Kultur in der Villa“. Braun orchestriert schon seit etlichen Jahren die Öffnung des Parks, der das Staatsministerium umgibt, und neuerdings auch der Villa Reitzenstein für die Bürgergesellschaft. Citoyens sollen sie sein, die Bürger. Keine Quietisten.

Hortus amoenus im Reitzenstein-Park

2014 las der frühere Regierungssprecher Manfred Zach aus seinem legendären Schlüsselloch-Roman „Monrepos oder Die Kälte der Macht“ an der Originalstätte seines Wirkens für den Ministerpräsidenten Lothar Späth. Damit fing es an. Braun sagt: „Ich dachte, das berührt und interessiert die Leute. Einerseits ist es politisch, andererseits bildet der Park eine Raum, der bisher nicht begehbar war. Dessen Öffnung versinnbildliche Kretschmanns Politik des Gehörtwerdens.“ Weitere Events folgten: Jazz, Trickfilm, Comedy. Zuletzt in Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Schauspiel eine Begegnung von Politikern – Kretschmann an der Spitze – mit den jungen Leuten von Fridays for Future.

Der Ministerpräsident als Denker und Kunstfreund: Das ist einerseits effektvoll inszeniert, passt aber andererseits auch zu Kretschmanns intellektueller Grundausstattung. 2013 versenkte sich Kretschmann im Stuttgarter Kino Atelier am Bollwerk in den zuvor in die Kinos gekommenen Film über seine geistige Muse Hannah Arendt. Die Regisseurin Margarethe von Trotta war mit dabei – und eine stattliche Fangemeinde aus dem verbliebenen Stuttgarter Bildungsbürgertum. Ob mit den „Fanta 4“ im Stadtpalais, mit Jürgen Klinsmann im Theaterhaus oder mit Harald Schmidt im Schauspielhaus: in der Rolle des Weltdeuters bespielt Kretschmann jede Bühne. 2014 trieb es ihn auf Dienstreise in Madrid ins Museo Reina Sofia, wo er im Scheinwerferlicht vor Picassos Guernica posierte. Wenn Kretschmann aber findet, ein Event passe nicht zu ihm, dann sagt er: „Ich bin doch kein Zirkuspferd.“ Dann verweigert er sich.

Events für gestresste Manager mit Gattin

Macht und Geist sind eine schwierige Mixtur, in der Regel vertragen sie sich nicht, weil der Geist ein Sensibelchen ist, die Machthaber dieser Welt aber von der mitunter fatalen Selbstgewissheit leben, besser zu sein als der traurige Rest, der sie umgibt. In den achtziger Jahre durchlebte der Kulturbetrieb in Baden-Württemberg eine goldene Zeit. Der damalige Ministerpräsident Lothar Späth setzte eine Kaskade der Kulturförderung in Gang, die in der Republik seinesgleichen suchte. In Karlsruhe erblickte das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) das Licht der Welt, in Mannheim das Landesmuseum für Arbeit und Technik, in Stuttgart die Akademie Schloss Solitude. Andere Ideen platzen wie die Feuerwerksraketen am Silvesterhimmel: bunt, aber folgenlos. Späths feudal angehauchte Kulturpolitik hatte immer einen Champagner-Beigeschmack. Sie produzierte Events, mit denen gestresste Industriemanager ihre Gattinnen erfreuen konnten. Sie war letztlich Standortpolitik.

Für den theoretischen Überbau konnte Späth auf den Philosophen Odo Marquard und dessen These verweisen, die Geisteswissenschaften fänden ihre Rolle in der Kompensation von Modernisierungsschäden einer technizistischen Gegenwart. Später, bei Günther Oettinger, galt es schon als hochkultureller Akt, wenn der Ministerpräsident im offenen Porsche Boxster am Schloss Rosenstein vorfuhr, die Karosserie verziert mit 3000 Goldblättchen. Für den derzeitigen Amtsinhaber Kretschmann sind Geisteswissenschaften, Kunst und Kultur nicht dazu da, eine durchtechnisierte Welt mit einigen Sinnattrappen zu bestücken. Sie sollen vielmehr das gesellschaftliches Engagement aktivieren. Die geplante Sanierung der Staatsoper birgt für den Opernfreund Kretschmann freilich ein ganz besonderes Konfliktpotenzial. Dann geht es um die Frage, ob die Kunstwelt mit ihren Ambitionen nicht ihrerseits im Begriff ist, sich von der Lebenswelt abzukoppeln. Das widerspräche dem Kulturbegriff des Ministerpräsidenten, wie er ihn bisher lebte.

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