Krimitipp: „Hundechristus“ von Carlo Lucarelli Ein fragwürdiger Commissario

Von Georg Patzer 

Eine Frage der Moral: Carlo Lucarelli beobachtet seinen Kommissar de Luca in der Faschistenzeit. Georg Patzer hat für „Killer & Co.“ den „Hundechristus“ gelesen.

Carlo Lucarelli setzt ein schönes Mosaik zur Moral von Beamten zusammen. Foto: (c) Giliola Chiste
Carlo Lucarelli setzt ein schönes Mosaik zur Moral von Beamten zusammen. Foto: (c) Giliola Chiste

Stuttgart - Die Zeit zwischen dem 25. Juli und dem 8. September 1943 ist für die Italiener eine aufregende, chaotische und gefährliche Zeit. Die Bombenangriffe der Alliierten verstärken sich, nicht mehr nur einzelne Flugzeuge, sondern ganze Geschwader fliegen über den Städten, im Süden sind sie bereits gelandet und rücken nach Norden vor. Und jetzt kommt plötzlich die Nachricht, dass der allmächtige Duce, Benito Mussolini, gestürzt wurde. König Vittorio Emanuele III. und der „Faschistische Großrat“ haben den Staatsstreich durchgeführt. Das Land atmet auf, die Militärregierung von Marschall Badoglio handelt einen Waffenstillstand mit den Alliierten aus, die Antifaschisten gehen auf die Straße und singen nicht nur „Fratelli d’Italia“ („Brüder Italiens“), die heimliche Hymne seit 1861, die von den Faschisten 1932 verboten wurde, sie singen auch „Bandiera rossa“, sie schwenken rote Fahnen und beginnen, an den Faschisten Rache zu nehmen: die mächtigeren waren längst geflohen, die unteren Chargen ziehen sich schnell ihre Schwarzhemden aus und werfen ihr Parteiabzeichen weg, das sonst immer im Knopfloch steckte. Endlich Frieden. Aber einen Tag später sind die Deutschen da: Sie kannten die Unzuverlässigkeit der Italiener, haben Mussolini befreit und sind jetzt die Herren in Italien. Der Krieg geht weiter. Und die geflohenen Mächtigen von einst kommen wieder zurück.

Kopf passt nicht zum Körper

In diesem Chaos muss der junge Kommissar de Luca in Bologna nicht nur gegen Schwarzmarkthändler ermitteln, sondern er stolpert auch buchstäblich über eine Leiche: Bei einer nächtlichen Razzia auf dem Land hat er sich nämlich im Haus geirrt, und während seine Kollegen den Verdächtigen Borsaro festnehmen, rutscht de Luca im Dunkeln in einer Blutlache aus und fällt auf den Toten. Ein Toter ohne Kopf. Später findet de Luca auch einen Kopf, aber bei der Obduktion stellt sich heraus, dass der Kopf nicht zum Körper passt. Und niemand interessiert sich für diese beiden Toten, die sicherlich auch in die Schwarzmarktgeschäfte verwickelt waren – es gibt genug Tote bei den Bombenangriffen.

De Luca aber hat ein Berufsethos: Er ist Polizist, er will und muss weiter ermitteln. Bald findet er heraus, dass es nicht nur um Lebensmittel geht, sondern auch um Rauschgift. Natürlich wirken sich die wackligen politischen Verhältnisse auch auf seine Untersuchungen aus. Denn mal bekommt er grünes Licht von seinen Vorgesetzten, dann wieder wird er gebremst, weil nicht nur bekannte adlige Faschisten, sondern auch Politiker wie der Konsul Martina und Polizisten darin verwickelt sind, die faschistische Miliz hat ihre Finger im Spiel, die alte und so manche neu geschaffene Geheim- und Staatspolizei. Einmal trifft er sich mit einem Kollegen zum Essen in einem eigentlich verbotenen Fischlokal, einmal weigert er sich, mit einem anderen Kollegen Gefallen auszutauschen, weil der ihn auffordert, einen Unschuldigen zu denunzieren.

Ein Ignorant und Opportunist

De Luca ist Teil dieses politischen und moralischen Chaos. Auch er ist Mitglied der faschistischen Partei, mit einem gewissen inneren Abstand. Aber als sich die politischen Umstände ständig ändern, zeigt sich, dass es ihm ziemlich egal ist, wer grade regiert. Ein aufrichtiger Demokrat, der sich nur angepasst hat, um seinen Job tun zu können, ist er wahrhaftig nicht, eher ein Ignorant, ein Opportunist. Schnell passt er sich an, hebt den Arm zum römischen Gruß oder gibt dem Gegenüber stattdessen die Hand, ganz wie es angebracht ist. Als er von denen suspendiert wird, gegen die er ermittelt, schließt er sich sogar einer neuen Geheimpolizei an, die von den Nazis gegründet wurde, nur damit er weiter forschen kann. Gedanken darüber macht er sich keine. Einmal sagt er, dass er dem Staat dient, egal, was das für einer ist, er sei nun mal Polizist, und zwar einer der besten. De Luca ist ein Jäger, und manchmal überkommt ihn sogar ein Jagdfieber, und er vergisst alles andere, auch immer wieder seine Verlobte. Die er im Stich lässt, als sie ihn bittet, mit ihrer Familie in die Schweiz zu fliehen. Alle seine Gedanken kreisen nur um den Fall und die Aufklärung. Und sie sieht ihn entgeistert an und gibt ihm eine Ohrfeige.

Und das ist auch der Kern dieses Kriminalromans, in dem Lucarelli seinen Serienheld de Luca in die Anfänge seiner Karriere schickt. Einige seiner Romane spielen in der unmittelbaren Nachkriegszeit oder in den 50er-Jahren, mit „Hundechristus“ erforscht Lucarelli die Faschistenzeit. Und zeigt, wie moralisch fragwürdig sein Kommissar tatsächlich ist, wie schnell man sich verstricken kann, wie schnell man zum willigen Vollstrecker wird und wie banal das Böse sein kann. Lucarelli erzählt das fast nebenbei. Und auch wenn manche Person nicht besonders tiefgründig beschrieben wird, setzt sich doch ein schönes Mosaik aus Fragen zur Moral von Beamten zusammen: Welche Kompromisse geht man ein, was kann für einen persönlich gefährlich werden, wo hält man stand und wo gibt man nach?

Carlo Lucarelli: Hundechristus. Ein Commissario-de-Luca-Krimi. Übersetzt von Karin Fleischanderl. Folio-Verlag, Wien, Bozen, 2020, 272 Seiten, 18 Euro




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