Krieg in Nahost Spediteure warnen vor Produktionsausfällen in der Region

Auch Dubais wichtiger Hafen Jebel Ali wurde Ziel einer iranischen Attacke. Der Krieg am Persischen Golf wirkt sich auch auf die Unternehmen in der Region Stuttgart aus. Foto: AFP, dpa

Der Krieg im Nahen Osten treibt die Frachtkosten nach oben. Der Verband der Spediteure im Südwesten ist alarmiert: „Wir könnten massive Störungen bekommen.“

Geld/Arbeit: Daniel Gräfe (dag)

Für Andrea Marongiu und viele Speditionen in Stuttgart und im Land geht es jetzt vor allem um Zeit: „Die Hoffnung ist, dass der Krieg im Nahen Osten nicht mehrere Wochen oder Monate dauert. Sonst werden wir Probleme haben, die Waren aus Asien hierherzubekommen.“

 

Mehr als 400 Speditionen mit über 60.000 Beschäftigten vertritt Marongiu als Hauptgeschäftsführer des Verbands Spedition und Logistik Baden-Württemberg (VSL), der seinen Sitz in Stuttgart hat. Viele der Speditionen nutzen den Persischen Golf und die angrenzenden Länder als Handelsplatz und vor allem als Drehkreuz für den weltweiten Warenverkehr, vor allem nach China und in andere Länder Asiens. Die Bedeutung ist deshalb für die Lieferketten und Versorgungssicherheit der Südwest-Industrie enorm.

Doch die Angriffe der USA und Israels auf den Iran und die Luftschläge des Irans auch auf Teile der Airports und Häfen der Golfstaaten haben den Warentransport fast zum Erliegen gebracht. Große Reedereien setzten die Buchungen für den Transport in den Nahen Osten bis auf weiteres aus und wiesen die Schiffe in der Golfregion an, sichere Gewässer aufzusuchen. Die Fracht muss, wenn überhaupt möglich, in anderen Häfen entladen werden. Das wiederum beeinflusst andere Handelsrouten.

Andrea Marongiu warnt: „Es wird Streit zwischen Speditionen und Kunden geben, wer das bezahlt.“ Foto: VSL

Die Reedereien erhöhen ihre Sicherheitsaufschläge bereits massiv. Rund 4000 Dollar pro Container fordern sie zusätzlich für jenen Teil der Fracht, der derzeit die Häfen der Golfregion erreichen soll, betont Marongiu: „Es wird Streit zwischen Speditionen und Kunden geben, wer das bezahlt.“ Speditionen würden kurzfristig versuchen, die Waren auf anderen Strecken zu verschicken.

Da die Flughäfen ihren Betrieb stark eingeschränkt haben, ist auch der Frachtverkehr über die Luft massiv eingebrochen. Auch hier dürften infolge der Engpässe die Frachtkosten in Kürze steigen, wie Riccardo Bauch betont.

Auf die Kunden kommen höhere Kosten zu

Bauch leitet in Filderstadt für die japanische Logistikgröße Nippon Express eine wichtige deutsche Niederlassung für die Luft- und Seefracht zwischen Asien und Deutschland. Die Kunden kommen vor allem aus der Automobil- und Pharmaindustrie, aber auch aus anderen Branchen. Sie liefern Waren direkt in den Nahen Osten oder nutzen die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar und Dubai als Drehscheibe für den Transport. „Die Kunden müssen nicht nur mit höheren Kosten, sondern auch mit Verzögerungen rechnen – wie langwierig sie sein werden, ist noch offen“, sagt Bauch.

Für die Industrie in der Region Stuttgart aber könnten Lieferverzögerungen dazu führen, dass es zu Einschränkungen in der Produktion oder gar zu Produktionsstopps kommt. Zwar hätten viele Unternehmen nach den Lieferschwierigkeiten infolge der Corona-Pandemie oder der Havarie der „Ever Given“ im Suezkanal ihre Lager aufgestockt: „Geht es vier Wochen so weiter, wird es zu Produktionsstopps kommen“, ist sich Marongiu vom Verband der Spediteure sicher.

Derzeit beobachten die Spediteure und Industrieunternehmen der Region die Lage genau – jeder Tag könnte eine Veränderung bringen. Entscheidend wird sein, wann das zentrale Luftkreuz am Persischen Golf wieder voll funktioniert und wann die Straße von Hormus wieder befahren werden kann. „Diese Kapazitäten können sie nicht ersetzen, das schaffen die anderen Drehkreuze nicht“, betont Marongiu. „Wenn die Logistik-Ketten in den nächsten zehn Tagen funktionieren, kommen wir mit einem blauen Auge davon. Ginge es vier Wochen, würden wir es massiv spüren.“

Fest steht, dass die Kosten für die Speditionen und auch für deren Kunden steigen. Da die Frachtkosten nur einen kleinen Bruchteil der Waren ausmachen, sind die möglichen Preiserhöhungen für die Verbraucher meist gering. Allerdings werden auch sie künftig auf manche Waren länger warten, dauert der Krieg im Nahen Osten an.

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