Krise beim DOSB Hörmann hinterlässt einen Scherbenhaufen

Es ist einsam geworden um Alfons Hörmann. Foto: imago/MIS

Der Noch-Präsident leitet einen zerrütteten Verband. Alle Probleme beim Deutschen Olympischen Sportbund zu kitten, ist eine Herkulesaufgabe. Und trotzdem gibt es zwei Führungskräfte, die sich um diesen Job bewerben.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Stuttgart - Die Literatur- und Musikstadt Weimar sollte für den Neubeginn stehen, den Aufbruch, den Wandel, eine andere Kultur. Am 4. Dezember findet in dem 65 000-Einwohner-Ort in Thüringen die Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) statt, gewählt wird dann auch eine neue Präsidentin oder ein neuer Präsident. Es ist ein Job mit Macht, Einfluss, Ansehen – und mit reichlich Gestaltungsspielraum. Normalerweise. Diesmal jedoch ist alles anders. In Weimar wird es zwar auch um die Zukunft gehen, vor allem aber um die Vergangenheitsbewältigung. Was zuvorderst mit einem Mann zu tun hat.

 

Alfons Hörmann (61), seit acht Jahren der Boss des DOSB, hinterlässt einen riesengroßen Scherbenhaufen. Zu kitten, was an Vertrauen, Integrität und Transparenz zuletzt zerdeppert wurde, ist eine Herkulesaufgabe. Der Sportpatriarch aus dem Allgäu führte den Dachverband des deutschen Sports (rund 90 000 Vereine, 27 Millionen Mitglieder) mit viel Engagement, aber eben auch autoritär, streng, fordernd – und letztlich in die größte Krise seiner Geschichte.

Selbst in Auftrag gegebene Gutachten

Der Anfang vom Ende war ein anonymes Schreiben am 6. Mai. Im Namen von rund einem Drittel der DOSB-Mitarbeiterschaft wurde darin Hörmanns Herrschaft angeprangert: In der Geschäftsstelle in Frankfurt herrsche eine „Kultur der Angst“. Von diesem Schlag hat sich der Präsident nicht mehr erholt, auch weil eine Untersuchung der DOSB-Ethikkommission zwar viele kleine Vorwürfe entkräftete, ihm insgesamt aber ein verheerendes Zeugnis ausstellte: „Im deutschen Sport kann es in dieser Art nicht weitergehen.“ Sichtlich gezeichnet kündigte Hörmann Mitte Juni seinen Rückzug an. Kampflos aber wollte er nicht abtreten. Es ging ihm, vor allem, um sein Image.

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Der DOSB gab eine Kulturanalyse in Auftrag, die – wen wundert’s – ein rosarotes Bild von den Arbeitsbedingungen im Verband zeichnet. Das bestärkte Hörmann in seiner Sichtweise, Opfer einer Intrige zu sein. Zuletzt erklärte er: „Es liegen uns zahlreiche Informationen und Schriftstücke zu konspirativen Treffen vor, die es gab, um genau diese Form von Umsturz herbeizuführen.“ Vollends übers Ziel hinausgeschossen ist der Noch-Präsident bei der Suche nach den Verfassern des anonymen Schreibens.

Vielbeschäftigte Juristen

Gemeinsam mit der DOSB-Vorstandsvorsitzenden Veronika Rücker beauftragte Hörmann einen Sprachsachverständigen. Nach dessen Gutachten waren sie überzeugt, dass die Mail vom 6. Mai von Karin Fehres geschrieben worden ist. Sie saß bis Ende 2020 als Verantwortliche für Sportentwicklung im Vorstand des DOSB, ehe ihr Vertrag nicht verlängert wurde. Offenbar entgegen einem Beschluss des Vorstandes haben Hörmann und Rücker die Berliner Anwaltskanzlei, deren Juristen Spötter als „Hörmanns meistbeschäftigte Mitarbeiter“ bezeichnen, von der Leine gelassen. Laut Fehres versuchten die Anwälte, sie unter Androhung einer Strafanzeige und Zivilklage dazu zu drängen, die Urheberschaft des anonymen Briefes zuzugeben. Sie weigerte sich und erklärte, mit dem Schreiben nichts zu tun gehabt zu haben: „Diese Vorwürfe sind absurd und haltlos.“

