Kriminalität im Kreis Böblingen Warum Jugendgewalt alle etwas angeht

Gewaltsame Auseinandersetzungen unter Jugendlichen nehmen zu. Foto: picture alliance / dpa

Die Kriminalität von Jugendlichen im Kreis hat zugenommen. Unkritischer Medienumgang und falsche Vorbilder sind ein gefährlicher Nährboden, meint unsere Autorin.

Volontäre: Janina Link (jali)

Tagsüber ein geschäftiger Knotenpunkt, abends ein Ort, der gemischte Gefühle auslöst – der Bahnhofsplatz in Böblingen. Immer wieder ist es dort in der Vergangenheit zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen, was in der Bürgerschaft große Verunsicherung auslöst. Doch die Polizei beruhigt: Die Gefahr, dort „einfach so“ angegriffen zu werden, sei gering. Und doch verzeichnet sie am Bahnhof die höchste Zahl an Straftaten im gesamten Stadtgebiet.

 

Besonders beunruhigend: Laut Kriminalitätsstatistik sind immer mehr Täter im Kreis Böblingen Jugendliche – und zunehmend auch Kinder. Die Dynamik unter Jugendlichen scheint sich in eine besorgniserregende Richtung zu bewegen.

Da gibt es zum Beispiel die Herrenberger Jugendgang „083 Familia“, deren jugendlicher Anführer erst im Februar zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren verurteilt wurde. Oder den Böblinger TikTok-Kanal „Mercadenchiller“, dem um die 100 000 Menschen folgen – betrieben von einem 21-Jährigen, der sich dort als waschechter „Talahon“ inszeniert. Das beschreibt in Jugendsprache junge Männer – oft mit Migrationshintergrund –, die sich mit Proll-Attitüde, Fake-Marken und lautem Auftreten Respekt verschaffen wollen. Häufig brüsten sie sich auch mit frauenfeindlichen Weltbildern. Toxische Männlichkeit in ihrer Reinform.

Was es in erster Linie braucht, ist digitale Kompetenz

Wer solche Vorbilder hat, verliert schnell die Orientierung. Hier kommt das Böblinger Jugendhaus Casa nostra ins Spiel. Regelmäßig werden dort Angebote gemacht, die Jugendlichen Respekt, Selbstwert und einen positiven Umgang mit Gefühlen vermitteln sollen – ganz ohne Gewalt. Zum Beispiel Breakdance-Kurse, die seit vielen Jahren gut angenommen werden. Aber die offene Jugendarbeit ist eben nur ein Teil der Lösung. Zumal laut dem Leiter des Böblinger Jugendhauses immer weniger Jugendliche den Weg dorthin finden.

Besonders wichtig ist digitale Kompetenz – bei Jugendlichen, aber eben auch bei ihren Eltern. Viele Kinder und Jugendliche sind in der digitalen Welt komplett auf sich allein gestellt, denn den Eltern fehlen oft die Kenntnisse. Die Folge: Kinder und Jugendliche agieren in sozialen Netzwerken ganz ohne moralische oder pädagogische Orientierung. Dabei sollte genau da angesetzt werden. Denn ein gesellschaftlicher Wandel hin zu mehr Gleichberechtigung und Respekt setzt voraus, dass wir bestehende Vorstellungen von Männlichkeit hinterfragen – vor allem mit Blick auf die Sozialisation junger Männer. Solange diese sich überwiegend an überholten und problematischen Männlichkeitsbildern orientieren, wird sich nichts verändern.

Denn auch das darf nicht unausgesprochen bleiben: Es sind in allen Altersgruppen überwiegend Männer, die straffällig werden. Laut der Statistik des Polizeipräsidiums Ludwigsburg machen sie mit 76 Prozent den Großteil aller Tatverdächtigen aus.

Medienbildung fristet im Schulalltag ein Schattendasein

Ein Schritt in die richtige Richtung ist jedenfalls getan: Im Kreis Böblingen werden seit einiger Zeit digitale Elternabende angeboten, bei denen Aufklärung über Social Media, Cybersicherheit und Online-Verhalten vermittelt wird. Aber natürlich ist auch das Bildungssystem in der Verantwortung. Trotz ihrer Dringlichkeit fristet Medienbildung im Schulalltag noch immer ein Schattendasein – statt im Lehrplan verankert zu sein, wird sie auf AGs am Rand des Stundenplans abgeschoben. Wenn überhaupt.

Und doch: Gewalt ist schlussendlich eine Entscheidung. Denn ja, auch Jugendliche tragen Verantwortung. Zwar können Jugendhäuser, Schulen und Eltern Hilfestellungen geben und gute Verhaltensweisen vorleben – doch ob diese umgesetzt werden, liegt letztlich an den Jugendlichen selbst.

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