Während der monatelangen Behandlungszeit von Oleksi Slipenko steht ihm seine Frau Afonkina Oleksandra Slipenko zur Seite. Foto: Christine Traber/Marienhospital Stuttgart
Im Stuttgarter Marienhospital werden schwer verletzte ukrainische Soldaten behandelt. Zu ihnen gehört Oleksi Slipenko, der nur knapp einen Drohnenangriff überlebt hat.
Über den Tag, als Oleksi Slipenko den russischen Drohnenangriff an der Front überlebt hat, verliert der 42-jährige Ukrainer nicht viele Worte. „Wir waren mit 20 Mann auf Patrouille“, erzählt er. Dann kamen die Drohnen. Sie waren überall. Und plötzlich explodierte neben ihnen eine Granate. Nur er und ein Kamerad konnten vom Schlachtfeld gerettet werden. „Der Rest war sofort tot“, sagt er. Im Krankenhaus in Kiew habe man ihn als Erstes versorgt. Dann sei er nach Deutschland gekommen. „Und jetzt bin ich hier.“
Oleksi Slipenko sitzt auf der Bettkante in einem Einzelzimmer im Marienhospital Stuttgart, einem der wenigen Krankenhäuser im Südwesten, die als ausgewählte Zentren ukrainische Soldaten mit schweren Kriegsverletzungen versorgen. Er ist ein großer, breitschultriger Mann mit dunklem Haar und dunklen Augen, die einen ruhig anschauen, während er über den Krieg in seiner Heimat spricht. Nur seine Hände, die nicht aufhören sich zu kneten, zeigen, wie sehr ihn die Erinnerung an das Erlebte bewegt.
Kriegsverletzte häufig mit multiresistenten Keimen infiziert
Explodiert eine Granate, reißt Sprengwirkung entweder Gliedmaßen ab oder schädigt im Weichgewebe Gefäße und Nerven. Im Fall von Oleksi Slipenko wurden die unteren Gliedmaßen von Granatsplittern durchlöchert: Ein Splitter hat den rechten Unterschenkelknochen des 42-Jährigen durchschlagen und einen Krater in das Gewebe gerissen. Das linke Bein erlitt mehrere komplizierte Brüche.
Der Ärztliche Direktor Ulrich Liener sagt: „Wir sind auf einem guten Weg, dass keine Amputation mehr nötig sein wird.“ Foto: Christine Traber/Marienhospital Stuttgart
Aufgrund der schnellen routinierten Hilfe der ukrainischen Ärzte vor Ort konnte das Leben des Familienvaters gerettet werden. Doch Slipenko hatte sich auf dem Schlachtfeld mit einem multiresistenten Keim infiziert, gegen den fast alle verfügbaren Antibiotika nicht wirken. Medizinisch gesehen ist dies eigentlich ein Grund für eine Amputation. Seine letzte Hoffnung, das Bein zu erhalten, bestand auf eine Behandlung in Westeuropa: So wurde Slipenko per Krankentransport nach Deutschland gebracht, wo er seit Januar im Marienhospital Stuttgart versorgt wird.
Deutsche Kliniken behandeln schwere Kriegsverletzungen
Seit März 2022 werden angesichts des völkerrechtswidrigen russischen Angriffskriegs schwerverletzte und schwerkranke Ukrainerinnen und Ukrainer evakuiert und in Deutschland sowie anderen EU-Staaten medizinisch behandelt – als „wesentlicher Baustein der humanitären Unterstützung Deutschlands“ wie es die Bundesregierung selbst bezeichnet. Inzwischen wurden rund 1800 Patienten aus der Ukraine nach Deutschland gebracht.
Diese Idee wurde nun unter Federführung des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) wiederbelebt: Nur, dass die Patienten nicht aus überfüllten deutschen Intensivstationen kommen, sondern von der Front in der Ukraine. „Die teilnehmenden Krankenhäuser bekommen per Excel-Liste Bescheid, für wie viele Patienten die Ukraine um Hilfe bittet und um welche Verletzungen es sich dabei handelt“, sagt Liener. Je nach Verfügbarkeit der Fachdisziplinen, die für die Versorgung notwendig werden, können die Kliniken sich dann für eine Überweisung melden.
Ulrich Liener ist vor allem ein Spezialist für komplizierte Brüche: Auf seinem Tisch liegen Kopien der Röntgenbilder von Oleksi Slipenko. In dem Bild, das bei seiner Einweisung gemacht worden ist, klafft dort, wo der Granatsplitter den Unterschenkelknochen durchbrochen hat, eine fünf Zentimeter große Lücke. Eine andere Aufnahme, die ein paar Wochen jünger ist, zeigt wieder das verletzte Bein: Eine gräuliche Substanz hat nun die Lücke in dem Knochen ausgefüllt. „Wir sind auf einem guten Weg, dass keine Amputation mehr nötig sein wird“, sagt Liener.
