Krieg in Nahost „Ich will einfach nach Hause“ – 22-Jährige aus Remseck steckt in Dubai fest

Sophie Räuchle in Dubai. Foto: Sophie Räuchle

Sophie Räuchle ist eine von Zehntausenden deutschen Urlauber:innen, die wegen der Eskalation im Nahen Osten gestrandet sind. Sie erzählt von Luftschutzalarm, Chaos und Unsicherheit.

Digital Desk: Annika Mayer (may)

Sophie Räuchle liegt entspannt am Pool ihres Hotels in Dubai, als sie es zum ersten Mal am Himmel knallen hört. Drei laute Detonationen nimmt sie am Samstag, den 28. Februar wahr, erinnert sie sich. Als sie und ihre Familie mit dem Handy recherchieren wird ihr klar: Der Iran greift die Vereinigten Arabischen Emirate an. „Wir hatten alle total Panik und wussten gar nicht, wie man sich jetzt verhält“, schildert die 22-Jährige aus Remseck am Neckar (Kreis Ludwigsburg) am Telefon.

 

Die Geräusche, die Sophie Räuchle am Himmel hört, sind die Antwort des Irans auf die Angriffe von Israel und den USA. Seit dem Wochenende eskaliert die Lage im Nahen Osten. Und Sophie Räuchle ist eine von Zehntausenden Urlauber:innen, die im Moment aufgrund des militärischen Konflikts feststecken. Was ein schöner Familienurlaub in der Sonne werden sollte, endet für sie in Ungewissheit und Sorge.

Rund 30.000 deutsche Tourist:innen betroffen

Das Auswärtige Amt verschärfte am Samstagnachmittag seine Reise- und Sicherheitshinweise für die gesamte Region, auch für die Vereinigten Arabischen Emirate. Viele Länder schlossen aufgrund der militärischen Eskalation ihre Lufträume, zahlreiche Flüge wurden gestrichen. Laut dem Deutschen Reiseverband sind etwa 30.000 deutsche Tourist:innen direkt oder indirekt betroffen: Weil sie in der Golfregion selbst festsitzen oder auf die wichtigen Drehkreuze Dubai und Doha angewiesen sind, die aktuell beeinträchtigt sind. Auch mehrere Kreuzfahrtschiffe stecken aktuell in der Golfregion fest.

Vergangene Woche Mittwoch flogen Sophie Räuchle und ihre Eltern nach Dubai. Ihr Rückflug für diesen Mittwoch wurde gestrichen. „Wir sind eigentlich keine Familie, die wegfliegt. Aber dadurch, dass meine Mutter am Sonntag 60 geworden ist, wollten wir mal in die Sonne“, erzählt die 22-Jährige. „Und jetzt haben wir den Salat.“

Sophie Räuchle und ihre Eltern am Strand. Foto: Sophie Räuchle

Die ersten Urlaubstage sind unbeschwert: Die Familie besucht die Dubai Mall, geht an den Strand, schaut sich die Stadt an. Mittlerweile verbringen Räuchle und ihre Eltern die meiste Zeit im Hotel. Eine geplante Safari haben sie wieder storniert. „Seit dem Wochenende kann man es nicht mehr wirklich genießen“, sagt sie. Sie telefonieren auch viel mit Verwandten, die sich um sie sorgen.

Luftschutzalarm in der Nacht

Dass der Konflikt im Nahen Ost eskaliert ist, erfährt Räuchle am 28. Februar, als sie gerade auf dem Markt ist. „Mein Vater hat gesagt, es gibt jetzt im Ausland Stress“, schildert sie. Auch in einem Goldladen, den sie besucht, hört sie davon. „Wir haben etwas angeschaut und jemand hat gesagt, jetzt werden die Goldpreise steigen wegen des Konflikts.“ Die 22-Jährige denkt sich zunächst nicht viel dabei – bis sie es am Himmel knallen hört, als sie am Pool liegt.