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Mittlerweile räumen Hörmann und Rücker ein, dass ihr Vorgehen „unverhältnismäßig“ gewesen sei. Was sie nicht sagten: Dieser Fall beweist genau das, was laut Hörmann nie zu beweisen war – wie sein Verständnis von Führung ein Klima der Angst befördert. Deshalb muss nun auch Rücker gehen, sie kündigte ihren Abschied zum 31. Dezember an. Und Hörmann ist mittlerweile völlig isoliert.

Hörmanns Wunsch wird sich nicht erfüllen

Das liegt zum Teil daran, dass er sich seit einem positiven Coronatest am Sonntag in Quarantäne befindet, vor allem aber daran, dass sich die meisten Weggefährten von ihm abgewendet haben. Im Mai, kurz nach Bekanntwerden der Vorwürfe, hatte ihm mit Ausnahme des Athletenvertreters Jonathan Koch noch das komplette Präsidium das „uneingeschränkte Vertrauen“ ausgesprochen. Davon ist schon lange nicht mehr die Rede. Mittlerweile gibt es niemanden mehr mit Ambitionen auf ein wichtiges Amt im deutschen Sport, der noch an der Seite von Hörmann steht. Seine Hoffnung, am 4. Dezember zum Ehrenpräsidenten ernannt zu werden, ist längst hinfällig. Stattdessen könnte es sogar passieren, dass ihm die Entlastung verweigert wird, weil unklar ist, wer die Bezahlung der vielen Anwälte und Gutachter übernimmt.

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Auch abseits dieser Frage ist der DOSB ein großer Sanierungsfall. „Wir sind am Tiefpunkt angelangt“, sagte Martin Engelhardt, Chef der Deutschen Triathlon-Union, „es reicht nicht, nur einzelne Personen austauschen. Es braucht einen kompletten Neuanfang.“ Fragt sich nur, mit wem an der Spitze?

Zwei Kandidaten, ein Favorit

Favorit bei der Wahl in Weimar ist Thomas Weikert (60), der Boss des Tischtennis-Weltverbandes. Zudem bewirbt sich Claudia Bokel (48), die Präsidentin des Deutschen Fechter-Bundes. Sie wollte sich bisher nicht öffentlich äußern. Im Gegensatz zu Weikert. „Ich mache Familienrecht“, sagte der Anwalt aus Limburg, „wenn man keine Lösung beim Unterhalt findet, sind die Kinder verhungert. Ich bin ganz passabel darin, Lösungen zu finden.“ Auch in besonders schweren Fällen?

Klar ist, dass der DOSB seine internen Probleme schnell lösen muss. Denn die großen Themen sind eigentlich andere. Auch die vierte Coronawelle wird den Sport hart treffen, es geht um die Leistungsfähigkeit des Spitzensports, um die vielerorts marode Infrastruktur, um den Stellenwert des Schulsports, um das zerrüttete Verhältnis zum IOC. Und dann gibt es bald ja noch eine neue Bundesregierung, von der niemand weiß, ob auch ihr der Spitzensport rund 300 Millionen Euro im Jahr wert ist. „All diese Dinge zurechtzurücken wird eine schwierige Aufgabe“, meinte Ex-Bundespräsident Christian Wulff, der die Findungskommission für die Hörmann-Nachfolge leitete. „Im DOSB muss man nun wieder aufeinander zugehen, statt aufeinander loszugehen.“ Wenigstens dieser Kulturwandel sollte in Weimar gelingen.

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