Krieg im Nahen Osten Zypern will unter den Nato-Schutzschirm
Die Inselrepublik denkt über den Beitritt zu dem Verteidigungsbündnis nach. Aber das Nato-Mitglied Türkei senkt den Daumen.
Die Inselrepublik denkt über den Beitritt zu dem Verteidigungsbündnis nach. Aber das Nato-Mitglied Türkei senkt den Daumen.
Immer mehr Länder wollen sich wegen der Kriege in Osteuropa und im Nahen Osten unter dem Schutzschirm der Nato in Sicherheit bringen. Im Zentrum der Debatte steht die Ukraine, doch auch von der Grenze zwischen Europa und dem Nahen Osten meldet sich ein Beitrittsaspirant: Zypern. Die kleine Inselrepublik liegt weniger als 200 Kilometer von den Krisenländern Syrien und Libanon entfernt und hat keine schlagkräftige eigene Armee. Präsident Nikos Christodoulides brachte den Beitrittswunsch vor kurzem nach einem Besuch bei Joe Biden auf die Tagesordnung.
Christodoulides und der scheidende US-Präsident sprachen in Washington über eine engere militärische Zusammenarbeit von Zypern und den USA und die Nutzung von Stützpunkten auf Zypern durch die amerikanischen Streitkräfte. Für die USA hat die Kooperation mit Zypern geografische Vorteile: Die Insel liegt wie ein Flugzeugträger im östlichen Mittelmeer und bietet Kampfflugzeugen und Kriegsschiffen einen schnellen Zugang zu Krisenregionen von Libyen über den Suez-Kanal bis nach Syrien.
Schon jetzt spürt Zypern die Nähe zu den Krisenregionen. Die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien greift von Stützpunkten auf der Insel die Huthi-Rebellen im Jemen an. Bewohner und Touristen an der Südküste Zyperns konnten im Oktober am Nachthimmel den iranischen Raketenbeschuss auf Israel und die Geschosse der israelischen Raketenabwehr sehen. Die Hisbollah im Libanon drohte mit Angriffen auf Zypern. Diese Woche kaufte Zypern ein israelisches Flugabwehrsystem. Mit amerikanischer Hilfe könnten die zyprischen Streitkräfte weiter modernisiert werden, sagte Präsident Christodoulides nach seinem Besuch in den USA der Nachrichtenagentur AP. „Wenn alles bereit ist, kann die Republik Zypern Mitglied der Nato werden.“ Zyprische Politiker hatten bereits in der Vergangenheit über einen Nato-Beitritt diskutiert.
Heute wie damals gibt es bei dem Plan ein großes Problem: Die Türkei kann als Nato-Mitglied jeden Beitrittswunsch per Veto blockieren. Ankara lehnte die Äußerungen von Christodoulides gleich als „inakzeptabel“ ab. Zypern ist seit einem griechischen Putsch und einer anschließenden türkischen Militärintervention 1974 geteilt; zehntausende türkische Soldaten sind im türkischen Norden stationiert, der international nur von der Türkei als eigener Staat anerkannt wird. Eine UN-Truppe bewacht die Grenze auf Zypern. Die Türkei erkennt die zur EU gehörende Republik Zypern im Süden der Insel nicht an und schickte in den vergangenen Jahren im Streit um Gasvorkommen unter dem Meer seine Kriegsschiffe in die Nähe der Insel.
Eine Diskussion über eine Aufnahme von Zypern in die Nato sei deshalb bestenfalls verfrüht, sagt Harry Tzimitras, Direktor des Zypern-Zentrums beim norwegischen Friedensforschungsinstitut Oslo (Prio). „Schauen wir uns die türkische Position an: In der Debatte über den Nato-Beitritt von Finnland und Schweden bekam die Türkei so ziemlich alles, was sie wollte“, sagte Tzimitras unserer Zeitung. Der Nato-Bewerbung der beiden Nord-Ländern stimmte die Türkei erst nach langem Zögern und nach Zugeständnissen der Beitrittskandidaten bei der Bekämpfung kurdischer Aktivisten zu.
Wenn nun Zypern einen Antrag stellen sollte, könnte die Türkei wieder einen langen Forderungskatalog für Gegenleistungen auf den Tisch legen, sagt Tzimitras: „Sie müsste nicht einmal ihr Veto einlegen.“ Selbst wenn die türkischen Bedenken überwunden werden könnten, bleibe die Frage: „Will die Nato wirklich das Zypern-Problem importieren?“
Zypern-Experte Tzimitras sieht die Diskussion um die Nato-Mitgliedschaft der Insel als Teil einer politischen Annäherung zwischen Zypern und den USA und dem Westen insgesamt. Christodoulides‘ Regierung wolle zeigen, dass Zypern ein nützlicher Partner in der Region sein könne, meint Tzimitras. Die in Aussicht gestellte Genehmigung für die Stationierung amerikanischer Truppen gehöre ebenso dazu wie die stärkere Bekämpfung russischer Geldwäsche auf der Insel. Zypern kaufte jahrzehntelang russische Waffen, wendet sich nun aber verstärkt an westliche Lieferanten.
Der Nato-Kurs ist in Zypern umstritten. Wenn die Insel eine Rolle als Vorposten des Westens übernehme, „werden wir zur Zielscheibe“, kritisierte die linke Akel-Partei. Schon jetzt seien acht verschiedene Streitkräfte auf der kleinen Insel mit ihren insgesamt nur 1,2 Millionen Menschen stationiert, rechnet Tzimitras vor: die zyprische Nationalgarde und verbündete griechische Truppen, nordzyprische Einheiten und türkische Soldaten, die UN-Friedenstruppen, die britischen Soldaten auf ihren Stützpunkten, französische Marineverbände auf einem Flottenstützpunkt und nun bald noch die Amerikaner. „Zypern ist einer der militarisiertesten Orte der Welt.“