Schuss im Dönerimbiss: Die Polizei hatte am 28. Januar 2025 einen dramatischen Einsatz im Zentrum Möhringens. Foto: Andreas Rosar
Insgesamt ging die Zahl der Straftaten in Stuttgart 2025 zurück. Aber in einigen Stadtbezirken nahm sie stark zu. Wo sind besondere Schwerpunkte - und woran liegt das? Ein Überblick.
Muss man sich größere Sorgen machen im Stadtbezirk Möhringen? Da fällt ein Schuss in einem Dönerimbiss nahe dem Bahnhof, ein 27-Jähriger überlebt den Bauchschuss dank ärztlicher Kunst. Da begegnet der ehemalige VfB-Fußballer und Ex-Nationalspieler Kevin Kuranyi zwei Einbrechern in seinem Haus, die mit Beute im Wert von 150.000 Euro entkommen. Da geht vor dem Polizeirevier ein Streifenwagen in Flammen auf. Da wird ein Freier von einer jungen Prostituierten mit Schlägen und Schere angegriffen, weil er stornieren wollte. Nun zeigt sich: Laut Kriminalstatistik 2025, die am Donnerstag vorgestellt wurde, hat die Zahl der Straftaten in Möhringen um mehr als 20 Prozent zugenommen.
Dabei wäre bei Verbrechen in Stuttgarteher etwas Entspannung angesagt: Die Zahl der polizeilich registrierten Straftaten ist in der Landeshauptstadt leicht zurückgegangen, um ein halbes Prozent auf 53.894 Fälle. Landesweit ist der Rückgang deutlicher. Dieser positive Trend, der am Donnerstag vorgestellt wurde, gilt insbesondere in der Innenstadt, wo sich grob ein Drittel der Kriminalität abspielt: 15.269 Straftaten in Stuttgart-Mitte bedeuten über acht Prozent weniger. Freilich: Die Straftatenzahl liegt damit immer noch höher als im Vor-Corona-Jahr 2019.
Dass im Stadtzentrum insbesondere weniger Gewaltdelikte verübt wurden, liegt laut Polizeipräsident Markus Eisenbraun vor allem an einem „Brennpunktkonzept“: Mehr Polizeipräsenz, niederschwellige Kontrollen, gezielte Ermittlungen gegen Mehrfachtäter, mehr Prävention und Streetwork. „Die Maßnahmen führten zu einer Abwanderung problematischer Klientel aus dem Innenstadtbereich“, sagt Eisenbraun.
In den meisten Stadtbezirken mehr Straftaten
Doch wohin? In 16 von 23 Stadtbezirken hat sich die Zahl der Straftaten erhöht – um bis zu 30 Prozent. Dabei ging es in neun Bezirken noch krimineller zu als im Jahr vor der Pandemie. Doch wie lassen sich solche Steigerungsraten erklären? Täuschen hier allein kleinere Werte – bei einer insgesamt sehr niedrigen Kriminalitätsbelastung?
Der Stadtatlas der Straftaten 2025. Foto: Yann Lange
Doch es gibt Alarmsignale: Knapp 1800 Straftaten in Möhringen – das sind nicht nur über 20 Prozent mehr, das ist ein Höchstwert der vergangenen Jahre. Damit läge man über den Werten des Nachbarbezirks Vaihingen – wenn dort nicht ebenfalls ein neuer Höchstwert erreicht worden wäre. Die Polizei registrierte 1875 Delikte. In Sillenbuch gibt es 25,5 Prozent mehr Delikte – diese Zahl stieg auf 773. Der Grund: „Der Anstieg ist auf eine Zunahme der Rohheitsdelikte sowie der Vermögens- und Fälschungsdelikte fokussiert“, heißt es auf Nachfrage aus dem Polizeipräsidium. Bei letzterer Kategorie geht es um Anrufbetrüger, Betrug mit EC- und Kreditkartendaten sowie um Schwarzfahren. Aber auch die Diebe haben in Möhringen und Sillenbuch häufiger zugegriffen.
