Kricket Weltmeisterschaft Geliebtes koloniales Erbe

Kricket ist in Indien Nationalsport. Foto: Imago//Vikram Chandrasekar

Kricket ist Indiens Nationalsport und eine Milliardenindustrie. Die hindu-nationalistische Regierung will die diesen Donnerstag beginnende WM als Symbol für ihren wirtschaftlichen und politischen Aufstieg vermarkten.

Enge Straßen mit dichtem Verkehr prägen das Geschäftsviertel von Kolkata, früher Kalkutta. Der drittgrößte Ballungsraum Indiens dürfte bald 20 Millionen Einwohner zählen. Die Mischung aus Staub, Smog und Benzingeruch macht das Atmen schwerer. Doch wenige Hundert Meter weiter, auf dem Maidan, ist die Hektik weit weg. Der größte öffentliche Park Indiens füllt sich am Nachmittag. Kinder, Jugendliche und Erwachsene stecken sich mit Jacken und Rucksäcken Spielfelder für Kricket ab. „Der Maidan ist das Zentrum für unsere größte Leidenschaft“, sagt der frühere Profispieler Ambar Roy, der inzwischen eine Jugendauswahl trainiert. „Wir verehren Kricket.“

 

Filmstars, Politiker und Kricketspieler sind die Berühmtheiten Indiens

Ambar Roy sitzt auf einem Gartenstuhl. Seine Spieler klopfen sich den Staub von ihren langen Hosen und schwärmen aufs Feld aus. Hier in Kolkata hoffen sie auf den Durchbruch und eine lukrative Profikarriere. „Rund um Kricket ist eine Milliardenindustrie entstanden“, sagt Ambar Roy. „Wer sind denn die Berühmtheiten in unserem Land? Filmstars, Politiker und Kricketspieler.“

In einer Pause sitzen die Jugendspieler zusammen und schauen auf ihren Handys die Videos der Profiliga. Ihre Vorfreude ist groß, denn am 5. Oktober beginnt die Kricket-Weltmeisterschaft. Indien trägt das Turnier, das 1975 Premiere hatte, zum ersten Mal alleine aus. „Wir erhoffen uns einen großen Schub“, sagt Ambar Roy. Fünf WM-Spiele sollen im Osten von Indien in Kolkata stattfinden, einem der zehn Austragungsorte.

Kricket ist in Indien stark mit der Wirtschaft verbunden

Von den holprigen Spielfeldern auf dem Maidan sind es zehn Gehminuten bis zum nördlichen Rand des Parks. Hier liegt Eden Gardens, das drittgrößte Kricketstadion der Welt. Die Fassade ist mit Malereien verziert. Darauf zu sehen sind Fans, die ehrfürchtig zu ihren Sporthelden aufschauen. Auf der Fläche von Eden Gardens wurde bereits in den 1860er Jahren erstmals Kricket gespielt, ein Import der britischen Kolonialzeit.

Der Kricketfunktionär Snehasish Ganguly hat seine ersten Spiele in Eden Gardens als Schüler in den frühen 1980er Jahren erlebt. Damals, erzählt er, standen die Leute stundenlang für Tickets in der Schlange. Heute hat Ganguly in den Katakomben von Eden Gardens ein großes Büro. Er ist ehrenamtlicher Präsident des Kricketverbandes von Westbengalen, jenem Bundesstaat, in dem Kolkata die Hauptstadt ist. Im Hauptberuf leitet er ein millionenschweres Verpackungsunternehmen.

Funktionäre wie Snehasish Ganguly machen deutlich, wie sehr Kricket in Indien mit der Wirtschaft verbunden ist. „Uns steht eine gute Summe Geld zur Verfügung“, sagt er und lächelt. „Eine sehr gute Summe.“

Kricket zählt zu den lukrativsten Sportindustrien der Welt

Snehasish Ganguly spricht von der Indian Premier League (IPL), der wichtigsten Kricketliga der Welt, gegründet 2008. Allein der Verkauf der Medienrechte sichert der IPL und ihren zehn Clubs in den kommenden fünf Jahren 6,4 Milliarden Dollar. Zu den größten Ligasponsoren zählen ein Stahlunternehmen, eine Finanz-App, ein Anbieter für Online-Fortbildungen. Und aus dem Ausland drängen Staatskonzerne aus den Golfstaaten auf den indischen Kricketmarkt. In Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait und Katar leben zusammen mehr als zehn Millionen Arbeitsmigranten aus Indien.

