Kriminalität steigt Böblinger Bahnhof bleibt Brennpunkt

Fuß-Streifen sollen am Böblinger Bahnhof vermehrt zum Einsatz kommen. Foto: Eibner/Jürgen Binias

Die Zahl der Straftaten in Böblingen ist deutlich gestiegen. Im Fokus: das Bahnhofsviertel mit seiner Sogwirkung auf Jugendliche.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Das Böblinger Bahnhofsviertel bleibt ein Brennpunkt in Sachen Kriminalität. Das geht aus der Kriminalitätsstatistik für die Stadt hervor, die Revierleiter Ludwig Haupt am Mittwoch im Gemeinderat vorgestellt hat.

 

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 3960 Straftaten im Zuständigkeitsbereich des Polizeireviers Böblingen registriert. Das entspricht einem Anstieg um 14,1 Prozent oder 465 Fälle im Vergleich zum Vorjahr – und liegt damit in etwa wieder auf dem Niveau von 2020.

Vier Stadtteile stechen besonders hervor

„334 Fälle von Körperverletzung ereigneten sich in nur vier Stadtteilen: dem Bahnhofsviertel, dem Schulzentrum im Grund, dem Flugfeld und dem Schlossberg“, sagt der Polizist. „Die Nähe zur Innenstadt, die Einkaufsmöglichkeiten in den Mercaden, Alkohol, Jugendliche, Events – das zieht Menschen an“, so Haupt. Gerade bei Diebstählen sei das Viertel „einsame Spitze“, was die Fallzahlen betrifft. „Wir bekommen wahnsinnig viele Anzeigen aus den Mercaden: Es gibt viele Einsätze, bei denen Menschen beim Klauen erwischt werden.“

Dass allerdings die Polizeipräsenz rund um den Bahnhof zuletzt etwas nachgelassen habe, räumt Haupt ein: „Ich habe stark dafür geworben, Streifenwagen sichtbar vor dem Bahnhof abzustellen und die Kollegen sollen dort auch mal zu Fuß Streife gehen. Das ist leider etwas eingeschlafen – wir versuchen, es wieder zu beleben.“

Debatte über Sicherheitsgefühl am Bahnhof

Zum Sicherheitsgefühl am Bahnhof entwickelte sich eine lebhafte Debatte im Ratsrund. Einzelne Stadträte machten keinen Hehl daraus, dass sie am Bahnhof immer häufiger ein Gefühl der Unsicherheit beschleiche.

Doch Ludwig Haupt unterschied zwischen subjektiver Wahrnehmung und objektiven Fakten: „Man muss sich dort keine Sorgen machen oder sich unsicher fühlen.“ Die Delikte spielten sich häufig zwischen Gruppen von Jüngeren ab, die aus den unterschiedlichsten Gründen aneinander geraten.

Auf die Forderung aus dem Gemeinderat, dort als Polizei mehr Präsenz zu zeigen, entgegnete er: „Dann entsteht häufig eine Verlagerung in andere Ecken der Stadt, zum Beispiel das Flugfeld. Damit gerät das Geschehen aber aus dem Blick.“ Stattdessen plädierte er dafür, die richtige Balance zu halten – was der Polizei im Großen und Ganzen gelänge. Haupt: „Wir haben das auf dem Schirm.“

Deutlich mehr Gewalt im öffentlichen Raum

Neben dem Brennpunkt am Bahnhof zeige die polizeiliche Statistik in Böblingen allerdings auch Lichtblicke: Die Polizei hat im vergangenen Jahr so viele Fälle wie noch nie aufgeklärt. Die Aufklärungsquote beträgt 71,7 Prozent – ein Rekordwert für das Revier in den vergangenen zehn Jahren.

Im landesweiten Vergleich steht Böblingen gut da, der Landesdurchschnitt liegt bei 62,6 Prozent. Haupt: „Das ist wahnsinnig hoch und zeigt, dass unsere Arbeit wirkt.“ Dennoch: Mit einer sogenannten Häufigkeitszahl von 7602 Delikten pro 100 000 Einwohner liegt Böblingen weit über dem Landesschnitt von 5180.

