Hamburg - Einen Espresso? Gerne. Wybcke Meier steht vom Konferenztisch auf und geht in die Kaffeeküche. Auch die benutzten Tassen später eigenhändig wieder abzutragen, ist für die Chefin eine Selbstverständlichkeit. Wer die Vorsitzende der Geschäftsführung von Tui Cruises in ihrem Büro im elften Stock – man sagt hier „auf Deck 11“ – besuchen möchte, kann einfach durch die offene Tür gehen.
Es gibt kein Vorzimmer. Die Zentrale des Kreuzfahrtunternehmens befindet sich in einem Glasbau im Hamburger Stadtteil Hammerbrook. Vom Chefbüro aus sieht man in der Ferne den Hafen und das Dach der Elbphilharmonie.
Ihr Gardemaß von 1,80 Meter hält Wybcke Meier nicht davon ab, hohe Absätze zu tragen. Skinny Jeans betonen die schlanken Beine, dazu kombiniert sie Langarmshirt und blauen Blazer. Der maritime Look wird ergänzt durch dezentes Make-up, sportliche Uhr und einen breiten Silberring. Für beruflichen Erfolg braucht es zwingend ein Studium?
Branche von der Pike auf kennengelernt
Wybcke Meiers Lebenslauf ist ein gutes Gegenbeispiel. Die 53-Jährige hat nie eine Vorlesung besucht, aber die Branche von der Pike auf kennengelernt. Im Laufe ihrer Karriere traf die Reiseverkehrskauffrau immer wieder auf Menschen, vor allem Männer, die ihr den Job erst nicht zutrauten. „Was will die denn hier?“, hieß es bei ihrer ersten Station, dem Veranstalter Fischer Reisen in Hamburg, als sie als junge Führungskraft Kunden besuchte. Doch die 27-Jährige biss sich durch.
Hürden gab es auch im türkisch geprägten Unternehmen Öger Tours, wo Wybcke Meier gemeinsam mit der Tochter des Firmengründers die operative Führung übernahm. Sie machte das so gut, dass sie vom Berliner Luxusreiseunternehmen Windrose abgeworben wurde.
Mitarbeiter beschreiben die Chefin als ruhig und gelassen
„Die Reaktionen waren bunt, als 2014 bekannt wurde, dass ich zu Tui Cruises wechseln würde.“ „Bunt“ ist ein Wort, dass Wybcke Meier gerne benutzt. Es klingt freundlicher als „unverschämt“ oder „frech“. Typisch Meier: Mitarbeiter beschreiben die Chefin als ruhig und gelassen.
Wenn ihr etwas nicht passt, brüllt sie nicht herum, sondern hebt höchstens irritiert die Augenbrauen. Die Chefin einer Kreuzfahrtreederei mit Verantwortung für sieben Schiffe der „Mein Schiff“- Flotte und 400 Mitarbeiter auf Landseite wirkt sympathisch und pragmatisch.
Sie scheint gut darin, sich nicht entmutigen zu lassen. Die beste Schule, erzählt sie, sei ihre Zeit als Reiseleiterin auf Mallorca gewesen. Ende der 1980er Jahre am Ballermann ging es auch „bunt“ zu. „Damals gehörte es zum Alltag eines Reiseleiters, Gäste auf der Polizeistation auszulösen. Ich freute mich daher auf den Winter auf Lanzarote, wo ich ein etwas anderes Publikum und weniger Probleme erwartet habe.“
Doch auch auf der Kanareninsel warteten Probleme: Halb fertige Hotels sorgten für Unmut unter den Urlaubern. „Ich habe früh den reklamierenden Gast kennengelernt, aber auch verstanden: Das geht nicht gegen mich als Person.“
Die gebürtige Helgoländerin ist sturmerprobt
Wybcke Meier musste von klein auf mit Herausforderungen umgehen. Als gebürtige Helgoländerin ist sie Sturm gewohnt und kann gut improvisieren. Das Leben auf einem Felsen mitten in der Nordsee war kompliziert: „Egal, ob man den Zahnarzt besuchen oder eine Winterjacke kaufen möchte – man muss immer mit dem Schiff zum Festland fahren“, erzählt die 53-jährige. 36 Seemeilen sind es bis Cuxhaven, mindestens zweieinhalb Stunden Fahrt.
Auf der Fähre „Seute Deern“ (Plattdeutsch für „süßes Mädchen“) wurde der kleinen Wybcke regelmäßig schlecht: „Als Kind war ich seekrank.“ Im Teenageralter konnte sie die Übelkeitsanfälle überwinden. Inzwischen sagt sie: „Es gibt nichts Schöneres, als sich auf dem Meer den Wind um die Nase wehen zu lassen.“
Wybcke Meiers Eltern führten die Inselbäckerei – und hatten das ganze Jahr über gut zu tun. Ihre Kindheit sei sehr glücklich gewesen, sagt die 53-Jährige. Eine ganze Insel als Abenteuerspielplatz, viele Freunde und noch mehr Hobbys. Blockflöte, Schwimmen, Tennis, Turnen, Segeln.
