Krise bei der „Washington Post“ Jeff Bezos: Vom Retter zum Totengräber
Die Misere der „Washington Post” hat einen Namen: Amazon-Chef Jeff Bezos fegt mit einem harten Kürzungsprogramm durch die Redaktion. Seine Motive werden immer klarer.
Die Misere der „Washington Post” hat einen Namen: Amazon-Chef Jeff Bezos fegt mit einem harten Kürzungsprogramm durch die Redaktion. Seine Motive werden immer klarer.
Vor ziemlich genau sieben Jahren spendierte Jeff Bezos seinem Blatt während des Superbowl-Finales eine sündhaft teure Werbung. Der Spot illustrierte das neue Motto „Demokratie stirbt in Dunkelheit”, das auf seine Weisung nach dem ersten Einzug Donald Trumps ins Weiße Haus in jeder Druckausgabe direkt unter dem Titel „Washington Post“ stand. Über dramatischen Szenen mit Journalisten, die in Fluten und Kriegsgebieten ihr Leben riskierten, verkündete Tom Hanks feierlich: „Wissen hilft uns zu entscheiden. Wissen hält uns frei.“
Das digitale Geschäft der „Washington Post“ boomte dank der Berichterstattung über Trumps erste Amtszeit. Dazu gehörte ein Lügen-Tracker, der jede einzelne der 30 573 Unwahrheiten aus dem Mund des Präsidenten dokumentierte, und eine umfangreiche Aufarbeitung des Angriffs auf die US-Demokratie am 6. Januar 2021, an der mehr als hundert Journalisten mitwirkten. Die Post heimste dafür einen ihrer zahlreichen Pulitzerpreise ein.
Beim diesjährigen Superbowl warb Bezos nicht damit, wie die Institution Licht in die Dunkelheit bringt. Stattdessen knipste er die Lichter in Teilen der Redaktion aus. Chefredakteur Matt Murray informierte bei einer Zoom-Konferenz über die Entlassung von mehr als 300 Journalisten — rund ein Drittel der redaktionellen Belegschaft.
Kurz vor Beginn der Olympischen Winterspiele stampfte die Post ihr Sportressort ein. Statt zwanzig Korrespondentenstandorten rund um die Welt gibt es künftig nur noch zwölf. Über das Lokale in der Hauptstadt berichten nur noch ein Dutzend Redakteure; ein Bruchteil der früheren Belegschaft. Über Literatur muss sich die Leserschaft künftig woanders informieren. Murray sprach von einer „strategischen Neuausrichtung”, um die Zeitung „größer, relevanter und zu einer lebendigen Institution zu machen”. Weil man „zu lange zu viel Geld verloren hat“, werde sich das Haus künftig auf seine Kernkompetenzen konzentrieren.
Eine erstaunliche Begründung angesichts der 75 Millionen Dollar, die Bezos gerade in den Film „Melania” über die First Lady versenkt hat. Ein Verlustgeschäft für den Amazon-Gründer, offene Korruption, wie Kritiker sagen. Und ein bemerkenswerter Wandel für jemanden, der sich beim Kauf des Traditionsblatts 2013 noch als Retter mit philanthropischer Gesinnung präsentiert hatte. Bei seiner ersten Versammlung mit der Belegschaft versprach Bezos eine „neue goldene Ära für die ‚Washington Post’”. Er glaube nicht, dass man durch Sparen im Zeitungsgeschäft Erfolg haben könne: „Das ist eine Überlebensstrategie, aber sie führt bestenfalls in die Bedeutungslosigkeit. Und schlimmstenfalls in den Untergang.” Die Zeitung, so Bezos damals in einem Brief an die Mitarbeiter, sei ihren Lesern verpflichtet und nicht den privaten Interessen ihrer Eigentümer.
Die langjährige „Washington-Post“-Kolumnistin Ruth Marcus sagt, sie sei dankbar für die finanziellen und technologischen Ressourcen, die Bezos der Zeitung in seinen frühen Jahren als Eigentümer zur Verfügung gestellt habe. Heute schreibt sie nicht mehr für das Medium. Sie trat aus Protest gegen die Änderungen im Meinungsressort zurück. Das war 2024, als Bezos intervenierte, um die Unterstützung der Zeitung für Kamala Harris zu stoppen. Die Kommentatoren sollten außerdem nur noch Ansichten publizieren, die mit Bezos’ Vorliebe für „freie Märkte” und „individuelle Freiheiten” übereinstimmten. Die Änderungen zeigen sich in den Meinungsspalten. Ein kürzlich erschienener Leitartikel lobte Trumps Plan für einen neuen Ballsaal im Weißen Haus und entschuldigte den nicht genehmigten Abriss des Ostflügels. Ein anderer Kommentar befürwortete die Umbenennung des Verteidigungsministeriums in „Department of War” als „angemessenen Schlag gegen den Euphemismus”.
