Putins Angriff auf die Ukraine Wie der Krieg das Denken prägt

Als der Protest gegen Aufrüstung für Hunderttausende opportun erschien: Demonstration gegen den Nato-Doppelbeschluss am 10. Oktober 1981 im Bonner Hofgarten. Foto: imago/Klaus Rose/Klaus Rose

Vieles, was vergangen schien, geistert seit Putins Angriff wieder durch unser Denken: Atomkrieg, Aufrüstung, Heldenkult, ein Weltbild, das nach Freunden und Feinden sortiert ist. Sind die Lehren der Geschichte vergessen?

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Von einer „Zeitenwende“ spricht der deutsche Kanzler. Mit Putins Angriff hat sich die Welt verändert – und das nicht nur dort, wo Raketen einschlagen und militärische Gewalt herrscht. Das Kanzlerwort markiert und rechtfertigt ja auch eine Zeitenwende für die eigene Politik. Vieles wird nicht so bleiben, wie es war. Wir erleben einen Bruch der politischen Ordnung in Europa und auch einen Bruch im politischen Denken. Ein Atomkrieg wird plötzlich wieder zur realen Gefahr, Aufrüstung zur dringenden Notwendigkeit. Das Ende der Kernenergie ist selbst für manche Grüne nicht mehr unumstößlich, die Wehrpflicht könnte wiedereingeführt werden. Wir sortieren die Welt in Freund und Feind wie zu Zeiten des Kalten Krieges. „Helden“ verdrängen die Popstars aus den Hitlisten der Klicks. Ja, vieles hat sich seit Putins Angriff verändert.

 

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Es ist, als kehrten die Gespenster der Vergangenheit zurück. Was uns zuletzt und lange Zeit zuvor undenkbar erschien, geistert wieder durch unser Denken. Die von Olaf Scholz verkündete Zeitenwende geht auch mit einer Art mentalem Déjà-vu einher, einer Wiederkehr überwunden geglaubter Diskurse und Denkmuster. Zombies erwachen in unseren Köpfen.

Wiederholt sich die Geschichte?

Die Erkenntnis, dass sich manches in der Geschichte wiederhole, verdanken wir dem Stuttgarter Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel – auch wenn sie meistens seinem rebellischen Schüler Karl Marx angedichtet wird. Der hat lediglich hinzugefügt, solche historischen Wiederholungen ereigneten sich „das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce“. Im aktuellen Fall spiegeln sich die tragischen Aspekte in den Nachrichten von den Kriegsschauplätzen der Ukraine. Wo das Déjà-vu im Denken sich als Farce erweisen könnte, lässt sich bis jetzt allenfalls erahnen.

Doch nun der Reihe nach: Die existenzielle Bedrohung der ganzen Welt durch den Einsatz von Nuklearwaffen hielten alle, die sie noch selbst akut erlebt hatten, für eine Archivalie aus dem Horrorkabinett des Kalten Krieges. Putin hat diesen Schrecken wiederbelebt – um alle Menschen, die ihm misstrauen, zu verängstigen. Ein bloßer Nebensatz, wonach er die russischen Atomstreitkräfte „in ein besonderes Regime der Alarmbereitschaft“ versetzen wolle, ruft schlagartig ins Bewusstsein zurück, dass der Herrscher im Kreml über 6255 Atomsprengköpfe gebietet, von denen jeder einzelne apokalyptische Verheerungen anrichten könnte.

Muss Europa Atommacht werden?

Ein „Gleichgewicht des Schreckens“ hatte diese Gefahr über Jahrzehnte gebannt – und aus unserer Wahrnehmung verbannt. Nun ist jedem klar, dass die atomare Gefahr nie verschwunden war. Im Wahlkampf des vergangenen Jahres hatten die Grünen noch von einem „Deutschland frei von Atomwaffen“ geträumt. Jetzt wird der Traum für manche zum Albtraum, weil Atomwaffen eben auch Abschreckung und damit vielleicht Sicherheit versprechen. Kluge Menschen wie der Politikwissenschaftler Herfried Münkler erklären uns, warum Europa Atomwaffen brauche – und zwar mehr als die paar Raketen der Force de frappe („Schlagkraft“), über die Frankreich verfügt.