In der Nacht auf den 1. März gibt es dann einen Luftschutzalarm. „Wir haben geschlafen und auf einmal hat es geknallt. Unsere Handys haben alle Alarm geschlagen“, schildert Räuchle. Ein Schock für sie. Sie und ihre Familie gehen in die Lobby, die voller Menschen ist. „Das war richtig schlimm, viele haben auch geweint“, sagt die 22-Jährige. Auch sie selbst hatte Angst. „Wir waren überfordert. Niemand von uns kennt so eine Situation. Man denkt, man hat nichts damit zu tun und auf einmal war man dann doch mittendrin.“

Auch in den Tagen danach bekommt sie immer wieder Beschuss mit. Sie fühle sich aber sicher, sagt Sophie Räuchle. In einem Land fest zu sitzen und zu wissen, dass man nicht so einfach wieder nach Hause kommen kann, sei jedoch beängstigend. „Eigentlich könnte ich die ganze Zeit weinen, aber im Endeffekt bringt es nichts“, erzählt die junge Frau aus Remseck. Wer die Hotelkosten für ihren längeren Aufenthalt trägt, sei auch noch unklar. Die Regierung in den Vereinigten Arabischen Emiraten mache sie für die aktuelle Situation nicht verantwortlich.

Mittlerweile läuft der Flugverkehr langsam wieder an. Am Dienstag starteten in Dubai zwei Sonderflüge nach Deutschland für Passagier:innen, die im Nahen Osten gestrandet waren. Außerdem will die Bundesregierung Evakuierungsflüge organisieren, um deutsche Urlauber:innen nach Hause zu bringen. Der erste Flug soll offenbar im Oman starten und am frühen Donnerstagmorgen in Frankfurt landen. Im Fokus seien besonders verwundbare Gruppen, wie Schwangere, Kranke oder Kinder, so Außenminister Johann Wadephul.

22-Jährige fühlt sich im Stich gelassen

Sophie Räuchle hat für Freitag nun für sich und ihre Familie auf eigene Kosten einen Flug nach Zürich gebucht. Sie ist von der Fluggesellschaft, über die sie ihren eigentlichen Rückflug gebucht hatte, enttäuscht. Die Kommunikation sei sehr chaotisch. Darüber, dass ihr Rückflug gestrichen wurde, sei sie nicht informiert worden, nur auf der Internetseite habe sie es gesehen. Außerdem sei ihrer Familie nichts angeboten worden, was sie tun sollen. „Und man wird auch immer hin- und hergeschoben: Es heißt meldet euch beim Reiseveranstalter, der verweist einen dann wieder woanders hin. Es gibt keine klaren Ansagen.“

Und auch von der Bundesregierung fühlt sich Räuchle im Stich gelassen. Die Familie hat sich in die Krisenvorsorgeliste eingetragen. Einmal am Tag bekomme man eine Mail vom Auswärtigen Amt, der Inhalt sei immer der Gleiche. Die Behörde empfehle, in den Oman oder nach Saudi-Arabien zu reisen, sagt Sophie Räuchle – das seien sechs beziehungsweise zehn Stunden Fahrtweg. „Würden uns Busse oder irgendetwas zur Verfügung gestellt werden, wäre das okay“, erläutert sie. Die Reise müsste man allerdings mit einem Taxi zurücklegen und dabei mehrfach umsteigen – zu umständlich in einem fremden Land.

Wenn sie am Freitag tatsächlich nach Hause fliegen könnte, wäre das für Räuchle eine große Erleichterung. „Ich glaube, dann weine ich vor Freude“, sagt sie. Sie könne es aber erst glauben, wenn sie am Flughafen eingecheckt habe und es heißt, dass der Flieger auch tatsächlich startet. Auch jetzt bekomme sie mit, dass Flüge kurzfristig storniert werden. „Es ist hier eigentlich sicher, aber ich will einfach nach Hause.“

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