Krimitipp: „Inspektor Takeda und das doppelte Spiel“ von Henrik Siebold Großes Kino mit kleinen Fehlern

Henrik Siebold Foto: /Dörte Hoffmann
Henrik Siebold Foto: /Dörte Hoffmann

Zwei Hamburger in Tōkyō: Der vierte Band der Takeda-Reihe von Henrik Siebold führt nach Japan und in rechte Kreise.

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Stuttgart - Eigentlich ist Inspektor Kenjiro Takeda schon fast ein Hamburger geworden, so gut hat er sich eingelebt. Er kann seine Kollegen immer besser einschätzen, er hat seine Rolle gefunden, weiß inzwischen auch, wie man mit Chefs umgeht, nämlich ruppiger als in Japan, und ist nicht mehr geschockt, wenn seine Kollegin Claudia Harms norddeutsch direkt ist. Noch dazu hat er so etwas wie eine Affäre angefangen, eine Liebe knospen lassen, mit Claudia. Beinah jedenfalls, denn so ganz trauen sich beide nicht, dem anderen ihre Liebe zu gestehen und den nächsten Schritt zu tun – egal, wie der aussehen könnte. Immerhin: „Ken und ich duzen uns jetzt“, sagt sie einmal, und ihre Freundin Gudrun tut so, als würde sie staunen: „Oh, das ist natürlich echt – intim.“

Ein toter Superstar

Das ist der eine Strang dieser Geschichte: wie zwei Menschen es vermeiden, zueinander zu kommen. Der andere ist der Kriminalfall: In einem hässlichen Gewerbehof wird die Leiche eines Manns gefunden. Da er ein Japaner ist, wird Takeda hinzugerufen, der ihn sofort erkennt: Es ist Ryūtarō Matsumoto, ein Profifußballer beim HSV und in Japan eine Berühmtheit, „dazu noch Werbe-Ikone, Stil-Ikone, Frauenschwarm, Vorbild für die Jugend, Mitglied der Nationalmannschaft. Ein Superstar.“

Und dann entdeckt Takeda etwas: Er „kniete sich hin, und zwar auf eine Art, wie sie es bei ihm bisher nur im Dōjō gesehen hatte.“ Und zeigte, wie es aussehen muss, wenn jemand von hinten kommt und ihn in den Kopf schießt: „Es war eine Hinrichtung.“ In Matsumotos Wohnung finden sie ein Plakat mit dem buddhistischen Symbol des umgedrehten Hakenkreuzes und eine meditierende Buddhastatue. Und im Lauf der Ermittlungen geraten sie an einen alten, reichen Sponsor des Vereins und Liebhaber Japans, den Kaufmann Henningsen, und die buddhistische Glaubensgemeinschaft Tōzaikai. Bei der Obduktion stellt sich dann heraus, dass der Fußballspieler mit einem traditionellen seppuku begonnen hatte, jenem rituellen Selbstmord der Japaner, bei dem sie sich in einer bestimmten Reihenfolge den Bauch aufschlitzen und, bevor der Schmerz zu groß wird, von einem Freund den Kopf abgeschlagen bekommen. Oder vielleicht, wie in diesem Fall, erschossen werden.

Schnell klärt sich dann der Fall, der Senator, der Polizeipräsident und der Gesandte des japanischen Innenministeriums sind froh, weil das internationale Aufsehen wieder nachlässt. Aber die Hintergründe sind immer noch nicht klar, und da Takeda und Harms befohlen wird, die Sache fallenzulassen, tun sie genau das Gegenteil, fahren nach Japan und ermitteln dort auf eigene Faust weiter, in Tōkyō und in den Bergen. Und dort wird es lebensgefährlich, brutal und sehr blutig, denn es geht in hohe Regierungs- und Yakuzakreise.

Zen und Nationalismus

„Inspektor Takeda und das doppelte Spiel“ von Henrik Siebold ist der vierte Fall mit den beiden Hauptpersonen Ken und Claudia. Wie immer ist der dicke Roman mit Fakten über Japan, Zen-Buddhismus und die japanische und die deutsch-japanische Geschichte vollgestopft, und wie immer ist der Stil ein klein wenig zu umständlich. Siebold erklärt viel zu viel Überflüssiges und bremst dadurch die Handlung selbst unnötig ab, statt dass er auf den Sog und die Logik der Geschichte vertraut. „Beschreibungsfetischismus“ hat ein Autor das mal genannt. Dabei kann Siebold durchaus auch temporeich schreiben: Die beiden langen Passagen, in denen gleich zwei Show-downs passieren, sind großes Kino, auch wenn sich ein paar logische Fehler einschleichen. Macht nichts, die Action stimmt.




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