Krieg im Nahen Osten „Weiß nicht, wer lebt und wer nicht“ – wie iranischstämmige Stuttgarter bangen

Als Lena Raisdanai vom Tod des iranischen Führers Ali Chamenei mitbekam, hielt sie gerade eine Rede bei einer Kundgegbung gegen das Mullah-Regime in Stuttgart. Foto: Lena Raisdanai

Iranischstämmige Stuttgarter blicken mit großer Sorge in die Heimat – Hoffnung und Zuversicht sind von Angst, Unsicherheit und Ohnmacht abgelöst worden.

„Mir geht es gar nicht gut, ich fühle mich leer“, sagt die 33-Jährige Lena Raisdanai klar, fast nüchtern und trifft damit die Gefühlslage, die viele iranischstämmige Menschen derzeit teilen.

 

Denn während sich die Lage im Nahen Osten weiter zuspitzt, bleibt die Unsicherheit groß. US-Präsident Donald Trump hatte dem Iran ein Ultimatum gestellt, kurz darauf einigten sich die Konfliktparteien auf eine zweiwöchige Waffenruhe. Wie blicken iranischstämmige Stuttgarter nun auf die Situation, nachdem viele die Angriffe zunächst als möglichen Wendepunkt sahen? Hat sich ihre Hoffnung inzwischen in Zweifel verwandelt?

Noch vor wenigen Wochen hatte Raisdanai, Nahostwissenschaftlerin und Aktivistin aus Stuttgart, Hoffnung gespürt, als unsere Zeitung damals mit ihr sprach. Nach dem Tod des iranischen Führers Ali Chamenei sei sie „das ganze Wochenende auf der Straße gewesen“, erzählt sie. Menschen hätten getanzt, gefeiert, geglaubt, dass sich nun etwas verändern könnte. Heute ist davon wenig geblieben. „Man fühlt sich einfach komplett leer“, sagt Raisdanai. „Und dadurch, dass man einfach nicht weiß, was Trump als nächstes macht, ist das einfach so eine Hilflosigkeit.“ Die Bilder aus ihrer Heimat verstärken das Gefühl der Ohnmacht. „Ecken und Straßen, auf denen man gelaufen ist, sind plötzlich zerstört“, beschreibt sie.

Ein schlechtes Gewissen im Alltag

Besonders belastend ist auch die ständige Ungewissheit. Der Kontakt in den Iran ist weiterhin stark eingeschränkt. Seit 40 Tagen ist der Iran vom Internet abgeschnitten. Das ist die längste staatliche Netzsperre, die es je gab. „Ich weiß nicht, wer lebt und wer nicht“, sagt Raisdanai. Während einzelne Familienmitglieder sie erreichen konnten, herrscht bei Freunden oft völlige Funkstille.„Das macht einen verrückt“, sagt sie.

Arwin Mirzaie (links) macht immer wieder auf das Schicksal von Iranern aufmerksam. Der Nahostwissenschaftlerin und Aktivistin Lena Raisdanai (rechs) ist es wichtig, Aufmerksamkeit auf die Lage im Iran zu lenken. Foto: privat

Der Alltag fühlt sich für Raisdanai oft unwirklich an. In Stuttgart lebt sie in Sicherheit – während Menschen in ihrer Heimat täglich um ihr Leben fürchten. Dass sie daran nichts ändern kann, macht es nicht leichter. Es bleibt ein nagendes Gefühl: „Man hat ein schlechtes Gewissen, wenn man lacht.“ Viele Menschen in ihrem Umfeld begegneten ihr mit Empathie. „Jemand, der einfach zuhört und sagt: Ich kann es nicht nachvollziehen, aber ich sehe, dass es dir nicht gut geht – das hilft schon“, sagt sie.

Einstellung von Arwin Mirzaie ist gleich geblieben

Arwin Mirzaie hat noch entfernte Verwandte im Iran, zu denen jedoch kein Kontakt besteht. Der 25-Jährige ist im Verein „Junge Stimme Iran“ aktiv. Er ist der Meinung, dass „ein Krieg von außen das Regime nicht zum Sturz bringen kann“. Für eine „nachhaltige Demokratie mit Freiheiten“ bedürfe es „eines organisierten Widerstands von innen“. Seine Position, die er unserer Zeitung vor ein paar Wochen gegenüber deutlich machte, hat sich nicht geändert, vielmehr sieht er sich darin bestätigt: „Wir sehen, dass dieser Krieg jetzt natürlich nicht das Regime gestürzt hat.“

Die aktuelle Stimmung im Iran beschreibt der Stuttgarter als „sehr explosiv“. Es herrsche große Wut gegenüber dem Mullah-Regime und die Menschen dort würden es nach wie vor ablehnen. Die vereinbarte Waffenruhe sei eine Erleichterung in dieser Situation. „Natürlich wird dieser Waffenstillstand kurzfristig positiv gesehen, weil ein Ende des Krieges herbeigeführt wird und zunächst einmal Frieden besteht“, sagt der Student. „Trotzdem ist das Bewusstsein da, dass dauerhafte Demokratie nur durch den Sturz und die komplette Abschaffung des Regimes möglich ist.“

Arwin Mirzaie informiert sich vor allem über die Sozialen Medien über die aktuelle Lage im Iran. Er verfolgt Accounts von Aktivisten und Bloggern, die Videos und Fotos teils „unter größter Lebensgefahr im Internet teilen“.

Anrufe aus dem Iran kaum möglich

Serveh Ezazi ist mit ihren Gedanken ständig bei ihrer Familie im Iran. Die kurdischstämmige Iranerin lebt seit 2022 in Stuttgart, doch ein Teil ihrer Familie ist dort geblieben, darunter ihre 14-jährige Tochter. Anrufe in den Iran, das berichten viele, seien fast unmöglich. Doch manchmal schafft es ein Anruf aus dem Iran heraus. Seit Kriegsbeginn konnte Serveh Ezazi zweimal mit ihrer Tochter sprechen. „Ich habe soviel Angst um sie, aber am Telefon halte ich durch.“ Ezazi möchte stark sein für ihrer Tochter, nicht vor ihr weinen. „Mama, mach dir keine Sorgen, mir geht es gut“, sagte ihrer Tochter am Telefon. Dann brach die Verbindung ab. Nicht mal eine Minute konnten Mutter und Tochter miteinander sprechen.

Halt findet Ezazi vor allem in der Gemeinschaft vor Ort. „Wir können unsere Sorgen teilen und uns gegenseitig Hoffnung geben“, sagt sie. Die Waffenruhe wird von vielen als kurze Atempause wahrgenommen – nicht mehr. Die Unsicherheit bleibt. Ebenso wie die Hoffnung, dass sich eines Tages doch etwas grundlegend verändert. „Freiheit und Einheit für alle Menschen im Iran“, sagt Ezazi „das ist mein größter Wunsch“.

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