In jedem Fall hat sich die Indian Premier League zu einer der lukrativen Sportindustrien entwickelt: Die nordamerikanische National Football League (NFL) verzeichnete zuletzt einen Jahresumsatz von 18 Milliarden Dollar. Auf Platz zwei liegt bereits die IPL mit 10,9 Milliarden. Erst auf Rang fünf folgt die erste europäische Fußballliga, die englische Premier League, mit einem Umsatz von 5,3 Milliarden Dollar. „Für unsere Unternehmen ist Kricket die perfekte Bühne, um Reichweite zu erzielen“, sagt der Unternehmer Snehasish Ganguly.

Die Kricketsaison dauert nur zwei Monate

Früher waren es Romane und Bollywood-Filme, in denen Kricket eine Rolle spielte. Heute sind es in Stadien Shows mit Lichtdrohnen und Tanzchoreografien, ideal für die Verbreitung in sozialen Medien. Das Besondere an der IPL ist, dass sie im Frühjahr nur knapp zwei Monate dauert, mit gerade mal 74 Spielen. Die Clubs ersteigern in Auktionen die besten Spieler aus aller Welt, zum Teil für Millionenbeträge.

Mit dem wirtschaftlichen Erfolg wächst die politische Bedeutung von Kricket, wie ein Beispiel aus dem März deutlich macht: In Ahmedabad, im Westen des Landes, empfing das indische Nationalteam in einem Testspiel Australien. Vor der Partie fuhr ein Wagen mit einem Podest um das Feld herum. Darauf standen Australiens Premierminister Anthony Albanese und Indiens Premierminister Narendra Modi, sie winkten ins Publikum. Auf dem Wagen stand eine Botschaft: „Freundschaft durch Kricket“. Beide Regierungen vereinbarten eine engere Zusammenarbeit.

In Kricket spiegeln sich die Konflikte Indiens

Das Stadion von Ahmedabad ist mit 132 000 Plätzen das größte Kricketstadion der Welt und trägt seit 2021 den Namen von Narendra Modi. Die Arena liegt im Bundesstaat Gujarat, wo Modi bis 2014 der „Chief Minister“ war. 2002 soll Modi dort tatenlos zugesehen haben, wie mehrere Hundert Muslime bei Pogromen getötet wurden. Im politischen Klima seiner hindunationalistischen Regierungspartei BJP haben Anfeindungen gegen Muslime zugenommen. Ausgerechnet in Ahmedabad soll nun am 14. Oktober das brisanteste WM-Spiel stattfinden, zwischen den verfeindeten Nachbarn Indien und Pakistan.

„Kricket ist ein Spiegel der Konflikte und der Diplomatie in Indien“, sagt der Historiker Kausik Bandyopadhyay, der Bücher über Politik und Sport in Indien geschrieben hat. 1947 hatte die einst größte Kolonie Großbritanniens ihre Unabhängigkeit erlangt. Der Subkontinent wurde in das mehrheitlich hinduistische Indien und in das muslimische Pakistan geteilt. Bei Flucht und Gewaltexzessen sollen mehr als eine Million Menschen ums Leben gekommen sein. Dennoch spielte die neue pakistanische Kricketauswahl bereits 1952 erstmals in Indien. Tausende Zuschauer erhielten ein Visum für das Land, aus dem sie einst vertrieben wurden.

Das Stadion von Kolkata wird auch die WM überstehen

Auch in jüngerer Vergangenheit war das Verhältnis der Atommächte angespannt. Eine der Ursachen: 2008 kostete eine Anschlagsserie pakistanischer Islamisten in Mumbai 160 Menschen das Leben. Seitdem waren pakistanische Spieler in der indischen Kricketliga nicht mehr willkommen. Und auch nun vor der WM haben die pakistanischen Spieler erst wenige Stunden vor der geplanten Abreise ihre Visa erhalten. Am Freitag musste die pakistanische Mannschaft im indischen Hyderabad ein Vorbereitungsspiel gegen Neuseeland ohne Publikum bestreiten. Offenbar ist ihre Sicherheit gefährdet.

Dennoch ist Kricket in Indien das wohl einzige Vermächtnis der Kolonialzeit, das von allen geliebt wird. Man kann sich davon in der College Street ein Bild machen, im Norden von Kolkata. Auf schmalen Bürgersteigen breiten Händler ihre Büchertische aus. In Geschäften liegen auch Zeitschriften über Kricket aus. Zum Beispiel über das ehrwürdige Stadion von Kolkata. Mehrfach haben Fans in Eden Gardens Feuer gelegt, weil sie nach Siegen ihre Begeisterung nicht kontrollieren konnten. Eden Gardens wird bald 160 Jahre alt – und sicherlich mehr als nur die nächste WM überdauern.

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