Kriminalität in Osttirol Tod eines Wilderers – war es eine „Hinrichtung“?

Hermann Walder in seiner holzvertäfelten Stube. Das Ölbild an der Wand zeigt seinen toten Bruder. Foto: Sebastian Stiphout/Sebastian Stiphout

Vor 40 Jahren erschossen zwei Jäger in Osttirol den Wilderer Pius Walder. „Es war eine Hinrichtung“, sagt sein Bruder. Der Fall treibt den kleinen Ort und seine Menschen bis heute um .

Der ehemalige Holzfäller Hermann Walder läuft durch seinen Garten hoch über Sillian, einem Dorf in Osttirol. Stolz erklärt der 78-Jährige, was er über Jahrzehnte hinweg alles angebaut hat: Es blühen Kakteen, Wein wächst an der Fassade des Hauses. Vor zwei Jahren, als der Mann mit der weißen Elvis-Tolle und dem dunkel gefärbten Schnauzer einen Baum stutzen wollte, stürzte er runter. Seitdem geht er am Stock.

 

Und weil es im steilen Villgratental schwer ist, auf einer Krücke zu jagen, wird Walder nicht wie früher am 8. September eine Gams zu Ehren seines toten Bruders Pius ans Grab legen können. Früher, erzählt er, sei er am Todestag nachts auf den Friedhof geschlichen, habe das Wild abgelegt und gebetet.

„Abgeknallt wie a Viech“

„Ich wurde am 8. September 1982 in Kalkstein von zwei Jägern aus der Nachbarschaft kaltblütig und gezielt beschossen und vom 8. Schuss tödlich in den Hinterkopf getroffen“, steht auf dem Grabstein von Pius. Bis heute ist nicht restlos aufgeklärt, unter welchen Umständen Pius Walder auf 1641 Meter Höhe erschossen wurde. Sein Bruder Hermann sagt: „Den Pius hamm’se abgeknallt wie a Viech!“

Der Prozess in Innsbruck sei, so Walder, der „größte Justizskandal in der österreichischen Geschichte“. Die Verhandlung sei keine echte Verhandlung gewesen, weil die Geschworenen und auch die Richter „Jäger“ gewesen seien.

Auch der Soziologe Roland Girtler hält es für möglich, dass von höherer Stelle Einfluss auf das Verfahren genommen wurde. Jäger könnten sich von jeher auf die schützende Hand der Obrigkeit verlassen. Wilderer dagegen seien seit dem Mittelalter Volkshelden, weil sie es sich nicht gefallen ließen, dass der Jagdherr dem kleinen Mann das Recht zur Jagd nahm.

Sogar einen „Tatort“ gibt es über den Fall

Jedenfalls einträglicher Stoff: Die fidelen Mölltaler machten daraus ebenso Musik wie Walter Widemair, ehemaliger Produzent der Kastelruther Spatzen („Rock me, Pius“). Selbst einen „Tatort“ gibt es über den Fall: „Elvis lebt!“, heißt die Folge. Seine Vorlage: Hermann und Pius Walder. Beide Elvis-Fans.

Aber was genau geschah am 8. September 1982? Der Jäger Johann Bergmann will um 17.10 Uhr in der „Kalksteiner Alpe“ sechs Schüsse gehört haben. Er war sicher: Das kann nur ein Wilderer sein.

Weil er Angst hatte, allein loszuziehen, rief er Johann Schett dazu, einen einfachen Straßenarbeiter. Als der nach mehr als einer halben Stunde dort ankam, wo Bergmann angeblich Schüsse gehört hatte, sah er bei einem Stadel einen Mann, der sein Gesicht schwarz angemalt hatte. Weil Schett sich fürchtete, trat er den Rückzug an, um Josef Schaller, einen weiteren Jäger, weiter unten abzupassen.

„Halt, Jagdwache!“

Als sie zurückkamen, war der „angeruaßte“ Mann immer noch da. „Halt, Jagdwache, Gewehr abnehmen!“, brüllte Schaller die dunkle Gestalt an, die zwischen 10 und 20 Meter von ihm entfernt war, und schoss. Doch der Mann lief weiter. Schaller schoss zwei weitere Male. Dann feuerte Schett auf den Mann, der sie weder bedroht noch auf sie gefeuert hatte.

