Krieg im Nahen Osten Raketenbeschuss auf Ludwigsburger Partnerregion

Blick vom Kibbuz Shamir aus Richtung Libanon, von wo aus die Hisbollah Angriffe starten. Foto: Rainer Gessler

Das Obere Galiläa ist seit vielen Jahrzehnten die Partnerregion des Landkreises Ludwigsburg. Claudia Rugart war vor kurzem in Israel und beschreibt bedrückende Erlebnisse. Auch Rainer Gessler lassen seine Eindrücke von einem Besuch Anfang des Jahres nicht los. Die Sorge um die Freunde in Israel ist groß.

Ludwigsburg: Karin Götz (kaz)

Ein Jahr ist es her, dass die letzte große offizielle Delegation aus dem Oberen Galiläa zu Gast im Landkreis Ludwigsburg gewesen ist. Die Ludwigsburger reisten ihrerseits zuletzt Anfang Februar dieses Jahres nach Israel in die Partnerregion, in der sich die Lage zuspitzt. Kreisrat Rainer Gessler war Teil der dreiköpfigen Delegation. Auf einer Strecke von vier Kilometern entlang der Grenze zum Libanon sind die Menschen nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 aus ihren Kibbuzim ins Landesinnere gebracht worden. „Es wurde Unglaubliches geleistet, um Kindergärten, Altenheime, Schulen und Familien in Hotels und Bürogebäuden unterzubringen. Alle leben unter völlig veränderten Bedingungen weiter“, berichtet Gessler. Die Ungewissheit, wann sich der seit nunmehr neun Monaten anhaltende Zustand normalisiere, sei schwer auszuhalten für die Menschen, egal, ob sie noch im Oberen Galiläa oder im Landesinneren bei Freunden und Verwandten seien. Und auch den Kreisrat beschäftigt das Erlebte nach wie vor sehr.

 

Raketenangriffe am 4. Juli auf das Kibbuz Daphna Foto: privat

Wie ist die Lage? Das israelische Militär hat die Präsenz zuletzt erhöht. Der Beschuss aus dem Südlibanon durch die Hisbollah nimmt zu. Erst vor ein paar Tagen haben etwa 200 Raketen aus dem Libanon in Daphna, einem Kibbuz in Obergaliläa, eingeschlagen. „Die Menschen leben in der ständigen Anspannung und Angst, dass der große Angriff kurz bevorsteht“, sagt Landrat Dietmar Allgaier.

Die Partnerregion des Landkreises „Oberes Galiläa“ Ludwigsburg grenzt unmittelbar an den Libanon und die Golanhöhen. Foto: Grafik Locke

Wegen der hohen Temperaturen und der damit verbundenen Trockenheit in der Region kommt es nach Raketeneinschlägen auch immer häufiger zu Bränden. Oft sind landwirtschaftliche Flächen und damit Ernten betroffen, ebenso wie Wohngebiete. Allgaier: „Auch der Sitz der Regionalverwaltung des Oberen Galiläas in Kiryat Shmona war kürzlich von Feuer bedroht.“

Alte Menschen aus einem Altersheim im Kibbuz Metulla sind in einem Hotel untergebracht. Foto: Rainer Gessler

Schülerinnen und Schüler werden im Moment an vermeintlich sicheren Orten im Süden des Oberen Galiläas, aber auch an anderen Orten in Israel unterrichtet. Aktuell sind bis 1. September Sommerferien in Israel, und viele Familien stehen vor der Entscheidung, ob sie in den Norden zurückkehren, damit ihre Kinder nach den Ferien wieder dort zur Schule gehen können. Allgaier: „Da wir in großer Sorge um unsere Freunde sind, stehen wir in ständigem Kontakt mit Chairman Giora Salz und seinen Mitarbeitern.“

In großer Sorge ist auch Claudia Rugart. Hauptberuflich ist sie Abteilungsleiterin im Stuttgarter Regierungspräsidium. Ehrenamtlich führt sie den Verein Nachhaltige Bildung und Schulentwicklung (nbs) mit Sitz in Kornwestheim. Und außerdem ist sie Leiterin eines Projekts mit dem Oberen Galiläa, bei dem Partnerschaften zwischen israelischen und baden-württembergischen Schulen gefördert werden. Zehn Mal reiste Rugart in den vergangenen sieben Jahren ins Obere Galiläa, zuletzt vor wenigen Wochen.

Bürgermeister des Kibbuz Metulla, David Azulai, ist mit seinen Kibbuzmitgliedern weiter im Landesinneren untergebracht worden. Foto: Rainer Gessler

Die Lage vor Ort sei sehr angespannt, berichtet Claudia Rugart: „Es gibt viel Traurigkeit, Erschütterung und Schmerz.“ Und dennoch erlebe man eine erstaunliche Fähigkeit, nämlich Kraft und Identität zu bewahren, offen zu bleiben und Friedenslösungen zu suchen. „Der Zusammenhalt ist bewundernswert, die Bereitschaft, etwa mit denen zu teilen, die evakuiert worden sind, ist groß“, sagt sie. Einen Angriff hat Claudia Rugart während ihres Aufenthaltes nicht erlebt. Aber schon am Tag nach ihrem Aufenthalt habe es wieder zahlreiche Angriffe gegeben. Die Routine, immer wieder in den Shelter, in den Luftschutzbunker, zu müssen, sei sehr bedrückend. Auch ihr und ihren Begleitern sei erklärt worden, was zu tun sei, wenn zum Beispiel während der Autofahrt Alarm gegeben werde. „Im Auto zu sitzen und zu wissen, dass es jederzeit losgehen kann, wir dann anhalten, vom Auto wegrennen, uns auf den Boden legen und die Arme zum Schutz über den Kopf halten, lässt die Gefahr auch im Körper sehr konkret spürbar werden.“

Die Menschen bewege vor allem die Sorge um ihre Mitmenschen, aber auch die Frage wie es weitergeht. Gerade junge Menschen hätten während Corona eine besondere Zeit erlebt. „Dann kam die Krise der Demokratie, jetzt erleben sie Krieg – wie sollen sie hoffnungsfroh in die Zukunft blicken?“

Region Oberes Galiläa

Partnerschaft
Die Freundschaft zwischen der Region Oberes Galiläa und dem Landkreis Ludwigsburg besteht seit 1983. 1997 wurde sie offiziell besiegelt. Das Obere Galiläa liegt im hügeligen Norden Israels an der Grenze zum Libanon

Projekte
Es gibt viele gemeinsame Projekte – unter anderem im Naturschutz, auf künstlerischer und musikalischer Ebene, in der Bildungsarbeit sowie auf Krankenhausebene.

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