Mit der Berufung des 37-Jährigen hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann einen Treffer gelandet. Mühelos verdrängte der bisherige Bundestagsabgeordnete die anderen neuen Kabinettsmitglieder – mit Ausnahme des Berlin-Bevollmächtigten Rudolf Hoogvliet allesamt Frauen – aus dem Fokus der medialen Wahrnehmung. Der Name Danyal klingt in deutsch geprägten Ohren exotisch, aber nicht türkisch. Danyal bedeutet Daniel. Wer kennt ihn nicht, den Daniel in der Löwengrube, von dem die Bibel berichtet, dass ihn der Herrscher Babylons aufgrund einer Hofintrige den Raubtieren zum Fraß vorwerfen ließ? Doch der Coup misslang. Daniel überlebte und berichtete dem König, der Engel des Herrn habe ihm Beistand geleistet: „Dieser verschloss die Rachen der Löwen, so dass sie mir nichts zuleide taten.“
Ist nicht auch die Landespolitik eine Löwengrube? „Ich bin mit offenen Armen empfangen worden“, sagt Danyal Bayaz. Das eine oder andere Raubtier wird sich sicher noch finden. Ganz bestimmt.
An seiner Herkunft kommt er nicht vorbei
In der Türkei ist Danyal ein eher ungewöhnlicher Name. Es gab da mal einen Schauspieler: Ahmet Danyal Topatan. Aber von dem weiß der junge Bayaz nur über seinen Vater, dessen Vorfahren von der syrischen Grenze stammen. Der Großvater, ein Anhänger des türkischen Staatsgründers Atatürk, ging in den diplomatischen Dienst und kam als Generalkonsul nach Hamburg, später übernahm er Botschafterposten in Südamerika und in Israel. Danyal Bayaz’ Vater blieb zum Studium in Deutschland hängen und wurde Redakteur beim Süddeutschen Rundfunk (SDR), der später im SWR aufging. „Das ist nicht die klassische Gastarbeiterfamilie“, sagt Bayaz über seine Herkunft. Seine Mutter, die zur Fremdsprachenausbildung nach Heidelberg kam, stammt hingegen aus einem katholisch-bäuerlich geprägten CDU-Umfeld in Nordhessen. Die Mutter war das zweitjüngste von sieben Geschwistern. Der vermeintlich anatolische Anteil seiner Herkunft sei eigentlich deutsch, witzelt der neue Finanzminister. Bayaz hat nie in der Türkei gelebt. Eine politische Rede, sagt er, würde ihm auf Türkisch kaum gelingen. „Dazu reichen meine Skills nicht aus.“ Mit dem Englischen geht es da noch viel besser.
Als Rollenmodell für die Integration taugt er also schwerlich. Eine gewisse Vorbildfunktion aber akzeptiert er. Er will „den jungen Menschen in der Schule zeigen, dass es nicht wichtig ist, wo sie herkommen, sondern wo sie hinwollen“. Bayaz spricht von Empowerment: „Wenn ich dem einen oder anderen einen Motivationsschub geben kann, dann ist das auch ein Beitrag für Integration.“ Er kommt an seiner Herkunft nicht vorbei, auch wenn er das befremdlich findet. Bei Katarina Barley (SPD, frühere Bundesministerin, jetzt Europaparlament) oder David McAllister (CDU, früherer niedersächsischer Ministerpräsident, jetzt Europarlament) spiele keine Rolle, dass sie beide einen britischen Vater hätten und die doppelte Staatsbürgerschaft besäßen. Bei ihm ist das anders. „Kretschmann holt deutschtürkischen Finanzminister“, habe er nach der Entscheidung des Ministerpräsidenten gelesen, berichtet Bayaz. „Als wäre ich direkt aus Ankara eingeflogen worden.“ Das war so ein Fall, der ihn spüren ließ, wie es ist, einen türkischen Namen zu tragen. Dabei gab es im Land schon eine Ministerin mit beidseitig türkischen Wurzeln: Bilkay Öney. Die SPD-Politikerin leitete das inzwischen von Grün-Schwarz aufgelöste Integrationsministerium.