Kriegsverletzte liegen oft tagelang auf dem Schlachtfeld
Sechsmal hat Liener das Bein des ukrainischen Soldaten operiert. In mehreren Schritten wurde die Lücke, die der Granatsplitter gerissen hat, gesäubert und mit Knochenzement gefüllt, der zuvor mit einem speziellen Antibiotikum vermischt worden ist. „Es ging darum, die Keimausbreitung in dem Knochen möglichst zu stoppen”, sagt Liener.
Von den Kollegen der plastischen Chirurgie wurde ein Hautlappen aus dem Oberschenkel entnommen, um die Wunde zu bedecken. In filigraner Feinarbeit wurden Muskeln und Gefäße zusammengefügt.
Der Stuttgarter Experte Liener ist im Umgang mit multiresistenten Keimen sehr erfahren: „Das wird gerade bei Kriegsverletzten zu einem immer drängenderen Problem.“ Die Verletzten würden oft tagelang auf dem Schlachtfeld liegen. „Die Wunden verschmutzen und bilden ideale Nährböden für Keime“, sagt Liener. In den Krankenhäusern werde dann versucht, unter den widrigen Umständen die Hygiene auf der Intensivstation so gut wie möglich einzuhalten.
Die Ehefrau ist angereist, die Kinder sind in Kiew
„Eigentlich müsste jede Wunde auf Keime untersucht werden, damit die Ärzte ein passendes Antibiotikum auswählen können“, sagt Liener. Doch in Kriegszeiten gibt es dafür kaum Personal. Also komme es häufig zu einem sehr aggressivem und teils unkontrolliertem Antibiotika-Einsatz. Das fördere Resistenzen – weshalb bei der Versorgung der Kriegsverletzten in deutschen Kliniken besondere Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden.
Sechs Wochen musste Oleksi Slipenko liegend im Bett verbringen. Von seiner Umwelt nahezu völlig isoliert. Wer immer in das Krankenzimmer kommt, muss zuvor Schutzkleidung anlegen - Ärzte, Pfleger und selbst seine Frau, die extra aus seiner Heimatstadt Kiew angereist ist, um dem Schwerverletzten während der vielen Operationen beizustehen.
Klinik versucht mit neuem Verfahren Kriegsverletzungen zu therapieren
Der letzte Eingriff liegt schon einige Tage zurück: Wieder wurde der Knochen freigelegt. Dieses Mal um die provisorische Füllung zu entfernen und in die Lücke eine Mischung aus bioaktivem Glas und knochenbildenden Stammzellen einzufügen. „Solche Implantate lösen sich nach und nach im Körper auf und bilden dabei ein natürliches Knochenmineral“, sagt Liener. So kann der Knochen von selbst zusammenwachsen.
Im Krankenzimmer streckt Oleksi Slipenko sein operiertes Bein von sich. Die Stahlring-Konstruktion, die vom Knöchel bis zum Knie reicht, soll das Bein soweit stabilisieren, dass der 42-Jährige es wieder voll belasten kann – und sogar muss. Denn die Bewegung fördere das Knochenwachstum, sagt Liener. Und ja, er könne stehen, bestätigt Slipenko. Aber richtig gehen – daran sei gerade nicht zu denken. „Ich werde wohl noch eine Weile den da benötigen müssen“, sagt er und weist mit einem Kopfnicken auf den Rollstuhl vor seinem Bett.
Das Heimweh der verletzten Soldaten ist groß
Jeden Tag kommt seine Frau Afonkina Oleksandra Slipenko. Sie spielen Karten, führen viele Gespräche, rufen die Oma in Kiew an, bei denen das Paar ihre beiden Kinder im Teenageralter untergebracht hat. Das Heimweh ist groß, sagt Slipenko. Er sei den Ärzten, Pflegern und dem Krankenhaus hier in Stuttgart sehr dankbar. „Doch ich möchte zurück nach Hause.“ Auch wenn dies alles andere als ein sicherer Ort ist.
Es wird allerdings noch etwas dauern, bis die Nachuntersuchungen soweit abgeschlossen sind, dass Slipenko von den Ärzten in der Ukraine weiter betreut werden kann. Wie es dann für ihn weitergeht, wisse er nicht: Noch vor dem Krieg habe er bei einem Autozulieferer gearbeitet. Jetzt müsse er wohl von vorne anfangen.
Deutsche Ärzte profitieren von den Kriegsverletzungen
In seinem Büro legt Ulrich Liener die Krankenakte von Oleksi Slipenko beiseite. Es sei eine außergewöhnliche Behandlung, sagt er. Der finanzielle Mehraufwand werde von der Regierung gedeckt: „Aber solche Fälle binden auch sehr viel Personal“, sagt Liener. Und doch profitieren nicht nur die Kriegsverletzten von der Behandlung, sondern auch die Ärzte: In Deutschland tätige Operateure haben in aller Regel wenig Erfahrung mit der Versorgung von Kriegswunden. „Das ist etwas völlig anderes als ein Trauma in Folge eines Autounfalls“, so der Ärztliche Direktor.
An Nachschub mangelt es jedenfalls nicht: Alle vier Wochen, so berichtet Liener, werde eine neue Excel-Tabelle mit Verletzten an die Traumazentren durchgegeben. So auch an das Marienhospital: Slipenkos Bett wird also bald wieder belegt sein.