Der Leserschaft gefiel das nicht, die „Washington Post“ verlor 250 000 Abonnements. Finanziell ein Desaster. Aber um das Geschäft sei es Bezos nicht gegangen, meint Joshua Benton vom Nieman Journalism Lab der Harvard University im Magazin „The Atlantic”. Es sei klar geworden, dass Bezos versuche, die Meinungsseite und den Kommentarteil weiter nach rechts zu verschieben und stärker mit der Trump-Regierung in Einklang zu bringen. Für Benton und andere Kritiker steht außer Frage, dass der Kahlschlag wenig mit Profitabilität und viel mit der neuen Nähe des Eigentümers zu Trump zu tun hat. „Für Jeff Bezos ist das nichts”, erklärt Benton zu den roten Zahlen. „Sein Nettovermögen ist im vergangenen Jahr so stark gestiegen, dass er alle Verluste der ‚Washington Post’ für den Rest seines Lebens, das seiner Kinder und das seiner Enkel weiter bezahlen könnte.”
Bezos reiht sich ein in die Phalanx der Oligarchen, die vor Trump die Knie gebeugt haben. Bei dessen Amtseinführung am 20. Januar 2025 saß Bezos auf einem prominenten Platz in der Rotunde des Kapitols. Er spendete eine Million Dollar für die Inaugurationsfeierlichkeiten. Kurz zuvor hatte er mit den Trumps zu Abend gegessen und dabei die Rechte für die Melania-Dokumentation erworben. Amazon zählt auch zu den Spendern für das Ballsaal-Projekt.
Der Verdacht steht im Raum, dass der Kahlschlag bei der Zeitung ein Geschenk ist, mit dem Bezos die Zuneigung Trumps erkaufen will. Dem ist die „Washington Post“ seit langem ein Dorn im Auge. Und deren Abwicklung passt zu seiner Strategie, die Medien der USA unter Kontrolle zu bekommen.
Elon Musk hat die Plattform X (früher Twitter) nach dem Kauf längst zu einem Trump-freundlichen Instrument für Desinformation verwandelt. Bei CBS übernahm David Ellison mit seiner Firma Skydance den Sender und setzte mit Bari Weiss eine rechtsgerichtete Chefredakteurin ein. In der Praxis behandelt CBS Trump nun mit Samthandschuhen. Jüngst versuchte Ellison mit Hilfe seines Vaters Larry, dem zweitreichsten Mann Amerikas und glühenden Trump-Anhänger, die feindliche Übernahme von „Warner Bros Discovery“. Zu diesem Konzern gehört der von Trump gehasste Nachrichtenkanal CNN.
Der ehemalige Chefredakteur der „Washington Post“, Martin Baron ist überzeugt, dass jetzt eine Institution der amerikanischen Demokratie zerstört wird. Die Ambitionen der Redaktion würden durch Bezos Vorgehen drastisch eingeschränkt, ihre talentierten und mutigen Mitarbeiter weiter dezimiert. Der Öffentlichkeit „wird die faktenbasierte Berichterstattung vorenthalten, die heute mehr denn je gebraucht wird”.
Noch vor den Entlassungen hatte ein Exodus von Journalisten eingesetzt. Die stellvertretende Chefredakteurin Matea Gold wechselte zur „New York Times”, der Politikreporter Josh Dawsey zum „Wall Street Journal”. Das Magazin „The Atlantic” warb gleich drei „Washington-Post“-Reporter ab, die aus dem Weißen Haus berichteten: Ashley Parker, Michael Scherer und Toluse Olorunnipa.
Dass Bezos mit seiner Frau Lauren Sánchez in Paris bei der Haute Couture Week Hof war, während die Redakteure in Washington um ihre Jobs fürchteten, erzürnt viele Betroffene. Reporter posteten Botschaften an Bezos unter dem Hashtag #SaveThePost. Eine Korrespondentin in der Ukraine meldete sich aus Kiew. Ihr sei gerade „mitten in einem Kriegsgebiet gekündigt” worden. Wenige Tage zuvor hatte man sie noch auf dem Rücksitz eines Autos gesehen, wo sie ihre Berichte mit Bleistift verfasste, weil die Kugelschreibertinte gefroren war.
Der Mann, der angetreten war, eine Institution der US-Demokratie zu retten, lässt Journalisten jetzt um ihre Jobs betteln. Sieben Jahre nach seinem Superbowl-Spot gilt sein eigenes Motto mehr denn je, nur anders als gedacht. Demokratie droht tatsächlich in der Dunkelheit zu sterben. Doch diesmal dreht Bezos selbst die Lampen aus.