Krieg in der Ukraine Oleksii Kniazkov tanzt im Stuttgarter Theaterhaus in diplomatischer Mission

Der Tänzer Oleksii Kniazkov hat in Den Haag eine neue künstlerische Heimat gefunden. Foto: Oleksii Kniazkov/privat

Nicht an der Front, sondern auf der Ballettbühne sieht der ukrainische Tänzer Oleksii Kniazkov seinen Platz. Er ist Gast bei der „Reunion Gala“ im Stuttgarter Theaterhaus.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Am 25. Februar 2022 sollte Oleksii Kniazkov im Opernhaus von Charkiw in „Romeo und Julia“ tanzen. „Doch der 24. Februar teilte mein Leben in ein Davor und ein Danach. Es wird nie wieder so sein, wie es war“, notierte der Tänzer in einer Mail-Nachricht. Im Davor war er ein Ballettstar in der zweitgrößten Stadt der Ukraine. Das Danach bestimmt der Angriffskrieg Russlands auf seine Heimat, an Auftritte in Charkiw ist nicht zu denken.

 

„Vom Fenster meines Hauses aus konnte ich sehen, wie die Stadt bombardiert wurde. Zwei Wochen nach dem Einmarsch der russischen Truppen habe ich die Ukraine verlassen.“ Am Telefon blickt der geflüchtete Tänzer zurück in eine finstere Zeit, seine Gegenwart ist zum Glück sehr viel heller. Knapp zwei Jahre lang war er Mitglied der in Den Haag ansässigen United Ukrainian Ballet Company (UUBC). Im März musste das Exil-Ensemble, das bis zu 70 Mitglieder hatte, wegen Finanzierungsproblemen seine Arbeit einstellen. Seither ist Oleksii Kniazkov freischaffend tätig.

Ein Zeichen gegen den Krieg

Die Ziele der aufgelösten UUBC bleiben für ihn aktuell. Dazu gehört, die ukrainische Kultur lebendig zu halten. Deshalb freut sich Oleksii Kniazkov darauf, mit anderen ukrainischen Tänzern zu Gast bei der „Reunion Gala“ im Theaterhaus zu sein. Mit ihr will der Veranstalter Jongky Goei vor allem Ehemaligen des Stuttgarter Balletts in der alten Heimat eine Bühne geben. Aber die Gala soll auch ein Zeichen gegen den Krieg in der Ukraine setzen.

Oleksii Kniazkov mit Partnerin Foto: UUBC/OK

Von Australien bis in die USA sei er mit der UUBC gereist. „Ich war noch nie in Stuttgart und freue mich sehr darauf, ein kleines Stück ukrainischer Kultur hier auf die Bühne zu bringen“, sagt Oleksii Kniazkov. In einem Solo stellt er mit dem Hopak einen ukrainischen Volkstanz mit vielen Drehungen und Sprüngen vor. Auch in der Erstaufführung eines Auszugs aus Marijn Rademakers „Pertuition“ ist er zu sehen. Der Platz eines Tänzers sei auf der Bühne und nicht an der Front; das unterstreicht Oleksii Kniazkov, indem er auf die kurzen Karrieren in seiner Kunst verweist. „Ein Tänzer, der längere Zeit nicht tanzt, ist raus aus dem Beruf“, sagt er.

Er sucht die emotionale Nähe zum Publikum

Die Freistellung der UUBC-Tänzer vom Militärdienst durch den ukrainischen Kulturminister bestätigt den jungen Mann in der Aufgabe, den Krieg und seine Gräuel über die Kunst im Bewusstsein zu halten. „Wir haben eine diplomatische Mission“, sagt der Ukrainer. „Wenn wir auf den großen Bühnen der Welt tanzen, sind wir emotional nah dran am Publikum und schaffen eine engere Beziehung zum Krieg in der Ukraine, als es Fernseh- oder Zeitungsberichte leisten.“

Ob Kunst dem Krieg die Stirn bieten kann? Oleksii Kniazkov und seine Familie kommen aus der Gegend von Donezk, dort schwelt der Konflikt seit zehn Jahren. „Ich kenne den Krieg von Beginn an“, sagt der Tänzer. Seine Eltern, die in die Zentralukraine geflohen waren, sind inzwischen zurückgekehrt. „Für ältere Leute ist es schwieriger, auf der Flucht zu sein. Sie brauchen ein Zuhause. Ich bin jung und gewohnt, unterwegs zu sein“, sagt der Tänzer, für den die Kunst nicht nur Mission, sondern auch zweite Heimat wurde.

Info

Termin
Die „Ballet Reunion Gala“ findet am 25. April um 19 Uhr im Theaterhaus statt und bringt Alumnis des Stuttgarter Balletts wie Rachele Buriassi und Hyo-Jung Kang zurück. Die Veranstaltung ist ausverkauft.

Künstler
Oleksii Kniazkov wurde an den staatlichen Ballettschule in Donezk und Charkiw ausgebildet. Von 2013 bis 2022 tanzte er am nationalen Akademischen Theater für Oper und Ballett in Charkiw. Als Erster Solist hat er Hauptrollen in Klassikern wie „Giselle“ , „Schwanensee“ und „La Bayadère“ interpretiert. Nach der Invasion Russlands wurde er Mitglied der United Ukrainian Ballet Company in Den Haag. Seit ihrer Auflösung im März 2024 arbeitet er als freier Tänzer.

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