Unter Unternehmensberatern
Bayaz spricht schnell und entschlossen. So verlief auch seine Karriere. Nach dem Zivildienst am Krebsforschungszentrum Heidelberg führte ihn das Studium zu den „Business-Bauern“ an die Universität Hohenheim, wo er beim Blick auf grasende Kühe Kommunikationswissenschaft studierte. Ein recht allgemein gehaltenes Fach, das auch eine bankwirtschaftliche Vertiefung zulässt. Bayaz ergatterte ein Stipendium für die renommierte Cornell University im ländlichen Bundesstaat New York, wo er – weitere grasende Rinder vor Augen – an seiner Dissertation arbeitete, die sich mit dem Wechselverhältnis von Finanzbranche und Finanzjournalistik beschäftigt – der Titel lautet: „Heuschrecken zwischen Rendite, Reportage und Regulierung. Die Bedeutung von Private Equity in Ökonomie und Öffentlichkeit“. Als Doktorvater fungierte der viel beschäftigte Hohenheimer Professor Frank Brettschneider, der passenderweise im Landtag jüngst die Regierungsbildung für den SWR kommentierte. Bayaz kann ein Praktikum bei den Edel-Investmentbankern von Goldman Sachs vorweisen. Weniger bekannt ist, dass er ein Volontariat beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) absolvierte. Ein richtiger Tausendsassa, könnte man meinen. 2013 folgten vier Jahre bei der Unternehmensberatung Boston Consulting, daher kommt wohl die Vorliebe für Anglizismen. 2017 zog Bayaz für die Grünen in den Bundestag ein. „Ich bin nicht für das Thema Integration in die Politik gegangen“, sagt Bayaz, „sondern vor allem für Wirtschaft und Finanzen.“ Die Verbindung von Nachhaltigkeit und Ökonomie habe die Grünen für ihn interessant gemacht. Den früheren Heidelberger Bundestagsabgeordneten und Stuttgarter OB Fritz Kuhn nennt er prägend für sein Denken. Als seinen politischen Mentor betrachtet er Cem Özdemir.
Keine Angst vor neuen Schulden
Kritische Anmerkungen zum Beratergewerbe à la Boston Consulting registriert Bayaz irritiert. Helden der Powerpoint-Präsentation? Nein, in der Zeit bei der Unternehmensberatung habe er viel gelernt und gesehen. Strukturwandel, Innovation, Digitalisierung – alle Themen, alles war dabei in einer großen Bandbreite von Kunden. Viele Landesbanken sah er von innen, auch große Behörden. Dieses Wissen half ihm im Bundestagsuntersuchungsausschuss zum Wirecard-Betrug. Wenige Finanzminister im Land dürften, was das Fachliche angeht, so gut auf ihren Job vorbereitet gewesen sein wie Bayaz. Man darf davon ausgehen, dass er im Fall eines Amtsverlusts jederzeit außerhalb der Politik eine neue Aufgabe fände. Das macht unabhängig.
Als Finanzminister sieht sich Bayaz auch als Investitionsminister. Dabei hat das Land zuletzt Rekordschulden aufgenommen. Bayaz würde die Schuldenbremse gern aufweichen. Er spricht von „weiterentwickeln“. Sein Chef Kretschmann tickt da ähnlich, äußert sich jedoch so unbestimmt wie das Orakel von Delphi. Vor der Presse verwies der Ministerpräsident jüngst auf die Verfassung („Die Schuldenbremse gilt“), um dann doch Gründe zu finden (der Klimaschutz), die dafür sprechen könnten, „die Schuldenbremse so flexibel zu gestalten, dass die Nachhaltigkeitskriterien gewährleistet sind“. Die Frage, ob er denn eine Initiative zu einer Reform der Schuldenbremse starten wolle, verneinte Kretschmann – um nach einer typischen Kretschmann-Sprechpause nachzuschieben: „Aber vielleicht mein Finanzminister.“ Auf den Einwand, dass Bayaz in einer solchen gewichtigen Frage sicherlich nicht ohne Einverständnis des Regierungschefs handle, replizierte Kretschmann: „Auch wieder wahr.“
In Stuttgart kommt Kretschmann mit solchen Spielchen durch, in Berlin würde er dafür verspottet. Sein Finanzminister muss bis zur Sommerpause erst einmal einen Nachtrag zum laufenden Landesetat erarbeiten. Danach aber wird sich zeigen, ob die grüne Landesregierung in der Lage ist, den Haushalt zu konsolidieren. Oder ob am Ende doch wieder alles nur aufs Schuldenmachen hinausläuft. So viel hat Bayaz im neuen Amt bereits gelernt: „Es wird gezerrt von allen Seiten.“
Ablenkung verspricht die Familie. In diesen Tagen erwartet seine Partnerin Katharina Schulze, die Grünen-Fraktionschefin in bayerischen Landtag, das erste gemeinsame Kind. Familiensitz wird – auch das ist neu und bleibt hoffentlich die Ausnahme – München sein.