Kripo-Ermittlungen in und um Stuttgart Wer holt die Morde aus der Mottenkiste?

Ein Experte für Mordermittlungen: Katakombenkommissar a. D. Hans-Peter Schühlen Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Die Cold-Case-Ermittlungen im Land sollen verbessert werden – dabei hatte die Stuttgarter Polizei schon einen Spezialisten mit Vorbildcharakter.

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Stuttgart - Ein Versehen, sagt der Mann vom Landeskriminalamt. Die Präparate mit dem Brustbein des Mordopfers, das den tödlichen, vier Millimeter breiten Stichkanal einer bis heute unbekannten Tatwaffe aufweist, müssen „irrtümlich mit Asservaten aus verjährten Fällen weggeworfen“ worden sein. Vernichtete Asservate, verschwundene Akten, verschleppte Ermittlungen – das ist der Alltag der Ermittler von Cold Cases, den alten ungeklärten Mordfällen. Nicht nur im Fall von Brigitta J., einer vor 25 Jahren in Sindelfingen getöteten Künstlerin, deren Schicksal derzeit vor Gericht verhandelt wird. Ein Stuttgarter Spezialist, der Erste seiner Art, weiß ein Lied davon zu singen.

 

„Was glauben Sie, wo Asservate von gelagerten Beweismitteln überall zu suchen sind“, sagt Hans-Peter Schühlen, Deutschlands erster Katakombenkommissar, der sich bis zu seinem Ruhestand bei der Stuttgarter Mordkommission ausschließlich um die Altfälle gekümmert hat. „Da musste man ziemlich herumtingeln.“ In dunklen Kellern, unter Treppenabsätzen, irgendwo beim LKA oder der Rechtsmedizin.

Dass selbst brisante Altfälle jahrelang in Vergessenheit geraten und eher zufällig wieder ausgegraben werden, ist für den 68-Jährigen nicht verwunderlich. Dazu gehört auch, dass es einen wie ihn noch immer ganz selten bei der Polizei gibt. Ein Fehler?

Nebenbei läuft’s halt nicht

Das LKA verspricht Verbesserungen. Einheitliche Bedingungen für alle Polizeipräsidien und „so wenige Schnittstellen wie möglich“. Daran arbeitet, und das auch schon seit fast zwei Jahren, eine Arbeitsgruppe. „Noch im ersten Quartal 2021 soll das finalisiert werden“, sagt LKA-Sprecherin Alexandra Vischer. Nämlich eine bessere organisatorische Anbindung des Aufgabengebiets Cold Case beim Landeskriminalamt, das die Fäden für nationale und internationale Zusammenarbeit zieht. Allerdings: „Auf die Aufgabenerledigung“, sagt Sprecherin Vischer, „hat dies keinen Einfluss.“

Doch gerade da dürfte der Hase im Pfeffer liegen. Denn die Aufgabenerledigung läuft wie immer: nebenbei. Sogenannte Fallpaten, also Ermittler oder Kriminaltechniker bei der Kripo, sollen neben ihrer tagesaktuellen Arbeit neue Ansätze für die Mordfälle in der Mottenkiste finden. „Doch ohne hauptamtlichen Sachbearbeiter“, sagt Cold-Case-Experte Schühlen, „läuft das nicht.“ Er selbst kennt das: 1977 hatte er als 25-jähriger einen ungeklärten Mordfall einer älteren Frau im Süden Stuttgarts auf den Tisch bekommen. Doch das Tagesgeschäft, andere Fälle, nächtliche Bereitschaftsdienste, Abordnungen und Krankheitsvertretungen haben ihn nie richtig ans Werk gehen lassen. „Der Fall ist bis heute ungeklärt, weil der Schühlen im Tagesdienst nie Zeit hatte“, sagt der Kriminalhauptkommissar a. D. selbst. Und als er 2004 bei der Stuttgarter Kripo zum hauptamtlichen Cold-Case-Sachbearbeiter freigestellt wurde, war es für brauchbare Asservate und Spuren zu spät.

Der Ermittler, der nie Zeit hatte

Immerhin: In über zehn Jahren hat Schühlen 64 ungeklärte Mordfälle zwischen 1945 und 2012 so aufbereitet, dass ein Ermittler nicht wie sonst bei null anfangen muss. Nach jahrelanger systematischer Aufarbeitung in den Verliesen des Polizeipräsidiums auf dem Pragsattel, vor allem in einem ehemaligen Heizölkeller im zweiten Untergeschoss, konnte der Katakombenkommissar Ordnung ins Durcheinander von 64 ungeklärten Stuttgarter Mordfällen zwischen 1945 und 2012 bringen – unter anderem mit einer eigenen Datenbank der grundsätzlichen Fakten, von der Tatzeit bis zu Blutgruppe und Beziehungsperson des Opfers. In neun Fällen konnten vielversprechende genetische Fingerabdrücke in die DNA-Analyse-Datei des Bundeskriminalamts eingestellt werden.

Anderthalb Jahre in der Warteschlange

Neun Fälle wurden sogar durchs Neuaufrollen geklärt. Dank immer besserer Methoden der DNA-Analyse, die 1989 beim baden-württembergischen LKA entwickelt wurde. Etwa der Mord an einem 62-Jährigen in Feuerbach, der im Juni 1989 in seiner Wohnung von einem Zechkumpanen mit einem in den Schlund gestopften Brillenputztuch erstickt wurde. Vor seinem Tod soll der Mann laut Zeugen noch „Walter“ gerufen haben. Am Ende hieß der Täter aber: Wolfgang.

Den Fall konnte Schühlen 2008 mithilfe verbesserter DNA-Analysen klären. „Allerdings stand ich beim LKA-Labor erst einmal anderthalb Jahre in der Warteschlange“, sagt Schühlen. Der NSU-Mord an einer Polizistin in Heilbronn hatte in den Labors der Kriminaltechnik zu Land unter geführt. Für Schühlen wären ein gewisses Laborkontingent für Altfälle und ein fester Ansprechpartner beim Kriminaltechnischen Institut des LKA unverzichtbar.

Ein Pate nebenbei reicht nicht

Derweil füllen sich die Lagerräume mit Asservaten und Beweismitteln aus alten Fällen immer mehr - „ein Riesenproblem“, sagt Schühlen. Viele Kartons seien aus Platznot vor Jahrzehnten einfach weggeworfen worden. „Dass man die später für hochmoderne DNA-Analysen brauchen könnte, hat man damals in den 80ern und 90ern nicht bedacht“, sagt der pensionierte Kriminalist. Bereits vor Jahren hat er ein Barcodesystem für Beweismittel in Baden-Württemberg gefordert. Ist das alles nicht auch wie bei Amazon?

Eines ist jedenfalls klar: Wenn es da nicht einen gibt, der immer wieder in die Katakomben des Verbrechens hinuntersteigt, in die Mottenkisten greift und im Blick behält, welche neue wissenschaftliche Methode für welchen Altfall geeignet ist, bleiben die Angehörigen der Opfer mit einer Ungewissheit zurück, die sie über Jahre und Jahrzehnte traumatisieren kann. Noch schmerzhafter wäre es freilich, wenn alles nur daran liegt, dass Sachbearbeiter wechseln oder Dienststellen aufgelöst werden – oder motivierte Beamte einfach keine Zeit haben.

Ein Pate nebenbei reicht nicht – es sollte schon ein echter Katakombenkommissar sein. „Ideal wäre einer über 50“, sagt Schühlen, „einer, der alles Mögliche und Unmögliche schon erlebt hat.“

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