Überproportionaler Anstieg von Straftaten

Das ist auch Ausdruck eines überproportionalen Anstiegs – denn während die Bevölkerung um 1,2 Prozent wuchs, stiegen die Straftaten um über 13 Prozent. Besonders auffällig ist der Anstieg bei den Gewaltdelikten: Die Zahl der Körperverletzungen nahm um 126 Fälle zu – ein Plus von 28,4 Prozent. Unter dem Sammelbegriff „Rohheitsdelikte“ – also beispielsweise Bedrohungen, Nötigungen oder gefährliche Körperverletzungen – verzeichnete die Polizei ebenfalls einen Anstieg um rund 25 Prozent auf 846 Fälle. „Die Sprache der Rohheit auf der Straße hat definitiv zugenommen“, so Haupt.

Allerdings, so Haupt, müsse man die Zahlen differenziert betrachten. Die Statistik bilde nur das sogenannte „Hellfeld“ ab, also jene Taten, die angezeigt oder polizeilich erfasst wurden. Anzeigeverhalten, Schwerpunktsetzungen und geänderte Rechtslagen – etwa beim Thema Cannabis – führten zu statistischen Verschiebungen.

Drei Straftaten gegen das Leben wurden im Jahr 2024 registriert – allesamt Versuche. In allen Fällen kannten sich Täter und Opfer persönlich: Zwei Taten spielten sich im familiären beziehungsweise unterkunftsnahen Umfeld ab, eine hatte religiöse Hintergründe.

Erstmals mehr nichtdeutsche Täter

Ein bemerkenswerter statistischer Befund betrifft die Nationalität der Tatverdächtigen: Erstmals liegt der Anteil nichtdeutscher Verdächtiger (1168 Personen) über dem der deutschen (1069). 338 Tatverdächtige waren Asylsuchende. Durch den Zuzug von Asylbewerbern kämen überwiegend junge Männer nach Deutschland – das beeinflusst die Statistik. Haupt ordnet ein: „Mädchen stellen einfach weniger an als Buben. Das kann ich als Vater eines Sohnes und einer Tochter aus eigener Erfahrung berichten. Es ist eben so, ich kann es nicht heben.“

Vereinzelt kommt die berittene Polizei in Böblingen vorbei. Foto: Eibner/Bürke

Durchwachsen zeigt sich das Bild auch an der Verkehrsfront: Die Zahl der Verkehrsunfälle ging leicht zurück – um 47 Fälle. Allerdings verzeichnete die Polizei einen deutlichen Anstieg bei Unfällen infolge mangelnder Verkehrstüchtigkeit – meist durch Alkohol oder Drogen: 50 Fälle, ein Plus von über 50 Prozent. Ablenkung durch digitale Medien sei ebenfalls ein zunehmendes Problem, so Haupt. „Wir beobachten immer wieder, dass Autofahrer abgelenkt sind, weil sie aufs Handy schauen. Das kostet 130 Euro und einen Punkt – und kann Leben kosten.“

Regeln für E-Roller werden oft missachtet

Unfälle mit Radfahrenden stiegen von 32 im Vorjahr auf 39. In zwei Dritteln der Fälle waren die Radfahrer selbst verantwortlich. Haupt äußerte sich enttäuscht über die gesunkene „Helmmoral“: „Beim Skifahren tragen fast alle Helm, beim Radfahren leider deutlich weniger.“

Auch E-Roller-Unfälle nahmen leicht zu: 17 Fälle wurden gezählt, 13 davon mit Personenschaden. Haupt warnte: „Viele gehen erhebliche Risiken ein – fahren zu zweit oder unter Alkoholeinfluss.“ Dies sei tunlichst zu unterlassen, sagt der Revierleiter.

Wichtigste Zahlen im Überblick

Gesamtzahl der Straftaten:
3960 Fälle (plus 14,1 Prozent oder 465 Fälle im Vergleich zum Vorjahr)

Diebstahlsdelikte:
rund 27 Prozent aller Straftaten

Körperverletzungsdelikte:
569 Fälle (plus 28,4 Prozent oder 126 Fälle mehr), davon 334 Fälle in den Bereichen Bahnhof, Schulzentrum Stockbrünnle, Flugfeld, Schlossberg

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