Teamplayerin und Rollschuhfahrerin
Besonders gut war sie beim Handball. Teamplayerin Wybcke Meier spielte auf der Position Halblinks beim VfL Fosite Helgoland – benannt nach dem friesischen Meeresgott. Ihre beste Freundin ging später zum VfL Oldenburg in die Handball-Bundesliga. „Die war talentierter als ich“, sagt Meier.
Eine weitere sportliche Leidenschaft der Bäckerstochter war Rollschuhfahren. „Aufgrund der Topografie geht das total gut auf Helgoland. Aber es ist nur im Winter erlaubt“, erzählt Wybcke Meier. Im Sommer könnte man schließlich irgendwelche Gäste ummähen.
„Einmal schenkte mir mein Bruder zu meinem Geburtstag am 21. Dezember nur einen Rollschuh. Da wusste ich, was ich zu Weihnachten bekommen würde. Das fand ich im Alter von zehn Jahren ziemlich blöd“, sagt sie und lacht.
Trotz aller Liebe zur Heimat: Dass sie weggehen würde, war klar. Nach dem Realschulabschluss auf Helgoland zog Wybcke Meier nach Hamburg, um das Abitur zu machen. Mit ihrem älteren Bruder Stefan gründete sie eine Wohngemeinschaft. Heute lebt sie allein in der Hansestadt. Sie macht noch immer Sport, reist auch privat viel. Brasilien und Japan stehen noch auf ihrer Wunschliste.
Pandemie hat Reisebranche schwer getroffen
Vor der Pandemie besuchte sie jedes Schiff etwa zweimal im Jahr für ein paar Tage. „Nicht um zu kontrollieren, sondern als Wertschätzung für die Crew.“ „Miss Wybcke“, wie die asiatischen Mitarbeiter sie nennen, trifft man an Bord häufig im Fitnessstudio oder beim Yoga. Einen langen Spaziergang übers Deck zu machen, tief durchzuatmen, das sind ihre persönlichen Wohlfühlmomente.
Sie übernahm eine Firma auf Wachstumskurs und musste sie schon kurz darauf durch schwere See steuern. Der Umweltaspekt und die Umstellung der als Dreckschleudern verschrieenen Schiffe von Schweröl auf alternative Treibstoffe sind Aufgaben, die nach wie vor zu lösen sind.
Corona stellte die Branche vor neue Herausforderungen. Meier erkannte das früh und rief schon im Februar 2020 einen Expertenrat ins Leben. „Damals war noch gar nicht klar, welche Auswirkungen die Pandemie haben würde.“
Tui Cruises setzt Maßstäbe
Dank dieser Voraussicht konnte Tui Cruises nach einer monatelangen Phase des Stillstands die Flotte als eine der ersten wieder in den Betrieb schicken: mit geringerer Auslastung, strengem Hygienekonzept und Kontaktnachverfolgung. Damit setzte das deutsche Unternehmen weltweit Maßstäbe.
Obwohl inzwischen die komplette Crew geimpft ist und nur noch geboosterte Gäste mitfahren dürfen, gibt es auch bei Tui Cruises ab und an Coronafälle, Routen müssen geändert werden, weil Häfen kurzfristig die Einfahrt verweigern, Reisen werden abgebrochen.
Doch Wybcke Meier ist zuversichtlich: „Die Pandemie hat der Faszination für Kreuzfahrten nichts anhaben können. 2022 nehmen wir wieder mehr Fahrt auf.“
Info: Das Unternehmen
Tui Cruises ist ein Gemeinschaftsunternehmen des Touristikkonzerns Tui AG und des US-Kreuzfahrtanbieters Royal Caribbean Cruises Ltd. Die Firma mit Sitz in Hamburg bietet seit Mai 2009 Urlaub auf dem Meer für den deutschsprachigen Markt an.
Die Flotte von Tui Cruises umfasst sieben Schiffe mit einer Kapazität von rund 17 800 Betten. Drei weitere Schiffe sind bestellt und werden 2023, 2024 und 2026 in Dienst gestellt (www.meinschiff.com).
Wichtigster Mitbewerber ist Aida Cruises, ein Tochterunternehmen der Carnival Corporation, mit Sitz in Rostock und derzeit 14 Schiffen (www.aida.de).
Die Branche
Die deutsche Kreuzfahrtindustrie setzt jährlich rund 800 Millionen Euro um (www.cliadeutschland.de).
Damit ist der Markt nach den USA im weltweiten Vergleich am umsatzstärksten. Rund 3,1 Millionen deutsche Urlauber gingen im Jahr 2019 auf Kreuzfahrt. Im Jahr 2020 wurde die Branche weltweit stark vom Ausbruch der Coronakrise getroffen. Die Anzahl der Passagiere ging um mehr als 50 Prozent zurück.
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