„Ich glaube, dass ich insgesamt vier Schüsse auf bzw. in die Gegend des Wilderers abgefeuert habe“, sagte Schett am Tag darauf der Gendarmerie. „Als nach meinem Schuss, dem letzten, der Wilderer zu Boden fiel, wusste ich vorerst nicht, ob ich ihn getroffen hatte oder ob er nur gestolpert war.“

Statt sofort die Rettung zu informieren, ließen Schett und Schaller den 30-jährigen Pius eineinhalb Stunden im Regen liegen. In seinem Gewehr befand sich noch ein Pfropfen. Das bedeutet: Er hat auf keine Gams und keinen Hirsch geschossen. Im Krankenhaus erlag er seinen Verletzungen.

Das Gericht erkennt nicht auf Mord

Zwar betonte Schett in der Vernehmung, „nicht bewusst auf den Wilderer geschossen“ zu haben; Zeugen erinnerten sich allerdings daran, wie Schett vor dem Ereignis damit geprahlt habe, dass er „nicht auf die Füße, sondern auf den Kopf zielen“ würde, falls er einen Wilderer auf frischer Tat ertappen sollte.

Und das tat Schett mit seinem Gewehr K-98k anscheinend auch, einer Waffe, deren Kugel in ein Kiefernholz 65 Zentimeter weit eindringt. Ein Schuss traf Pius in den Hinterkopf und durchschlug den Schädel. In einem Gutachten heißt es, dass Schett ein guter Schütze gewesen sei. Daher erscheine es unwahrscheinlich, dass ein Warnschuss „rein zufällig getroffen haben könnte“.

„Der Kerl“, sagt Walder über Schett, „hätte für immer weggesperrt werden müssen.“ Und Schaller, der zwar in den Boden geschossen, aber den „Meuchelmord“ nicht habe verhindern wollen, hätte 20 Jahre bekommen müssen. In Wirklichkeit erhielt Schett wegen Körperverletzung mit tödlichem Ausgang drei Jahre. Nach der Hälfte der Zeit wurde er aus der Haft entlassen. Schallers Verfahren wurde sogar ganz eingestellt.

„Meuchelmord an Pius Walder“

Josef Schett starb 2012. Beim Begräbnis hielt Hermann Walder ein Transparent hoch: „Am 21. Juli 2012 hat der Satan den Mörder für seinen Meuchelmord an Pius Walder am 8. 9. 1982 an der Gurgel erfasst und in die Hölle unter die Glut befördert.“ Und Schaller? Er hat noch nie reden wollen und wird auch nicht mehr reden. Schaller ist 91 Jahre alt und wird die Geschichte mit allen Fragen und Ungereimtheiten mit ins Grab nehmen.

Heute gibt Hermann Walder zu, gewildert zu haben. „Wir haben vier- oder fünfmal im Jahr was geschossen“, sagt er. Sicherlich hätten sie gegen Gesetze verstoßen, aber deswegen einen Menschen erschießen?

Hermann Walder musste seitdem gegen Intrigen und Verleumdungen ankämpfen. Angedichtet wurde ihm und seinen Brüdern vieles. Dass sie einen Polizisten in Italien erschossen hätten, dass sie selbst schuld an Pius’ Tod seien, dass Hermann Walder eine alte Dame misshandelt habe.

In Österreich will er nicht begraben sein

Andererseits ist der Mann mit der Elvis-Tolle auch kein Kind von Traurigkeit. Als der Pfarrer Alban Ortner die Todesanzeige von Pius im Vorraum der Kirche entfernte, weil er sie als Provokation empfand, setzte es zwei Watschen.

Der Frau von Josef Schaller stieß Walder einen Kupferkessel mit Weihwasser ins Gesicht. „Die Kalksteiner sind nun alle froh, dass der Pius hin ist!“, soll sie vorher gesagt haben.

Irgendwann, als er die Anfeindungen nicht mehr ertrug, verteilte Walder auf dem Lienzer Marktplatz Prospekte mit der Überschrift: „Erholsame Perspektive in Osttirol – auf den Spuren der Jägermafia ins Mördertal.“ Kostete ihn 5000 Schilling Strafe.

Begraben werden will Hermann Walder in einem Land, das ihm so zugesetzt hat, nicht. Deshalb hat er sich einen Platz unter einer Buche in der Nähe von Wiesbaden gesichert.

Über sein Grab hat er ein Gedicht geschrieben. Es handelt von der Buche 202. Sie werde, schreibt er, sein letzter Freund und es ihm sagen, wenn einer um ihn weint. „Die Buche 202 kann meinen Schmerz versteh’n. Sie sagt: Jetzt kannst Du endlich den Bruder wiederseh’n!“

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