Kriminalität in Plieningen: plus 30 Prozent
Überhaupt die Filder: Auch die Plieninger Einwohnerschaft könnte sich unsicherer fühlen. Erst vor einigen Tagen hatte es einen bewaffneten Raubüberfall auf einen Netto-Supermarkt am Ortsrand gegeben. Die Täter hatten zwei Angestellte nach Ladenschluss gezwungen, den Tresor mit den Einnahmen zu öffnen. In der Polizeibilanz 2025 ist Plieningen der Stadtbezirk mit der höchsten Steigerungsrate: plus 30,3 Prozent. Die Zahl stieg von 478 auf 623 Straftaten. Das liegt an einem Höchstwert an Rohheitsdelikten – nämlich „vermehrt Anzeigen wegen Bedrohung und Nötigung im Straßenverkehr“, so die Polizei. Exhibitionisten, unter anderem vor zwei achtjährigen Mädchen, ließen auch die Rubrik Sexualdelikte auf einen Höchstwert steigen. Hinzu kommen vermehrt Anrufbetrüger, Sachbeschädigungen und Beleidigungen.
Mehr Gewalt, mehr Bedrohung, mehr Nötigung – die Botschaft des Jahres 2025 zieht sich wie ein roter Faden auch durch die Stadtbezirke. „Ein Anstieg bei Rohheitsdelikten hat einen nicht unerheblichen Einfluss auf das objektive und subjektive Sicherheitsempfinden“, weiß man im Polizeipräsidium.
Absperrung in Weilimdorf nach Schüssen am 6. Dezember 2025. Foto: Lichtgut
Kontinuierliche Steigerungen gibt es insbesondere in Feuerbach und Weilimdorf – in letzterem Bezirk sind seit Dezember 2025 bei Auseinandersetzungen unter Jugendgruppen sogar Schüsse gefallen. Ein 16-Jähriger wurde am 6. Dezember durch einen Bauchdurchschuss schwer verletzt. Zuletzt wurde am 1. März im Weilimdorfer Stadtteil Giebel ein 17-Jähriger durch Schläge verletzt, es soll auch eine Schreckschusswaffe im Spiel gewesen sein. In Weilimdorf gab es 2,6 Prozent mehr Delikte, in Feuerbach knapp sieben Prozent mehr – nach bereits 27 Prozent im Jahr davor.
Tödlicher Schuss eines Polizisten
Gut 20 Prozent mehr Delikte wurden in Wangen registriert, mehr als 14 Prozent in Stammheim. Mit einem Plus von zehn Prozent überschreitet der Bezirk Stuttgart-Ost wieder deutlich die Marke von 3000 Straftaten. Der folgenschwerste Fall dort spielte sich am 1. Juli ab, als ein 29-Jähriger einen Landsmann schwer am Hals verletzte. Der flüchtige Tatverdächtige wurde wenig später bei einer Fahndung von einem Polizeibeamten erschossen.
Doch wo bleiben die positiven Nachrichten? Hedelfingen ist der Stadtbezirk mit dem deutlichsten Straftatenrückgang: minus 24 Prozent. 430 Delikte sind dort der niedrigste Stand seit über zehn Jahren. Am wenigsten Straftaten gab es allerdings woanders: Obertürkheim hat mit 264 Delikten den Bezirk Birkach (269) abgelöst. Hoffentlich bedeutet eine Auseinandersetzung, womöglich mit dem Einsatz von Schreckschusswaffen, sowie ein Anschlag auf die S-Bahn mit Ballastsäcken vor wenigen Tagen keine Trendwende.
Die Handschellen klickten öfter. Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Beim Blick auf die knapp 54.000 Straftaten in ganz Stuttgart fällt auf, dass Aggressionen und Rohheitsdelikte erkennbar zunehmen. 16 Prozent mehr schwere Körperverletzungen (2031 Fälle), knapp 13 Prozent mehr Nötigungen und Bedrohungen (2526 Fälle), Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten nahm um knapp vier Prozent zu (877 Fälle). Sexualstraftaten haben um 17 Prozent zugenommen (974 Fälle). Aber auch Wohnungseinbrecher sind wieder aktiver: 447 Fälle sind ein Plus von knapp 16 Prozent.
Bei den erwischten 24.807 Tatverdächtigen gibt es Auffälligkeiten. Die Polizei erwischte elf Prozent mehr Frauen, insgesamt 6200. Die Zahl der 18.600 männlichen Beschuldigten ist mit plus 0,7 Prozent dagegen relativ gleich geblieben. Die Zahl der tatverdächtigen Kinder hat mit 871 einen neuen Höchststand seit Coronazeiten erreicht. Die Zahl der Verdächtigen ohne deutschen Pass ist leicht auf 13.377 gesunken (minus 0,7 Prozent), die Zahl deutscher Tatverdächtiger auf 11.430 gestiegen (plus 7,7 Prozent). Die Zahl tatverdächtiger Geflüchteter ging auf 3588 zurück – ein Minus von gut 14 Prozent.