Krieg in der Ukraine Eine Ukrainerin aus Stuttgart zwischen Schock und Hoffnung

Licht und Schatten – Afina Albrechts Tage sind geprägt von Angst, Sorge und ein wenig Hoffnung.Foto: Lichtgut/Leif Piechowski Foto:  

Am Sonntag hat die Ukrainerin Afina Albrecht mit ihrer Rede auf dem Schlossplatz viele Menschen berührt. Wie geht es ihr und ihrer Familie in Mariupol? Und wie erlebt sie die Angriffe auf ihre Heimatstadt?

Stuttgart - Drei Worte sagt Afina Albrecht immer wieder: „Ich habe Angst.“ Regelmäßig schaut die 34-jährige Ukrainerin am Dienstagmittag auf ihr Smartphone und wartet auf eine Nachricht ihrer Mutter aus Mariupol. Seit Strom und Internet in der 440 000-Einwohner-Stadt im Osten der Ukraine teilweise fehlen, ist die Verbindung zur Mutter und zur Tante, die in einem Keller im Zentrum der Stadt Schutz suchen, immer wieder unterbrochen. „Ich hätte meiner Mutter gerne noch gesagt, wie lieb ich sie habe“, sagt Afina Albrecht.

 

Kräftezehrende Tage liegen hinter der jungen Frau aus Sindelfingen, die in der Ukraine aufgewachsen ist und seit 2009 in Deutschland lebt. Am Sonntag berichtete sie auf der Demonstration auf dem Schlossplatz von der Situation in Mariupol und berührte damit die Menschenmenge. Eine Mischung aus Schock, Verzweiflung und ein klein wenig Hoffnung – so lässt sich Afina Albrechts Gefühlszustand in diesen Tagen in Worte fassen. Schock angesichts der Tatsache, dass in „ihrem Land“, wie sie die Ukraine immer wieder nennt, Panzer auf den Straßen rollen und für lange Zeit Spuren im Asphalt hinterlassen werden. Verzweiflung, während sie auf Lebenszeichen von Freunden und der Familie aus Kiew, Mariupol, Odessa, Lemberg und Charkiw wartet. Und zwischen all den Ängsten und Tränen die Hoffnung, dass ihr Land und seine Bevölkerung nicht an diesem Krieg zerbrechen.

„Ich war so stolz auf die Entwicklung meiner Heimatstadt“

Afina Albrecht ist Teil einer Generation, in deren Lebensbild Krieg, stoischer Nationalismus und Größenwahn keinen Platz haben. Sie hat Betriebswirtschaftslehre in Mariupol studiert und kam 2006 im Rahmen eines Auslandsaufenthalts zum ersten Mal nach Deutschland. „Ich war begeistert und habe mich direkt wohl gefühlt“, erzählt sie. Nach dem Studienabschluss in der Ukraine ging sie als Au-pair an den Bodensee und fand im Anschluss eine feste Anstellung in Baden-Württemberg.

Alle paar Jahre besuchte sie ihre Familie in Mariupol, zuletzt im Juni 2021. „Ich war so stolz auf die Entwicklung meiner Heimatstadt“, sagt sie und denkt an lebendige Plätze, Grünzonen und Sanierungen in die Jahre gekommener Gebäude. Die emotionale Verbundenheit, die sie gegenüber ihrem Heimatland verspürt, ist aus jedem Satz herauszuhören: „Die Ukraine ist ein souveränes Land mit so vielen Möglichkeiten.“ Herzliche, fähige Menschen, eine schöne Sprache, großartige Schriftsteller, das verbindet sie mit ihrem Heimatland, das nach dem Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991 seine Unabhängigkeit erlangte. „Wir haben unsere eigene Identität. Niemand kann diese kleinreden oder auf unser Land Anspruch erheben“, betont sie.

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Sorgen um Familie und Freunde sind groß

Am Nachmittag kann Afina Albrecht ihre Tante erreichen, abends dann auch endlich ihre Mutter. Beiden ginge es soweit gut, mit warmen Decken und Lebensmitteln harren sie aus. Wohnung und Keller der Tante liegen in der Nähe des Hafens von Mariupol. Die der Mutter hingegen im Westen der Stadt, nahe einer großen Bundesstraße, über die russische Militärfahrzeuge in die Stadt anrücken. Dort zu bleiben, war für Afina Albrechts Mutter keine Option. Auf der Straße stünden ausgebrannte Autos, eine Schule nahe des Wohnortes ihrer Oma wurde getroffen. Die Gefechte auf der Straße seien von der Wohnung aus zu sehen und zu hören, sagt Afina Albrecht mittels Sprachnachricht am Dienstagnachmittag. „Das ist die Realität in Mariupol. Ich bin hier und kann nicht helfen“, sagt sie mit gebrochener Stimme.

Von Stuttgart aus Helfen

Die Nächte seit Putins Kriegserklärung am 24. Februar seien kurz. Nur ein paar Stunden Schlaf findet Afina Albrecht zumeist. Die Angst überrolle sie in Wellen. „Eigentlich müsste ich mich ausruhen und Kräfte sammeln, wie soll ich sonst hier von Stuttgart aus weiterhelfen oder erreichbar für meine Familie bleiben?“ Über WhatsApp, Telegram und Instagram hält sie auch Kontakt zu Freunden aus Schul- und Unizeiten. Mit ihrer Freundin Katharina aus Mariupol war sie schon als Schülerin im Ferienlager am Meer. „Wir haben Pfirsiche gegessen bis uns schlecht war“, erzählt Afina Albrecht und lächelt kurz. Gerade organisiert Katharina Essen, warme Kleidung und Notunterkünfte. Genauso wie Afina Albrecht, die sich in Stuttgart im Verein Help Ukraine 2022 engagiert.

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Dem Krieg ein Gesicht geben

Zwischen all den Sorgen und der Hilflosigkeit überkommen Afina Albrecht Momente von Stolz und Hoffnung. Frauen, die sich russischen Separatisten in den Weg stellen. Menschen, die in ihren Städten bleiben, die ukrainische Nationalhymne singen und sich der russischen Invasion nicht unterwerfen. Crowdfunding-Aktionen, die Geld für die Ausstattung des ukrainischen Militärs beschaffen. „Solange es solche Menschen gibt, glaube ich daran, dass es mein Land auch nach diesem Krieg geben wird.“ Auch das Engagement von Stuttgartern ermutigt sie. Demonstrationen sieht sie als ein wichtiges Zeichen: „Unter jedem Panzerbeschuss leiden Menschen. Ihnen müssen wir ein Gesicht geben und ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind.“

Ohne Hoffnung könnte wohl niemand diese Tage überstehen. Doch dass der Krieg mit jedem weiteren Tag neue Dimensionen annehmen wird, weiß auch Afina Albrecht. „Ich frage mich, wie lange die ukrainische Bevölkerung den Widerstand durchhalten wird. Wie viele Panzer schickt Putin noch?“ Mit dieser Unsicherheit und der Hoffnung auf eine neue Nachricht ihrer Mutter muss sie diese Zeit überstehen.

So kann man den Verein unterstützen

Verein Help Ukraine
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