Für ein atomares Desaster bedarf es noch nicht einmal des berüchtigten „roten Knopfes“ in Putins Reichweite zur Betätigung des nuklearen Waffenareals, wie Bilder von lodernden Flammen auf dem Areal des ukrainischen Kernkraftwerks Saporischschja deutlich machen. Vielleicht hatte dieser Angriff mit atomarem Zerstörungspotenzial auch nur den Zweck, die zivilen Atomängste neu zu beleben.

„Atomkraft? Noch ein bisschen“ statt „Atomkraft? Nein, danke“?

In Deutschland denken inzwischen selbst führende Grüne wie Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann darüber nach, ob das finale „Atomkraft? Nein, danke!“ nicht ein „Atomkraft? Noch ein bisschen“ werden müsste, um sich vom russischen Gas zu emanzipieren. Prompt finden sich einflussreiche Befürworter eines Ausstiegs von dem schon einmal vertagten Atomausstieg. Da werden womöglich alte Schlachten noch einmal zu schlagen sein. Jedenfalls meldet sich eine Kontroverse zurück, die schon in Vergessenheit geraten war.

In einer heiß umstrittenen Debatte sortieren sich plötzlich die Frontlinien neu: Die Rede ist von der zweiten Wiederbewaffnung (für alle, die der Gnade einer späten Geburt teilhaftig wurden: die erste begann, als die Ruinen des Zweiten Weltkriegs noch längst nicht alle aus den Städten verschwunden waren). Nun verkündet ausgerechnet der sozialdemokratische Kanzler Scholz eine gigantische Rüstungsoffensive, dessen Genossen seit ihrer Emanzipation von Helmut Schmidt eher der Abrüstung zuneigten – unterstützt von den Grünen, der Partei des gefühlten Pazifismus.

Raketenabwehr für Berlin?

Statt in die weitere Auspolsterung unseres Sozialstaats sollen 100 Milliarden Euro Steuergeld in Ersatz für museumsreife Tornados, flugfähige Hubschrauber, gefechtstaugliche Panzer, vielleicht gar in einen „Iron Dome für Berlin“ fließen, wie ein Vorschlag aus der CSU lautet in Anspielung auf das legendäre Abwehrsystem („Eiserne Kuppel“), mit dem sich der israelische Staat Raketengriffe der Palästinenser vom Leib hält. Dabei hat das Kaputtsparen der Bundeswehr ja unter einem Verteidigungsminister jener Couleur begonnen: Es war der inzwischen entdokterte Freiherr Karl-Theodor zu Guttenberg, der unseren Streitkräften eine Schrumpfkur verordnet hat.

Jedenfalls ist der Fantasie von Sicherheitsaposteln keine Grenzen gesetzt, die sich ein waffentechnisches Upgrade erster Klasse für die Bundeswehr wünschen. Immerhin fühlt sich diese Regierung nun bemüßigt, das jahrelang ignorierte Nato-Ziel endlich einzuhalten, wonach zwei Prozent der Wirtschaftskraft in die Sicherheit investiert werden sollen. Die Stimmung hat sich komplett gedreht. Auch 82 Prozent der SPD-Anhänger und 68 Prozent der Grünen-Klientel, so eine Umfrage, halten eine Turboaufrüstung für nötig. Die beschränkte Einsatzfähigkeit der Bundeswehr war aber nie nur eine Frage des Geldes, sondern auch eine Folge von Missmanagement. Von europarechtskonformen, dafür aber jahrelang verzögerten Ausschreibungsmarathons wird sich Putin kaum beeindrucken lassen.

Kehrt das alte Freund-Feind-Denken zurück?

