Krieg im Nahen Osten Krisenmodus in Seoul
Die Krise um den Iran zieht auch an den Börsen weltweite Kreise. Besonders betroffen ist Südkorea. Das hat indirekt auch mit Nordkorea zu tun.
Die Krise um den Iran zieht auch an den Börsen weltweite Kreise. Besonders betroffen ist Südkorea. Das hat indirekt auch mit Nordkorea zu tun.
Die Zahl, die am Mittwochnachmittag auf den Lauftexten in Seoul zu sehen war, hat schon historischen Wert. Hinter einem dicken Pfeil, der nach unten zeigte, stand da „12,06.“ So weit war der KOSPI, Südkoreas Aktienleitindex, eingebrochen. Weltweit bekannte Unternehmen, die im KOSPI gelistet sind, beinhalten Samsung Electronics, das 11,74 Prozent nachließ, und Chiphersteller SK hynix, das um 9,58 Prozent absackte. Schon am Tag zuvor war Südkoreas Aktienleitindex stark abgesunken.
Hintergrund der starken Kursverluste ist der Konflikt rund um den Iran, der von Israel und den USA angegriffen worden ist, woraufhin das Regime in Teheran Angriffe auf mehrere Ziele in der Region unternommen hat. Indem aus dieser Gegend – dem Mittleren Osten – ein Großteil der Ölexporte in die Welt geht, sind diverse Börsen stark beeinflusst. Südkorea aber führt die Verliererliste an. Japans Aktienleitindex Nikkei 225 fiel um „nur“ 3,61 Prozent, der Shanghai Composite-Index bloß um 0,98 Prozent.
In Südkorea wurde der Handel wegen der starken Einbrüche schon teils ausgesetzt – das Handelsergebnis vom Mittwoch markierte den stärksten Tageseinbruch seit 2008, als die Welt von einer globalen Finanzkrise heimgesucht worden war. Zudem sank die Währung Won gegenüber dem US-Dollar auf seinen niedrigsten Wert seit 17 Jahren. Das 52-Millioneneinwohnerland ist im Krisenmodus. Ein Grund ist die hohe Abhängigkeit von Ölimporten. Rund 70 Prozent des in Südkorea verwendeten Öls stammen aus der Region, die von der Krise um den Iran akut betroffen ist. Während etwa auch Japan stark von Ölimporten aus dem Mittleren Osten abhängt, sei die Lage für Südkorea aber prekärer betont Frederic Spohr, Leiter des Seoul-Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung: „Japans Volkswirtschaft ist absolut gesehen deutlich größer. Sie ist deshalb resilienter gegen Krisen im Ausland“, so Spohr.
Hinzu kommt: „Südkoreas Wirtschaft ist noch energieintensiver, sodass höhere Energiepreise stärker negative Auswirkungen haben.“ Auch deshalb operiert die Regierung in Seoul nun im Notfallmodus. Am Mittwoch verkündete sie, dass sie für Unternehmen, die unter der Situation im Mittleren Osten akut zu leiden haben, einen Notfallfonds aufsetzen werde. Bisher habe es keine Lieferunterbrechungen von Öl gegeben. Auch wird betont, dass Südkorea über Ölreserven für 208 Tage verfüge.
Gegenüber der Nachrichtenagentur Yonhap erklärte ein Offizieller: „Angesichts der Unsicherheiten im Mittleren Osten werden wir eng mit den zuständigen Ministerien zusammenarbeiten, um Angebot und Nachfrage wichtiger Güter zu überwachen, die Stabilität der Lieferketten zu gewährleisten und Unternehmen bei der Sicherung alternativer Bezugsquellen zu unterstützen.“
In Südkorea rufen Tage derart großer Kurseinbrüche auch aus historischen Gründen Sorge hervor. 1997 brachen Börse und der Won in der Asiatischen Finanzkrise so stark ein, dass das Land in Zahlungsprobleme geriet. Unter Zwang schmerzhafter Reformen wurde es vom Internationalen Währungsfonds mit Krediten versorgt. Die damalige Staatspleite gilt als nationales Trauma.
Die starken Einbrüche in Südkorea könnten noch einen anderen, indirekten Hintergrund haben. Iran hat gute Kontakte zu Nordkorea. Indem Iran als Unterstützer des nordkoreanischen Atomprogramms gilt, ist es nicht undenkbar, dass auch Nordkorea noch in den Konflikt hineingezogen wird. In dem Fall wäre auch Südkorea in akuter Gefahr. Bisher ist dies unwahrscheinlich. Aber die Lage ist nur bedingt berechenbar.
Als wahrscheinlich gilt dagegen, dass sich Nordkoreas Regierung von ihrem Atomwaffenprogramm nun umso weniger wird abbringen lassen. Mit Blick auf Nordkoreas Diktator Kim Jong-un erklärte Song Seong-jong, Professor für Sicherheitspolitik an der Daejeon Universität: „Kim dürfte denken, dass Iran so nur angegriffen wurde, weil es keine Atomwaffen besitzt.“ Sein Atomwaffenarsenal sehe Pjöngjangs Regierung nun umso mehr als Lebensversicherung.