Es war der Tag des Antrittsbesuchs Annette Kurschus’ bei der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), als der Krieg Russlands gegen die Ukraine begann. Die neue Vorsitzende des Rates der evangelischen Kirche (EKD) und der DBK-Vorsitzende Georg Bätzing veröffentlichten daraufhin eine gemeinsame Erklärung, in der sie den Krieg verurteilten. Bei beiden großen christlichen Kirchen herrscht Einigkeit darüber, dass auf dem Gebiet der Ukraine ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg tobt.
Der Krieg findet in Europa statt
Seit dem 24. Februar ist bei den Kirchen nichts mehr, wie es war. Ein Krieg tobt in Europa – und nicht weit entfernt im Jemen. Es ist zwar nicht der erste Krieg, der den Kirchen eine Positionierung abverlangt. „Mit Waffenexporten beschäftigen wir uns seit über 20 Jahren“, sagt Ulrich Pöner. Er leitet bei der DBK den Bereich Weltkirche und Migration. Doch wer jetzt vom Frieden spricht, muss sich zu diesem europäischen Krieg verhalten und kommt nicht umhin, sich auch zu Waffenlieferungen innerhalb Europas zu erklären. „Wir hatten als Europäer gehofft, dass die Grenzen nicht mehr in Frage gestellt werden“, erklärt Pöner die neue Ausgangssituation.
Der Gewaltlosigkeit verpflichtet
Was also bedeutet die aktuelle Lage für die Gemeinschaften, deren Markenkern das Friedenstiften ist?
Die 20 evangelischen Landeskirchen Deutschlands erklärten in einem gemeinsamen Schreiben, dass „das Selbstverteidigungsrecht der Ukraine im Blick auf die gegen sie gerichteten Aggressionen unbestritten ist.“ Der Einsatz von Waffen auf ukrainischer Seite zur Selbstverteidigung sei ein Mittel, „das auch wir an dieser Stelle gutheißen können“, sagte Kurschus dann später in einem Interview des Deutschlandfunks.
Das Recht auf Selbstverteidigung
Auch die katholischen Bischöfe wurden anlässlich ihres Frühjahrstreffen Mitte März konkret. „Rüstungslieferungen an die Ukraine, die dazu dienen, dass das angegriffene Land sein völkerrechtlich verbrieftes und auch von der kirchlichen Friedensethik bejahtes Recht auf Selbstverteidigung wahrnehmen kann, halten wir deshalb für grundsätzlich legitim“, heißt es in einer Abschlusserklärung, die von den Bischöfen – ebenso wie beim evangelischen Pendant – einstimmig verabschiedet wurde. Und dennoch fühle man sich der Gewaltlosigkeit Jesu verpflichtet.
Annette Kurschuss spricht von einem Dilemma, da sich Frieden nur ohne Waffen schaffen lasse. Sie sagt: „Wir geraten hier an eine gefährliche Grenze“. Die Lage sei so, dass es kein klares Ja oder Nein geben könne. Die beiden großen christlichen Kirchen fügen sich den Fakten, wie sie der russische Präsident Wladimir Putin mit seinem Militäreinsatz geschaffen hat. „Aber es sind nicht die Handlungsoptionen, die wir uns gewünscht haben“, erläutert Pöner die Reaktion seiner Kirche auf die Aufkündigung des Friedens durch Putin.
Resilienz durch Friedensgebete
Was also tun, wenn man an der Weltlage nichts ändern kann? In Ludwigsburg wie an so vielen Orten gibt es seit dem ersten Kriegstag ein wöchentliches ökumenisches Friedensgebet. Immer donnerstags um 18 Uhr kommen Menschen auf dem Marktplatz zusammen. Der evangelische Pfarrer Martin Wendte und der Katholik Michael Friedmann haben sich wenige Stunden nach Beginn des Kriegs darauf verständigt. Die Menschen beten und singen gemeinsam. Dann stellen sie in einem immer wiederkehrenden Ritual viele Teelichter in Form eines riesigen Peace-Zeichens zusammen. „Aus Ohnmacht dem Unfassbaren gegenüber wird Aktion“, sagt Wendte. Außerdem entstehe so Gemeinschaft oder sie werde gestärkt. Er versteht es auch als Signal an die Menschen in der Ukraine, dass überall auf der Welt Menschen für sie beten und hinter ihnen stehen. Und was die Menschen im Kriegsgebiet stärken soll, sei eine Form der Resilienzstärkung, ist Wendte überzeugt. Auch für die Betenden hier, die so vielleicht die Folgen des Krieges besser aushalten.
Hilfsbereitschaft ist größer als 2015
Und dann gibt es auch noch die ganz praktische Hilfe. Die der württembergischen Landeskirche koordiniert Klaus Rieth, frisch in den Ruhestand ausgeschiedener ehemaliger Leiter des Abteilung für Mission, Ökumene und Entwicklung. In den Gemeinden finden jene wieder zusammen, die schon 2015 geholfen haben. 600 000 Euro stellt die Landeskirche in einem ersten Schritt als Soforthilfe zur Verfügung. Sie geht von der Hilfe bei der Traumatherapie bis hin zu Küchengeräten als Erstausstattung. „Die Hilfsbereitschaft ist größer als 2015“, sagt Rieth. Wohl auch, „weil die Flüchtenden uns näher sind. Sie kommen zum Teil mit dem Auto“.
Der Weg zurück in die Normalität nach einem wie auch immer gearteten Waffenstillstand wird wohl lange dauern. „Wie viele Generationen wird es brauchen, bis die Völker wieder normal miteinander umgehen können?“, fragt Pöner. Spätestens dann schlägt die Stunde der Friedensstifter und der Versöhnungsarbeit.