Neben dem bis vor Kurzem noch unvorstellbaren Schuldenfonds für Waffenkäufe im großen Stil findet auch der Dienst am Vaterland wieder Fürsprecher – inspiriert, vielleicht, von den Zehntausenden Ukrainern, die sich freiwillig zur Landesverteidigung melden. Wir diskutieren hingegen über eine Neuauflage der Wehrpflicht, die vor gut zehn Jahren entbehrlich, wenn nicht gar hinderlich für eine professionell operierende Armee schien. Aus Gründen der Wehr- und auch der Geschlechtergerechtigkeit würde sich ein bloßes Comeback der Rekruten verbieten, zeitgemäßer wäre eine allgemeine Dienstpflicht. Dieses Schlagwort verrät einen neuen Blick auf den Staat. Vordem hielten ihn viele für einen Selbstbedienungsladen zur Erleichterung des individuellen Fortkommens. Inzwischen gilt er wohl eher wieder als Sicherheitsgarant. Martialisch eingetrübt ist auch der Blick auf die Akteure. Sie werden in Schurken und Helden sortiert. Das lässt auf ein Wiederaufleben alten Freund-Feind-Denkens schließen, das fortan wohl als Schablone für unser Weltbild dienen wird – wie ehedem in Zeiten der bipolaren Ordnung, die vor einer Generation zerfallen war.

Bisweilen artet dieses Freund-Feind-Denken in Bekenntnis- und Distanzierungszwänge aus oder in regelrechte Russophobie. Wer Russen für verdächtig hält, nur weil sie Russen sind, benimmt sich wie ein Rassist. Dazu passt der Trend, Putin zu dämonisieren, was weder klug noch realistisch oder gar hilfreich ist. Wolfgang Ischinger, graue Eminenz unter den deutschen Diplomaten, rät: „Wir müssen in unserer Sprache maßvoll bleiben, auch wenn die Wut groß ist.“

Sind Helden wieder gefragt?

Diesseits der Frontlinie zwischen Gut und Böse macht sich eine Begeisterung für neue Helden breit: für den tapferen ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und die ehedem boxenden, jetzt kämpfenden Klitschko-Brüder sowie für mutige Zivilisten, die sich unbewaffnet Panzern entgegenstellen. Dabei war der Archetypus des Helden mit dem Ableben von John Wayne ausgemustert – angesichts weichgespülter Männerbilder völlig aus der Mode. Nun sind diese neuen Helden nicht alles muskelbepackte Hünen wie die Klitschkos. Der Heldenhafteste von allen, Selenskyj, klein von Wuchs, in seinem früheren Beruf Komödiant, erscheint zugleich als Held und Antiheld: wie ein moderner David, der sich noch die Steinschleuder vom Westen erbitten muss, für den Kampf mit einem waffenstarrenden Goliath. Gleichwohl verweist das Schwärmen von den neuen Helden auf ein archaisches Rollenmodell: den Heroismus, der kriegerischen „Tugenden“, Kampfgeist und Opfermut huldigt, was friedfertigem Denken fremd ist.

Der Rückfall in Denkschablonen der Vergangenheit ist ein fragwürdiges Verhalten – was wenig Nutzen in gegenwärtigen Konflikten verspricht. Warum uns bis vor Kurzem noch manches undenkbar erschien, was nun wieder unser Denken beherrscht, hat mit der begrenzten Nachhaltigkeit einschlägiger Desillusionierungen zu tun. Das gilt für die neue Faszination der Atomenergie, obwohl Alternativen zu Gaspipelines aus Putins Reich natürlich wünschenswert wären. Es gilt auch für den zumindest zweifelhaften Nutzen einer immensen Aufrüstung und für das Vertrauen auf ein Weltbild, das stur nach Blöcken geordnet ist. Ja, der Krieg im Osten Europas zwingt uns in vielerlei Hinsicht zum Umdenken. Der Historiker Reinhart Koselleck empfiehlt für solche Fälle, die Geschichte zu betrachten als „eine Schule, ohne Schaden klug zu werden“. Diese Schule zu schwänzen kann sich als fatal erweisen.

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