Kriminalität Tatort Autobahn-Rastplatz

Von red/dpa 

Mit Lastwagen werden in Deutschland teure Waren transportiert, das wissen auch Kriminelle. Also schlagen sie häufig nachts zu und räumen die Lkw leer. Es gibt probate Mittel dagegen. Aber die kosten.

Kriminelle schlagen an Rastplätzen immer wieder zu Foto: dpa
Kriminelle schlagen an Rastplätzen immer wieder zu Foto: dpa

Stuttgart - Das Aufschlitzen der Plane ist eine Sache von Sekunden. An Lastwagen, die an deutschen Autobahnen parken, schneiden Kriminelle immer wieder die Planen auf und entscheiden nach einem Blick hinein, ob sie die Waren im Innenraum mitnehmen wollen. Teures Gut verschwindet, etwa Technik oder Tabak. „Das ist ein massives Problem für die deutsche Wirtschaft“, sagt Kathrin Jarosch vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Sie appelliert an die Spediteure, mehr in Sicherheit zu investieren.

Der GDV schätzt die jährlichen Schäden durch den Verlust der Güter für deutsche Versicherer auf 300 Millionen Euro. In einer Studie im Auftrag des EU-Parlaments ist sogar von 1,5 Milliarden Euro volkswirtschaftlichen Schäden in Deutschland die Rede, darin inbegriffen sind zum Beispiel auch Kosten für ausländische Versicherungen sowie die Beschädigungen der Lastwagen. Die Studie ist zwar von 2007, nach Expertenmeinung ist sie aber weiterhin gültig.

Die Täter sind laut LKA Niedersachsen und Brandenburger Polizei oft Diebesbanden aus Osteuropa. Bisweilen arbeiteten die Kriminellen zudem mit „Insidern“ zusammen, also Leuten aus der Spedition oder den Firmen, von denen die Ware kommt, so das LKA. Als Tatorte kommen so gut wie alle hoch frequentierten Autobahn-Rastplätze und Autohöfe in Frage, etwa an der A8 von München nach Stuttgart oder entlang der A2 in Brandenburg und Niedersachsen.

Hohe Dunkelziffer

Bundesweite Fallzahlen samt Schadenssumme gibt es nicht. Bekannt sei nur „die Spitze des Eisbergs“, heißt es in einer Studie der Zürich Versicherung. In der polizeilichen Kriminalstatistik werden Ladungsdiebstähle nicht separat erfasst. Haben Bundesländer doch Zahlen und Schadenssummen, basieren sie auf Fallzahlerhebungen ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Die Dunkelziffer der Schäden bei Ladungsdiebstählen sei wohl sehr hoch, sagt Waldemar Lorenz vom LKA Niedersachsen.

Diese Fallzahlerhebungen haben es in sich. Niedersachsen zum Beispiel kommt auf 747 Fälle im vergangenen Jahr und damit etwa 10 Prozent mehr als 2014, in Bayern gab es einen Anstieg um etwa 5 Prozent auf knapp 300 Fälle. In Brandenburg waren es Polizeiangaben zufolge 534 Fälle, mehr als doppelt so viele wie 2014 (228). Eine Verdopplung gab es auch in Baden-Württemberg - auf etwa 200.

Allerdings: Derlei Statistiken sind nur bedingt aussagekräftig - die geschätzte Schadenssumme sank in Niedersachsen und Baden-Württemberg sogar. Denn häufig schlitzten die Täter nur die Planen auf, ohne dann zuzugreifen - das fließt als Versuch in die Statistik mit ein. In Brandenburg wurden binnen einer Nacht auf einem Parkplatz sogar 30 Lastwagen an den Seiten aufgeschlitzt, ohne dass die Kriminellen fündig wurden - solche Fälle verzerren die Statistik.

Viele Spediteure wollen sich nicht äußern

Doch das Problem ist präsent. Bei der Spedition Kühne + Nagel etwa heißt es, das sei „ein äußerst relevantes Thema“, zum einen wegen der Gefährdung von Lkw-Fahrern, zum anderen wegen Schadenersatzansprüchen. Damit ist das Risiko für Firmen gemeint, dass sie zur Kasse gebeten werden können, wenn sie wegen des Diebstahls nicht zum vereinbarten Zeitpunkt Ware an den Einzelhandel liefern können.

Die schwäbische Spedition Willi Betz meldet Erfolge im Kampf gegen Ladungsklau. Die Firma legt im Voraus fest, an welchen sicheren Parkplätzen die Fahrer Pausen machen. „Durch diese Planung konnten wir die Ladungsdiebstähle auf ein Minimum reduzieren“, sagt eine Sprecherin.

Zahlen zu eigenen Fällen oder zur betriebsinternen Schadenssumme nennt Kühne + Nagel nicht. Andere Speditionen wollen sich überhaupt nicht zum Thema äußern. Auch das ist laut Polizeiermittlern ein Problem: Viele Spediteure reden nicht darüber, wenn es sie erwischt, in Sorge um den guten Ruf. Sichere Frachtfahrten sind wichtig in der Branche. „Cargo-Kriminalität wird von den betroffenen Firmen oft nicht publik gemacht“, teilt die Zürich Versicherung mit.

Sicherheit kostet

Kühne + Nagel setzt zusammen mit der Vereinigung Deutscher Autohöfe (Veda) auf den Ausbau von Parkplätzen mit Extra-Sicherheitsmaßnahmen, sogenannte „Premium Parkplätze“. Dort wird der Parkplatz nachts beleuchtet, zudem gibt es eine umfassende Videoüberwachung sowie rund um die Uhr Aufsichtspersonal. „Die Industrie ist wegen hoher Versicherungsschäden zunehmend in der Pflicht, eine sichere Frachtroute zu gewährleisten - also steigt die Nachfrage nach sicheren Parkplätzen“, erklärt Veda-Geschäftsführer Herbert Quabach. Die Mehrkosten betragen pro Nacht vier Euro.

Klingt wenig, ist im harten Wettbewerb der Speditionsbranche in Summe aber nicht unerheblich. Und eine weitere Schwachstelle, die die Ladungsdiebe ausnutzen wollen: Die Zurückhaltung von Speditionen, wenn es um Ausgaben für Sicherheitsmaßnahmen geht. Denn probate Gegenmittel gibt es: Dicke Sicherheitsplanen, die den Laster aber schwerer machen und dadurch die Ladungskapazität mindern. Oder „DNA-Duschen“, also eine Flüssigkeit, die unter UV-Licht eine Nummer zeigt, anhand derer der Eigentümer erkannt wird. Oder Sender, die bei ungeplanter nächtlicher Bewegung angehen und den Standort melden.

Die Krux an der Sache bringt ein Brandenburger Polizeisprecher auf den Punkt: „Sicherheit ist ein Kostenfaktor - das war immer so, das wird immer so sein.“